Wirtschaft
Der US-amerikanische Traum kann sich auch als Alptraum erweisen.
Der US-amerikanische Traum kann sich auch als Alptraum erweisen.(Foto: picture-alliance/ dpa)
Mittwoch, 29. September 2010

Inside Wall Street: Die Kluft zwischen Reich und Arm

Lars Halter, New York

In einer Volkszählung wird den US-Bewohnern wieder der Puls gemessen. Der Befund: Die Schere zwischen Reich und Arm ist erneut größer geworden. Immerhin gibt es auch ein paar unterhaltsamere Details.

Eine ganze Flut von Daten aus der jüngsten Volkszählung in den USA gibt in diesen Tagen einen brandaktuellen Blick auf die Lage der Nation. Nur wenige Monate nachdem die US-Amerikaner die Fragebögen der Regierung ausgefüllt haben, und lange bevor die letzten Details vorliegen werden, gibt es jetzt manches zum Schmunzeln – und manche besorgniserregende Details.

Auf der unterhaltsamen Seite: Wer hätte gedacht, dass sich die schwächere Wirtschaftslage so direkt auf die Zahl der Eheschließungen auswirken würde. Mit den Eintauchen in die Rezession vor zwei Jahren sind die Hochzeiten in den USA deutlich zurückgegangen. Erholt hat sich die Lage bisher nicht. Außerdem stehen die US-Amerikaner zur Zeit weniger lange im Stau und verbringen 36 Minuten weniger im Büro als bei der letzten Erhebung vor zehn Jahren – das hängt aber damit zusammen, dass viele ihre Jobs verloren haben und damit weniger gependelt wird.

Abgesehen von solchen Details stehen in den ersten Berichten der Statistiker vor allem Dinge, die man seit einiger Zeit weiß und die dennoch schockieren. So gibt es weniger Hausbesitzer als noch vor ein paar Jahren, eine deutlich höhere Nachfrage nach Lebensmittelmarken, und die Kluft zwischen den Reichen und den Armen ist erneut breiter geworden, in den vergangenen zwölf Monaten sogar in einem bisher ungekannten Tempo.

Den jüngsten Zahlen zufolge verdienen die oberen 20 Prozent der US-Bevölkerung zur Zeit 49,4 Prozent des Gesamteinkommens. Die unteren 20 Prozent teilen sich einen mageren Anteil von 3,4 Prozent. Damit liegt das Verhältnis der Gut- zu den Schlechtverdienenden bei 14,5:1, vor einem Jahr hatte es noch 13,6:1 betragen, vor vierzig Jahren sogar überschaubare 7,7:1.

Eine vergleichbare Spanne zwischen arm und reich gibt es in den industrialisierten Staaten der Welt sonst nirgends. Dabei ist die Spanne nicht überall gleich groß. In New York, Connecticut und Texas ist sie noch viel tiefer, unter den Großstädten herrscht in New York, Miami, Los Angeles, Boston und Atlanta die größte Ungleichheit – allesamt Städte mit einem hohen Anteil Superreicher, hier aus dem Finanzsektor, dort aus dem Showbereich, denen gewaltige Ghettos mit Arbeits- und Obdachlosen gegenüberstehen.

"Die Unterschiede zwischen Arm und Reich sind noch größer, wenn man Steuern mit einrechnet", mahnt Timothy Smeeding von der University of Madison im Bundesstaat Wisconsin. Mehr als in anderen Ländern sind Geringerverdienende ungerecht stark besteuert, Smeeding nennt das US-amerikanische System eine "winner-takes-all-economy" – eine Wirtschaft, in der der Gewinner restlos abräumt.

Dass die neuesten Zahlen die aktuelle Debatte um die Besteuerung verschiedener Einkommensschichten beeinflussen kann, ist leider nicht zu erwarten. Die Diskussion darüber wird in Washington emotional und politisch geführt, Fakten spielen eine untergeordnete Rolle – zumal sie nicht komplett neu, sondern nur noch einmal aktuell belegt sind.

Die Demokraten wollen bekanntlich die unter George W. Bush nur zeitweise beschlossenen Steuererleichterungen nur für die Unter- und Mittelschicht verlängern, die Besserverdienenden allerdings wieder minimal stärker zur Kasse bitten. Die Republikaner pochen darauf, die Reichen in die Steuererleichterungen einzubeziehen, obwohl ein solcher Schritt das Haushaltsdefizit noch einmal stark vergrößern würde. Eine Einigung ist vor den Wahlen im November nicht in Sicht, zur Zeit hoffen Beobachter, dass sich der Kongress zumindest vor Jahresende auf die künftige Politik festlegen wird.

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Quelle: n-tv.de