Kolumnen

Die Busch-Trommel Ab in den Garten

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Eine kluge Auswahl, persönliche Hingabe und viel Zeit.

(Foto: REUTERS)

Der Krisenkurs der Politik bereitet Friedhelm Busch ernste Sorgen: Lebt der deutsche Wähler wirklich in der besten aller Welten? Anlegern rät der Börsenkommentator dringend, abseits aller Aufregung über den Tag hinaus zu planen.

Friedhelm Busch

Friedhelm Busch

In welcher Welt leben wir eigentlich? Die hoffnungslos überschuldeten Länder im Süden Europas etablieren sich locker und entspannt als dauerhafte Kostgänger ihrer nördlichen Nachbarn, bis sich diese dann selber in die Warteschlagen vor der gesamteuropäischen Bahnhofsmission EZB einreihen müssen. Darüber kann jetzt auch die scheinbar gelungene Rückkaufaktion griechischer Anleihen nicht hinwegtäuschen.

Die europäische Notenbank, deren wichtigste Aufgabe es doch ist, das Vertrauen in den Euro zu erhalten, bricht Tag für Tag vertraglich vereinbartes Recht, um diesen politischen Unsinn zu alimentieren. Dadurch schwindet natürlich erst recht das Vertrauen in die gemeinsame Währung, aber das kümmert keinen der verantwortlichen Politiker, ist doch in den einzelnen Mitgliedsstaaten geltendes Recht längst zum Schmuddelkind verkommen. Damit nicht genug: Europa driftet ab in eine Konjunkturflaute, die auch an Deutschland nicht vorübergehen wird, und in den USA pokern die beiden politischen Lager verbissen um die Zukunft des Landes, selbst auf die Gefahr hin, die US-Wirtschaft in den Abgrund zu stürzen. Und trotzdem dämmern an den Aktienbörsen alte oder gar neue Höchststände herauf.

Wahrlich, eine Welt voller Optimismus, die jedoch nur mit Vorsicht zu genießen ist. Weitere Kursgewinne sind im Grunde nur gerechtfertigt, wenn auch die Unternehmensgewinne weiterhin steigen.

Voltaire, der französische Spötter, schickt in seiner Erzählung “Candide oder die beste Welt” seinen redlichen, aber äußerst naiven Helden aus dem Westfälischen auf die Suche nach dem ganz großen persönlichen Glück durch alle Schrecklichkeiten dieser Welt. Die grausamsten Kriegserlebnisse, Sklaverei, Folter, Verstümmelung, Raub und Totschlag - Voltaire lässt nichts aus. Und dennoch glaubt der blind optimistische Candide lange Zeit unbeirrt an diese, an die beste aller Welten. Doch schließlich muss auch er erkennen, dass die höchste Zufriedenheit darin besteht, sich in seinen eigenen Garten zurückzuziehen. Fernab vom ganz alltäglichen Wahnsinn da draußen.

Der Übergang von der Sottise Voltaires zum deutschen Alltag mag jetzt ein wenig gewagt erscheinen, aber zum Jahresende sei er mir dennoch erlaubt.  Ähnlich wie unser Landsmann Candide sollten wir Bundesbürger nämlich begreifen, dass wir die deutsche Politik nicht beeinflussen, geschweige denn mitbestimmen oder gar davon profitieren können. Wir erleiden sie nur: Die Partei der Grünen ist wild entschlossen, alle Deutschen zu guten Menschen zu erziehen. Und was gut ist für die Mehrheit der deutschen Gesellschaft, das bestimmen sie, die Oberlehrer, die wenigen, aber elitären Grünen. Die Sozialisten predigen mehr Gerechtigkeit. Und was gerecht ist, sagt den eigensüchtigen Leistungsträgern hierzulande der jeweilige Parteivorsitzende der SPD. Ab jetzt tut das auch der reanimierte Gerechtigkeitsapostel Steinbrück. Und die Merkel-Konservativen? Die akzeptieren ganz einfach alles, was die Grünen wollen oder auch die Sozialisten oder beide zusammen. Egal. Hauptsache, Frau Merkel bleibt Kanzlerin.

Unterhaltsame Politclowns

Und wir? Das Volk? Der Souverän? Schließlich entscheiden wir mit unseren Stimmen über die Richtung der Politik; so sehen es zumindest die demokratischen Spielregeln! Oder? Doch wir, die Bürger, wir sind des politischen Treibens längst müde; die sinkenden Wahlbeteiligungen sprechen eine deutliche Sprache. Die Parteien sind`s dennoch zufrieden. Ihnen reicht ja die mehrheitliche prozentuale Zustimmung der Wähler; und wenn es nur wenige Stimmen Vorsprung vor der politischen Konkurrenz sind.

