Wirtschaft

Brasilien hat viel zu tun Zwischen Korruption und Aktienrekorden

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Die Zustimmungswerte für Brasiliens Präsidenten Temer liegen im einstelligen Prozentbereich.

(Foto: REUTERS)

Die brasilianische Wirtschaft erholt sich von der schwersten Rezession seit Jahrzehnten. Der Aktienmarkt klettert auf Rekordhochs. Doch das Land steht vor gewaltigen Herausforderungen.

Die Nachrichten aus Brasilien erinnern häufig an eine Bananenrepublik. Nun wurde der Organisationschef der Sommerspiele 2016 in Rio de Janeiro, Carlos Arthur Nuzman, wegen des Verdachts auf den Kauf von Stimmen bei der Olympia-Vergabe festgenommen. Ebenso erging es dem Marketingchef der Veranstaltung, Leonardo Gryner. Korruption ist in Brasilien weit verbreitet, gerade auch in der Politik. So wird Staatspräsident Michel Temer vorgeworfen, er habe dabei geholfen, Mitwisser in einem landesweiten Korruptionsskandal mit Geld zum Schweigen zu bringen.

Der konservative Temer zählt auch deshalb zu den unbeliebtesten brasilianischen Präsidenten aller Zeiten, was die Brasilianer vor den Parlamentswahlen im Oktober kommenden Jahres ratlos zurücklässt. Sie sind gespalten wie nie zuvor. Zu dieser Situation dürfte auch Vorgängerin Dilma Rousseff beigetragen haben.

Die linksgerichtete Politikerin war 2016 als Staatschefin wegen geschönter Haushaltszahlen des Amtes enthoben worden. Im September wurde sie wegen Veruntreuung von Geldern des staatlichen Erdölkonzerns Petrobras angeklagt. Die weitverzweigte Petrobras-Affäre erschüttert die brasilianische Politik seit Jahren. In den Skandal sind zahlreiche Geschäftsleute und Politiker verschiedener Parteien verwickelt. Petrobras soll zu überteuerten Bedingungen Aufträge an Baukonzerne und andere Firmen vergeben haben; diese wiederum zahlten Bestechungsgelder an Politiker und Parteien.

Kommt Lula zurück?

In Umfragen liegt der ehemalige Präsident Luiz Inacio Lula da Silva in Front. Ob Lula allerdings bei der Wahl antreten kann, hängt davon ab, ob ein übergeordnetes Gericht eine Strafe gegen ihn wegen aufrecht hält. Lula war im Juli unter anderem wegen Geldwäsche zu neuneinhalb Jahren Haft verurteilt worden, befindet sich aber wegen des laufenden Berufungsverfahrens auf freiem Fuß. Zudem muss er sich in einem anderen Verfahren wegen des Vorwurfs der Untreue verantworten.

Dennoch erinnern sich viele Brasilianer gerne an Lulas Amtszeit von Januar 2003 bis 2011, als Millionen von armen Brasilianern in die Mittelschicht aufgestiegen waren. Allerdings hatten sich die Schulden der privaten Haushalte und der Unternehmen außerhalb des Finanzsektors innerhalb von acht Jahren insgesamt verdreifacht. Dass es damals schon enorme Korruption gab, darüber sehen viele Bürger ebenfalls hinweg.

Wenigstens nutzt Temer, der keinerlei Chance auf eine Wiederwahl hat, nun die Zeit, um Reformen anzuschieben und unpopuläre Sparmaßnahmen durchzusetzen. Das ist dringend notwendig, war doch die Staatsverschuldung im Jahr 2016 auf den Rekord von 69,5 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung gestiegen, während die Neuverschuldung bei knapp zehn Prozent der Wirtschaftsleistung liegt – ein extrem hoher und keineswegs nachhaltiger Wert.

Wirtschaft erholt sich

Etwas Rückenwind bekommt Temer von der Konjunktur. So war die Wirtschaft im zweiten Quartal 2017 das zweite Quartal in Folge gewachsen, womit sie offiziell im Aufschwung ist, nachdem sie zuvor acht Quartale in Folge gegenüber dem Vorquartal geschrumpft war. Allerdings hat sich das Wachstum im zweiten Quartal auf nur mehr 0,2 Prozent stark abgekühlt.

