Wirtschaft

Experten antworten Wie begrenzt man am besten die Strompreise?

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Die Lösung der Energiekrise ist weit komplizierter als manche glauben.

(Foto: picture alliance / Panama Pictures)

Die Strompreise steigen rasant und belasten Privatkunden und Wirtschaft. Bundesregierung und EU planen Gegenmaßnahmen, unter anderem Preisdeckelungen und Gewinnabschöpfungen. Experten sagen, was sie davon halten, wie es gemacht werden könnte und wie sich der Strommarkt mittelfristig ändern sollte.

Im Schlepptau rasant steigender Gaspreise schießen auch die Strompreise in die Höhe. Vor zwölf Monaten zahlten laut Verivox-Verbraucherpreisindex Kunden mit einem Jahresverbrauch von 4000 Kilowattstunden (kWh) noch rund 30,5 Cent/kWh, im Januar waren es bereits 10 Cent mehr, aktuell liegt der Preis bei 51,6 Cent/kWh. Eine Trendumkehr ist nicht absehbar, EU-Kommission und Bundesregierung planen daher Notfallmaßnahmen, die den Anstieg begrenzen und Geld für die Entlastung von Verbrauchern bereitstellen sollen. Unter anderem sollen dazu "Zufallsgewinne" von Erzeugern abgeschöpft und das Stromsparen gezielt gefördert werden. Auch eine Deckelung der Preise ist im Gespräch.

Das Science Media Center hat sechs Wissenschaftler gefragt, welche Maßnahmen zur Entlastung von Stromverbrauchern schnell eingeführt und konkret ausgestaltet werden sollten.

Strompreisdeckelung "schlechteste aller Optionen", ...

Eine Strompreisdeckelung schätzen die Experten höchst unterschiedlich ein. Lion Hirth, der Professor für Energiepolitik an der Hertie School in Berlin und Geschäftsführer des energiewirtschaftlichen Beratungsunternehmens Neon ist, sieht sie sehr kritisch. Von allen Optionen sei dies die schlechteste, sagt er.

"Unabhängig davon, wie genau man den Basisverbrauch festlegt, ist das Wichtigste: Energiesparen muss sich weiter finanziell lohnen. Wir müssen die Spar-Anreize erhalten oder im besten Fall noch verstärken", betont Hirth. "Wie man es auf keinen Fall machen sollte, sieht man in Österreich: Dort ist im Ergebnis der Strompreis für fast die Hälfte der Menschen auf 10 Cent gedeckelt – das ist etwa 90 Prozent unter den realen Preisen! Das ist eine Einladung zur Energieverschwendung auf Staatskosten. Außerdem gefährdet das die Stabilität der Stromnetze, weil Menschen von Gas- auf Stromheizungen ausweichen könnten."

Claudia Kemfert, Energieexpertin vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), stimmt Hirth zu. Eine Deckelung des Strompreises könne die Krise verstärken, indem der Stromverbrauch subventioniert werde", sagt sie. "Besser wäre, das Stromsparen zu subventionieren, und betroffene Haushalte und Unternehmen direkt zu entlasten. Nicht Preise müssen gedeckelt werden, sondern Kosten."

... oder "pragmatisch und umsetzbar"?

In Österreich gilt der gedeckelte Preis von 10 Cent/kWh ab Dezember für Haushaltskunden für den Bezug von jährlich 2.900 kWh. Uwe Leprich findet das ganz anders als Lion Hirth richtig. Der Dozent für Ökonomische/Wirtschaftspolitische Nachhaltigkeitsstrategien an der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes hält die österreichische Lösung für pragmatisch und schnell umsetzbar.

Für Deutschland sieht er aber eher einen gedeckelter Preis von 30 Cent/kWh, der sich an der Vor-Corona-Zeit anlehne, so Leprich. Um einen Spar-Anreiz zu erhalten, biete sich – ähnlich wie in Österreich - ein Prozentsatz des üblichen Durchschnittsverbrauchs an, allerdings nach Haushaltsgrößen gestaffelt.

"Legt man hier ebenfalls 80 Prozent und die bekannten Durchschnittsverbräuche der Haushalte zugrunde, ergibt sich folgender Basisverbrauch im Haushaltsbereich: eine Person - 1200 kWh im Jahr, zwei Personen - 2000 kWh im Jahr, drei Personen - 2800 kWh im Jahr, vier Personen und mehr - 3400 kWh im Jahr."

