Kolumnen

Inside Wall Street Keine Angst vor Wikileaks

Wikileaks will Anfang nächsten Jahres Zehntausende Dokumente einer großen US-Bank veröffentlichen. Es gehe um ungeheuerliche Verstöße und unethische Praktiken, verspricht Gründer Assange. Muss die Wirtschaft vor den Enthüllungen zittern? Wohl eher nicht.

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Der aufgehende Mond hinter dem Turm der Bank of America. Wen jucken Schlagzeilen wie: "Bank of America arbeitet unethisch"?

(Foto: REUTERS)

Die jüngsten Enthüllungen von Wikileaks machen Schlagzeilen von Washington bis Pjöngjang, und auch an der Wall Street interessiert man sich für das Geschehen. Umso mehr, als der nächste "Daten-Dump" die eigene Branche betreffen könnte: Wikileaks kündigt an, in wenigen Wochen vertrauliche Dokumente einer amerikanischen Großbank zu veröffentlichen. Man reagiert besonnen.

Es ist zunächst überraschend, dass auf den amerikanischen Finanzmärkten keine größere Unruhe ausbricht. Denn was Wikileaks-Gründer Julian Assange ankündigt, klingt bedrohlich – zumindest für das letztlich betroffene Unternehmen, möglicherweise aber auch für Kunden und Partner. Und im eng gestrickten Netz des amerikanischen Finanzdschungels heißt das: für jeden, ausnahmslos.

Assange spricht von Dokumenten, die "wahre und repräsentative Einsichten, wie sich Banken auf der Management-Ebene verhalten" böten. Man könne es "ein Ökosystem der Korruption nennen", das zu "Untersuchungen und Reformen" führen werde. Assange spricht von "ungeheuerlichen Übertretungen" und "unethischen Praktiken", hält sich ansonsten mit einer Bewertung aber zurück. "Kriminell" will er die Vorgehensweisen der Bank nicht nennen, die in den Wikileaks-Papieren aufgedeckt werden soll.

Frühere Äußerungen von Assange lassen nun vermuten, dass sich all die Anschuldigungen gegen die Bank of America richten könnten, einen der Branchenriesen in den USA. Denn das war vor mehr als einem Jahr zu lesen: "Wir sitzen im Moment auf 5 Gigabyte über Bank of America, eine Festplatte aus dem oberen Management." Fraglich schien damals nur, wie man die Daten präsentieren wolle. "Wir könnten das alles in ein gigantisches Zip-File packen, aber das würde keine große Wirkung haben. Um Wirkung zu erzielen müssen wir das Material so präsentieren, dass die Leute Dinge leicht suchen und finden können."

Das klingt ganz so, als würde sich die bisherige Vorgehensweise, mit der Wikileaks zuletzt Dokumente über die außenpolitische Arbeit der USA, über Irak und Afghanistan und auch über Vorfälle wie die Love Parade in Duisburg veröffentlicht hat, wiederholen. Doch wie schlimm die Folgen für die Wall Street wären, ist damit in der Tat noch nicht gesagt.

Zum einen haben die bisherigen Veröffentlichungen außer einigen peinlichen Momenten und internationaler Kritik kaum handfeste Folgen provoziert. Außerdem steht für die Wall Street unter Umständen – je nach Details – wenig auf dem Spiel. Geht es nur um systematische Verletzungen von Anstand und Ethik, dürfte das kaum einen schockieren. Wer die letzten Jahre nicht gerade unter einem Felsen verbracht hat, dürfte mitbekommen haben, dass die US-Finanzbranche nicht gerade ein Hort der Moral ist. Man stelle sich Schlagzeilen vor wie "Bank of America arbeitet unethisch" – wen soll das schocken, nachdem in den letzten Jahren systematischer Betrug im Hypotheken-Sektor, Insiderhandel und Schneeballsysteme, politische Einflussnahme, fragwürdige Zwangsversteigerungen und viel mehr die Norm waren?

Dass Wikileaks einiges ans Tageslicht bringen könnte, das die Bank of Ameria – oder jede andere betroffene Bank – lieber geheim gehalten hätte, steht sicherlich außer Frage. Dass das zu erwartende Material dem Ruf des jeweiligen Unternehmens und der Branche noch ein wenig mehr schaden könnte, wohl auch. Dass eine amerikanische Großbank vor dem Hintergrund der Veröffentlichungen implodieren könnte, wie Assage angedeutet hat, hält man auf dem New Yorker Parkett aber für unmöglich. Dass die Aktie der Bank of America am Dienstag um rund 3 Prozent eingebrochen ist und damit der größte Verlierer in einem allgemein schwachen Handelsumfeld war, ist wohl eine angemessene Reaktion auf die Drohungen von Wikileaks, mit viel mehr ist aber nicht zu rechnen. Zumindest nicht bis Januar.

Quelle: ntv.de

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