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Die tatsächlichen Mehrheiten der Bürger sind für die Machtstrategen all dieser politischen Vereine längst unerheblich. Die kommen erst wieder ins Spiel, wenn sich die Politik auf die Suche nach dem Goldesel macht, der die Wahlprogramme und Wählergeschenke finanzieren soll. Und die Bürger akzeptieren diese Missachtung und Plünderung auch noch oder - noch schlimmer - bemerken sie überhaupt nicht. Sie interessieren sich zunehmend für die tägliche Unterhaltung in ihrer plattesten Form und weniger für komplizierte Sachverhalte, selbst wenn diese ihr eigenes Leben maßgeblich bestimmen und verändern. Sätze mit mehr als drei Wörtern? Zu lang, um ihnen folgen zu können! Texte, die die räumliche Kapazität ihrer Smartphones sprengen? Kein Interesse! Erklärungen und Hintergründe, die über den Tag hinausreichen, Fragen nach dem Sinn politischer Entscheidungen, nach ihrer Effizienz, nach ihrer Bezahlbarkeit? Langweilig und unwichtig!

Die Abgeschiedenheit des Gartens

Unterhaltsamer sind da schon diese Politclowns im täglichen Talkshow-Klamauk. Verständlich, dass angesichts dieser medialen Umweltverschmutzung mancher Bundesbürger dazu neigt, sich wie Candide in die Abgeschiedenheit des eigenen Gartens zu flüchten. Vielleicht wartet ja dort, unbeeinflusst vom Marktgeschrei jenseits des Zaunes, eine Welt auf ihn, in der es sogar Vergnügen macht, über den Tag hinaus zu denken und zu planen. In der Hoffnung, dass die staatliche Gewalt ihn in Ruhe lässt.

Auf die Welt der Aktie übertragen: Der private Anleger muss doch nicht fortwährend als hektischer Schnäppchenjäger der höchstmöglichen Rendite hinterherhecheln, täglich die schlagzeilenträchtigen Nackenschläge der Politik fürchtend. Jedes politische Wenn und Aber auf Auswirkungen für seine Anlageentscheidungen abwägend.

Schleichende Entwertung des Sparvermögens

Muße und Zeit zum Nachdenken sind vermutlich auf lange Sicht gewinnträchtiger, als der tägliche schnelle Blick auf die wechselnden Wasserstandsmeldungen der Börsen, verbunden mit  hektischen Kauf- oder  Verkaufsaktionen.  So ist beispielsweise die jetzt angekündigte Dividendenkürzung bei der Telekom für den geduldigen Privatanleger nicht zwangsläufig die  schlechte Nachricht, die zum Verkauf der Aktie verleiten sollte.

Vorausgesetzt, die liquiden Mittel des Unternehmens werden in den nächsten Jahren  für sinnvolle Investitionen eingesetzt und nicht mehr für die jährlichen  Ausschüttungen vergeudet, könnte diese überfällige Entscheidung der Unternehmensführung für sich genommen sogar den Beginn einer besseren Zeit für die Telekom-Aktie einläuten, also eher ein Kaufsignal darstellen. Bei der schleichenden Entwertung unserer Einkommen und Sparvermögen durch die andauernde Niedrigzinspolitik der Notenbank, kombiniert mit den aktuellen Preis-, Steuer- und Gebührenerhöhungen, ist die Aktienanlage zweifellos ein sinnvoller Notausstieg aus dieser Misere der deutschen Leistungsgesellschaft. Aber bitte nicht in panischer Hektik! Nicht jede Aktie beteiligt den Anleger an einem soliden Unternehmen, das finanziell ausreichend gewappnet ist gegen kommende inflationäre Stürme.

Nicht jedes Unternehmen verfügt über die Produkte, die auch bei deutlichen Preissteigerungen gekauft werden, weil der Verbraucher auf sie angewiesen ist, weil keine Billigkonkurrenz in der Nähe die Kunden abwerben kann. Um diese Unternehmen auf dem Kurszettel zu finden, braucht man aber neben der Lust auf eigenes Wissen viel Geduld. Auch ein Garten benötigt außer der persönlichen Hingabe des Gärtners viel Zeit, bevor die Blumen ihre ganze Pracht entfalten, bevor die Früchte geerntet werden können.

Quelle: ntv.de

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