Wirtschaft

Nicht sonderbar, nur Kapitalismus Was China in Afrika treibt

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China in Afrika - Kapitalismus und nicht mehr.

(Foto: REUTERS)

"Die gierigen Helfer", "Afrikas Ausverkauf": Seit Jahren wird das chinesische Engagement auf dem schwarzen Kontinent misstrauisch verfolgt. Dass China aber langfristige oder gar geheime Pläne hegt, entspricht eher dem "Angstbild des Westens", meinen Experten.

Der einstige Schwimmchampion Adam ist zufrieden mit seinem Job als Bademeister in einer Hotel-Poolanlage in N'Djamena, der Hauptstadt des Tschad. Doch als chinesische Investoren das Hotel übernehmen, wird der alternde Champion zum Parkplatzwächter degradiert und sein Sohn übernimmt seinen Job. Mitten im von Bürgerkriegen gebeutelten Tschad bricht Adams Leben auseinander.

Mit dem preisgekrönten Film "Un homme qui crie" (Ein Mann, der schreit) sind die chinesischen Investments in Afrika in der Filmkunst angekommen. Medien beschäftigen sich schon seit Jahren mit dem Phänomen – nicht nur in China und Afrika selbst, sondern vor allem auch im Westen.

Besonders der eifrige chinesische Aufkauf von afrikanischen Rohstoffen, ob Öl, Eisenerz oder Kupfer, wird mit Unbehagen verfolgt. Nicht immer wird dabei deutlich, ob die westliche Empörung allein der Ausbeutung Afrikas oder auch dem Gefühl, selber zu spät zu kommen, gilt. Ohne Zweifel ist das chinesische Interesse an den Rohstoffen hoch, dennoch kommt in der Diskussion oft die geostrategische Bedeutung der afrikanischen Länder für China zu kurz.

Alte Interessen

"Politisch bietet Afrika mit seinen vielen Staaten bei internationalen Organisationen wie etwa den Vereinten Nationen ein Fangbecken für Stimmen", erklärt der in Köln lebende chinesische Journalist Shi Ming gegenüber n-tv.de. "Mit Diskursen wie 'Dritt-Welt-Theorie' oder 'Süd-Süd-Zusammenarbeit' fischte Peking bereits erfolgreich in diesem Becken – manchmal für Geld, manchmal für Waffen, manchmal gegen politische Deals." Genau so sei bereits in den 1970er Jahren die Rückkehr Chinas in die Vereinten Nationen gelungen.

Bis heute kann sich China bei vielen umstrittenen Themen wie etwa in den Taiwan- oder Tibet- Fragen der Unterstützung vieler afrikanischer Länder gewiss sein. Zuletzt sorgte Südafrika für Aufregung, als dem Dalai Lama kein Einreisevisum erteilt wurde. Erzbischof Desmond Tutu, zu dessen 80. Geburtstag der Dalai Lama eingeladen war, warf dem südafrikanischen Präsidenten Jacob Zuma vor, dem Druck Chinas nachgegeben zu haben. Die südafrikanischen Behörden begründeten die Verzögerung nicht.

Gegenseitiger Nutzen

Doch auch die afrikanischen Staaten profitieren von ihrem chinesischen Partner. Abgesehen davon, dass die meisten Geschäfte ohne unliebsame politischen Bedingungen von Seiten Chinas geschlossen werden, gilt als sicher, dass die USA und die EU in einigen afrikanischen Ländern immer mehr Probleme haben werden, politische Reformen und Menschenrechte durchzusetzen. So haben einige afrikanische Diktatoren, wie z.B. Robert Mugabe aus Simbabwe, bereits angekündigt, sich künftig einfach stärker China zuwenden zu wollen.