Die Konjunkturerholung stützt dennoch den Arbeitsmarkt. Die Arbeitslosenquote ist im August auf 12,6 Prozent gesunken. Das ist zwar das niedrigste Niveau seit Januar, trotzdem vergleichsweise hoch. Zumindest lag die Inflationsrate im September bei nur 2,5 Prozent und damit in der Nähe des niedrigsten Niveaus seit Februar 1999. Damit lässt der Druck auf die Verbraucher deutlich nach.

In dem Umfeld sind die Zinsen für zehnjährige Anleihen trotz der sehr hohen Neuverschuldung auf 9,8 Prozent gesunken - das ist der niedrigste Wert seit Mai 2013. Wegen der lockeren Geldpolitik der Notenbanken der USA, der Eurozone und Japans greifen Investoren auf der verzweifelten Suche nach Rendite bei riskanteren Papieren wie brasilianischen Anleihen zu und treiben so die Zinsen stark nach unten. Im Januar 2016 lagen sie noch bei 16,8 Prozent. Die sinkenden Zinsen haben den Aktienmarkt enorm beflügelt. Der Ibovespa hat sich in dem Zeitraum auf 76.700 Punkte verdoppelt und notiert damit am Rekordhoch.

Die schwersten Werte in dem Index sind die Geldhäuser Itau Unibanco mit 11,1 Prozent, vor Banco Bradesco mit 8,4 Prozent. Die Banken profitieren am stärksten von der Konjunkturerholung, gehen doch allmählich die Rückstellungen für faule Kredite zurück. Auf Platz drei rangiert der Bergbauriese Vale (7,8 Prozent), vor dem größten Brauereikonzern Lateinamerikas AmBev (7,3 Prozent) und dem Ölmulti Petrobras (5,2 Prozent). Der Finanzsektor macht insgesamt mehr als Drittel des Gewichts des Index aus und ist damit die mit weitem Abstand schwerste Branche.

Probleme bleiben

Auf den Landesindex können Anleger mit einem ETF oder einem Indexzertifikat investieren und so annähernd 1:1 an der Kursentwicklung partizipieren. Wer mehr Mut aufbringt, kann bei sämtlichen Einzelwerten auch gehebelt via Knock-outs profitieren. Aber Vorsicht, meint Stefano Angioni, Derivate-Spezialist bei der Société Générale: "Der Hebel dieser Papiere wirkt in beide Richtungen, sowohl bei Aktienkurssteigerungen als auch Kursrückgängen. Insbesondere nach den letzten Kurssteigerungen ist der Index für Rückschläge anfällig, was sich entsprechend gehebelt auf das Investment auswirken könnte. Daher besser mit kleinerem Hebel einsteigen."

Auf den jüngsten Seitwärtstrend bei Vale können Anleger außerdem noch mit Capped Bonuszertifikaten verdienen. Solche Papiere spielen ihre Stärken aus, wenn die Aktie oder ein anderer Basiswert auf der Stelle tritt. So bietet zum Beispiel das Capped Bonuszertifikat mit der WKN CE80VS bis zum Juni 2018 eine jährliche Rendite von 9,1 Prozent, wenn Vale bis dahin nicht um mehr als rund 33 Prozent fällt. Erst danach rutscht das Papier in die Verlustzone. Kurssteigerungen sind also nicht notwendig, auch wenn die jüngste Kurserholung aufgrund der robusten globalen Weltwirtschaft noch weiter gehen könnte. Langfristig wird sich das Land aber seinen Problemen, wie der sehr hohen Neuverschuldung, hoher Arbeitslosigkeit und nicht zuletzt der Korruption stellen müssen.

Disclaimer: Dieser Beitrag stellt keinerlei Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Aktien oder Anlageprodukten dar. Für die Richtigkeit der Daten wird keine Haftung übernommen.

Quelle: ntv.de, mit AFP

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