Auch eine Frage der Gerechtigkeit

Erik Gawel, Leiter des Departments Ökonomie am Leipziger Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) ist für eine Preisdeckelung grundsätzlich offen, solange sie in einen "Dreiklang" eingebunden ist: "Marktpreise dämpfen, 'Zufallsgewinne' abschöpfen und Endkundenpreise deckeln. Dies findet sich sowohl im Papier des Koalitionsausschusses als auch im Statement der EU-Energieminister."

Der Staat müsse aber ausfallende Erlöse der Stromerzeuger "aus irgendeiner Quelle" kompensieren", schränkt Gawel ein. Eine Deckelungsgrenze müsse außerdem gerecht sein. Die auszuwählende Reichweite werfe schwierige Gestaltungsfragen auf: "Sollen auch Unternehmen entlastet werden? Auch Spitzenverdiener? Auch Zweit- und Drittwohnungen?" Die konkrete Bemessung des Basisbedarfs sei ebsenso schwierig: "Pro Kopf? Nach historischem Verbrauch? Pro Haushalt?"

Keine Zeit für langfristige Planung

Auch die Ermittlung eines Durchschnittsverbrauchs sei "nicht selbsterklärend", sagt Gawel. "In jedem Modell werden aber zum Teil gravierende Gerechtigkeitslücken auftreten - je nach Haushaltszusammensetzung, früheren Einsparbemühungen versus früherer 'Verschwendung' von Haushalten, Begünstigungen von Hochverdienern, Doppelbegünstigung bei Zweitwohnungen, Abgrenzungen im Unternehmenssektor. Das Koalitions-Papier nennt hier: 'kleine und mittelständische Unternehmen mit Versorgertarif' - und so weiter."

Auch Felix Christian Matthes sieht Probleme bei der Ermittlung eines Durchschnittsverbrauchs. Er ist Forschungskoordinator Energie - und Klimapolitik in der Abteilung Energie und Klimaschutz des Öko-Institut. Es werde Ungerechtigkeiten und Mitnahmeeffekte geben, sagt er. Dies sei der Preis schnell wirksamer Preisinterventionen. Man müsse aber in jedem Fall darauf achten, "dass der Hochlauf neuer Klimaschutztechnologien wie elektrische Fahrzeuge oder Wärmepumpen durch Basisverbrauchsmodelle nicht ausgebremst wird", mahnt Matthes.

"Zufallsgewinne" auch bei Erneuerbaren abschöpfen?

Die Gefahr, dass die Falschen getroffen werden könnten, sieht Claudia Kemfert auch bei einer möglichen Abschöpfung von "Zufallsgewinnen" zur Finanzierung von Entlastungen. Unternehmen, die in Zukunftsmärkte investieren, dürften dadurch nicht belastet werden", sagt sie. "Dies kann beispielsweise durch eine Umlage oder eine Abgabe passieren."

Die Einnahmen sollten zielgerichtet an betroffene Unternehmen und Haushalte rückerstattet werden, so Kemfert. "Eindeutiger Nachteil kann sein, dass Unternehmen zu sehr belastet werden und ihnen die Spielräume für Investitionen fehlen. Daher wäre es sinnvoll, dass nur solche Zufallsgewinne besteuert werden, die nicht in Zukunftsinvestitionen fließen sollen."

Uwe Leprich hält es dagegen für "stringent und ordnungspolitisch unbedingt geboten", allen Energieerzeugern "Zufallsgewinne" wieder abzunehmen - auch Erzeugern erneuerbarer Energien. "Die Differenz zwischen den Börsenpreisen und den eigenen variablen Kosten, Brennstoff- plus CO₂-Kosten, beziehungsweise den in den Ausschreibungen erzielten Vergütungen - bei den Erneuerbaren, lässt sich leicht und transparent ermitteln und abschöpfen."

Irgendjemand muss bezahlen

Erik Gawel sieht zwar auch große Probleme bei der konkreten Ausgestaltung. "Eine Abschöpfung hätte aber den Vorteil, die Preisbildung und den sinnvollen Marktmechanismus nicht zu stören", sagt er. Hier könne eine Zwangsumlage in Betracht kommen, die den Stromproduzenten ihren Markterlös lasse, sie aber verpflichte, einen bestimmten Betrag per Umlage abzuführen.

Wenn dafür Gelder aus öffentlichen Haushalten nicht ausreichend verfügbar gemacht werden, könne die notwendige Finanzierung nur über eine Abschöpfung von "Zufallsgewinnen" geschehen, sagt Christian Matthes. Damit könnten Strompreise nicht gesenkt, aber die für Entlastungen notwendigen Mittel beschafft werden.