Das China-Bild, das durch diese politischen und wirtschaftlichen Komponenten entsteht, stößt aber auch in Deutschland auf Kritik. So weisen deutsche Forscher für Entwicklungspolitik gerne auf die umfangreichen chinesischen Entwicklungshilfen hin. Die These eines zu negativen China-Bildes hierzulande teilt Shi Ming jedoch nicht. Dass die chinesische Führung sich nur wenig um Menschenrechte schere, sei eine bewiesene Tatsache, die in China selber von niemanden, außer von der Regierung selbst angezweifelt werde, so der Journalist. Was die Entwicklungshilfe angehe, käme die nur in Gestalt der Regierung, kein Chinese und keine chinesischen karitativen Organisationen würden sich hier engagieren.

Kein Patient, sondern Geschäftspartner

Einigkeit herrscht darüber, dass China das Bild des "afrikanischen Patienten" nicht übernommen hat. Statt als Empfänger von Wohltätigkeit gilt Afrika den Chinesen als ausgezeichneter Investitionsstandort. Und den gilt es zu hegen – sei es mit regelmäßigen Besuchen der chinesischen Führungsriege oder mit Konfuzius-Instituten, die die afrikanische Jugend zum Lernen der chinesischen Sprache ermuntern sollen. 

Es gebe kaum Zweifel dran, dass der Kapitalismus in China nach haargenau denselben Mechanismen funktioniert und versagt wie im Westen auch, stellt Shi Ming fest. Ein Bild, dass sich bei einem Blick auf die bilaterale Handelsbilanz zwischen China und Afrika bestätigt. Die war zwar im Jahr 2010 mit einem Stand von 126 Mrd. Dollar relativ ausgeglichen, doch wirklich ebenbürtig sind diese Handelspartner nicht. So ist China nicht nur als Rohstoffkäufer, als Häuserbauer oder Kreditgeber aktiv. Afrika gilt auch als dankbarer Absatzmarkt für billige Konsumgüter aller Art. Vor allem die Textilindustrie leide unter dem "Textil-Tsunami" aus China, schreibt etwa Professor Xuewu Gu vom Center für Global Studies an der Universität Bonn.

Keine Geheimpläne

Die westliche Sorge, dass China geheime, langfristige Pläne mit Afrika hat, teilt Experte Shi Ming jedoch nicht. "Das ist eher ein Angstbild der Europäer und Amerikaner." Chinas Afrika-Politik habe nicht wirklich die Qualität einer wohlüberdachten Strategie, sondern sei allenfalls ein Papiertiger, was sich bei den derzeitigen afrikanischen Veränderungen gut zeigen würde. So demonstriere beispielsweise das Scheitern des libyschen Machtinhabers Muammar Gaddafi, wie unbedacht und konzeptlos das chinesische Afrika-Engagement eigentlich von Anfang an gewesen sei.

Selbst im Sudan, wo China auch davor nicht zurückgeschreckt sei, das Vetorecht beim UN-Sicherheitsrat einzulegen, um eine schützende Hand über den international geächteten Präsidenten zu halten, zeichne sich ab, dass es demnächst für Peking unangenehm werden könne, so der Publizist. Ein Engagement Pekings bei den abgespalteten Südsudanesen wäre gar nicht so wünschenswert für etliche afrikanische Regierungen.

Europa sollte aufhören, China als einen Sonderfall zu betrachten, empfiehlt Shi Ming. "So sonderbar ist China nicht." Europa sollte zudem ehrlich dazu stehen, dass das europäische Kapital selbst gerade auch in China große Vorteile erwirtschaftet.

Adam, der einstige Schwimm-Champion, zerbricht im Film nicht an den chinesischen Investoren. Sondern an dem Bürgerkrieg, den er aus gekränkter Eitelkeit mitten in seine Familie lässt, als er seinen Sohn den Regierungstruppen ausliefert. Angesichts dieser Probleme ist die neue chinesische Hotelinhaberin nicht viel mehr als eine Statistin in einem afrikanischen Leben.

Quelle: n-tv.de

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