Wirtschaft
Dienstag, 24. Oktober 2006

Lingohr Systematic-Fonds: Die Mensch Maschine

Ein Blick in die Glaskugel – für Fondsmanager Frank Lingohr kommt dies nicht in Frage. Beim Investieren setzt er auf Zahlen und Computerprogramme - weniger auf menschliche Börseneinschätzungen. Kapitalmarktprognosen, Marktprognosen und Zinsprognosen spielen für ihn überhaupt keine Rolle: „Die Treffsicherheit der Experten ist so niedrig, dass man dies vernachlässigen kann. In letzter Konsequenz reduziert sich alles auf die Frage: Würde ich das gesamte Unternehmen zu diesem Preis kaufen?“

Chicco spielt bei der Suche nach geeigneten Kandidaten eine zentrale Rolle. Chicco - das ist ein von Lingohr entwickeltes Computerprogramm. Der 60-jährige gilt in der Branche als einer der Computerpioniere. Bereits Ende der 70er Jahre spürte er als Privatkundenberater einer Investmentbank unterbewertete Aktien mit Hilfe des bankeigenen Zentralrechners auf. Damals wie heute gilt: Die Maschine rechnet, die Regeln gibt der Profi vor. Lingohr gewichtet jedes Land gleich. Das heißt, er investiert in Deutschland genauso viel wie in Hongkong, oder genauso viel wie in den USA. Langfristig erzielt er dadurch seit Jahren bessere Anlageresultate.

Aus 22.000 Werten eine Rangliste erstellt

Darüber hinaus benutzt er in jedem Land unterschiedliche Bewertungsmodelle. In Frankreich ist das zum Beispiel die Dividendenrendite, in Japan traditionell das Kurs-Buchwert-Verhältnis. Und in Deutschland ein hoher Innerer Unternehmenswert. Aber das reicht nicht. Chicco wertet die Unternehmensdaten für jedes Land nach einem ganzen Strauß von Bewertungsverfahren aus. Welche das sind - und wie Lingohr sie gewichtet, bleibt Betriebsgeheimnis. Einmal pro Woche werden sämtliche Portfolios gecheckt. Aus 22.000 Unternehmen ermittelt Chicco für jedes Land Ranglisten von eins bis 100 – der Rang entscheidet über Kauf oder Verkauf Rot signalisiert: Die Aktie hat sich disqualifiziert und fliegt raus. Mögliche Kaufalternativen zeigt Chicco per Mausklick an.

Beim Verkauf kein Spielraum

Den Spielraum der Manager sieht Lingohr allein darin, die Werte kaufen zu können, die sie favorisieren. Beim Verkauf hingegen gibt es keinen Spielraum. Diese Disziplin zahlt sich aus. Während der Vergleichsindex MSCI World sich in zehn Jahren nicht einmal verdoppelt hat, hat sich Lingohrs Flaggschiff, der Systematic-Fonds, im gleichen Zeitraum verdreieinhalbfachen können. Chicco sei Dank, so Frank Lingohr: „Der Computer ist schneller. Er kann sehr viel mehr Daten in Sekundenbruchteilen verarbeiten. Das können sie als Mensch gar nicht schaffen. In dem Augenblick, wo sie mit ihrer Ranglistenherstellung mit manueller Arbeit fertig sind, geht das Ganze wieder von vorne los – sie kommen nie zum Investieren.“

Ohne die Profis käme allerdings auch Chicco nicht aus. So hatte das System den US-Energiekonzern Enron als Kaufkandidaten ausgewiesen. Dennoch kam der spätere Pleite-Kandidat nie ins Depot. Denn Lingohr und seine Partner haben - wie immer - Bilanzen studiert – und das Geschäftsmodell nicht verstanden. Maschine mit Mensch - die doppelte Expertise zahlt sich also aus.

Quelle: n-tv.de