Grundlegende Reformen notwendig

Einig sind sich die Wissenschaftler, dass mittelfristig grundlegende Reformen des Strommarkts nötig sind. "Die Strompreisbildung in Europa beruht derzeit auf großen Preiszonen", sagt Martin Weibelzahl, Fachbereichsleiter am Bayreuther Kern­kompetenz­zentrum Finanz-­ & Informations­management. In ihnen blieben lokale Verfügbarkeiten an (erneuerbarem) Strom, lokale Unterschiede in der Stromnachfrage und Transportknappheiten unberücksichtigt, woraus sich Fehlanreize und Ineffizienzen ergäben.

Im deutschen Stromnetz gäbe es teils große Kapazitätsbeschränkungen für den Transport von Strom. Zum Beispiel könne zwischen dem Norden und dem Süden Deutschlands nicht beliebig viel Strom transportiert werden. Gute Windverhältnisse im Norden Deutschlands führten beispielsweise dort zu einer hohen Einspeisung preisgünstiger Windenergie und einem entsprechend sinkenden Strompreis für Gesamtdeutschland. Dadurch wiederum entstünden Anreize, auch im windstillen Süden Deutschlands mehr Strom zu verbrauchen.

"Zur Gewährleistung der Netzstabilität müssen Windenergieanlagen im Norden abgeregelt und oftmals alte, ineffiziente Kraftwerke im Süden zum Ausgleich hochgefahren werden", so Weibelzahl. "Das nennt man Redispatch. Dies führt zu extrem hohen Kosten und gleichzeitig zu unnötigen CO₂-Emissionen."

Angebot und Nachfrage lokal steuern

Um Fehlanreize abzubauen, "benötigen wir in einer hochgradig dezentralen Welt mit abertausenden von Erzeugern und Verbrauchern lokale, marktliche Anreize für Stromerzeugung und -verbrauch. Lokale Preise müssen sowohl kurzfristig das lokale Stromangebot und die -nachfrage steuern als auch Anreize für Investitionen in nachhaltige Technologien genau dort setzen, wo diese am dringendsten benötigt werden."

"Neben dem Ausbau der erneuerbaren Energien kommt es auch auf Stromspeicher, Lastmanagement und eine dezentrale intelligente Netzinfrastruktur an", sagt Claudia Kemfert. "Wir benötigen einen Markt für alle Flexibilitätsoptionen im Strommarkt. Die Reform des Strommarktdesigns sollte in Europa erfolgen, Alleingänge einzelner Länder sind kontraproduktiv."

Ersatz für Gaskraftwerke muss sich lohnen

Für Uwe Leprich geht es in erster Linie um die Frage, "ob künftig auf der Grundlage des Börsenpreissignals ausreichend in neue flexible Kapazitäten zur Flankierung der dargebotsabhängigen Wind- und Solaranlagen investiert wird. Sollte dies nicht der Fall sein, ist die Versorgungssicherheit zweifellos gefährdet", sagt er.

"Eine vergleichsweise sichere und praktikable Lösung könne darin bestehen, den Übertragungsnetzbetreibern als Regelzonen-Verantwortliche die zusätzliche Kompetenz einzuräumen, die absehbar notwendigen Flexibilitäts-Kapazitäten über Ausschreibungen zu akquirieren und die Kosten in den Netzentgelten weiterzugeben."

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Christian Matthes sieht im aktuellen Marktdesign die Frage nach der Sicherung sogenannter einlastbarer Erzeugungskapazitäten, die Gaskraftwerke ersetzen, nicht beantwortet. Dabei handelt es sich um unabhängig vom Wetter steuerbare Kraftwerke wie Wasserstoff- oder Biomasse-Kraftwerke oder auch Speicher. Hier sei die Schaffung von (fokussierten) Kapazitäts- oder Flexibilitätsmärkten überfällig.

"Die notwendigen Reformen des Strommarktdesigns sind komplex, bedürfen einer starken Kooperation zwischen den EU-Mitgliedstaaten und brauchen Zeit beziehungsweise eine extrem sorgfältige Vorbereitung", sagt Matthes. "Deshalb ist der zeitnahe Start entsprechender Klärungs- und Konzeptionsprozesse unbedingt nötig. Gleichzeitig sollten durch die aktuelle Krise motivierte Ad-hoc-Eingriffe in das Strommarktdesign mit möglicherweise sehr weitreichenden Implikationen beziehungsweise kontraproduktiven Effekten genauso dringend vermieden werden."

Quelle: ntv.de, kwe

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