Kolumnen

Inside Wall Street Keine Jobs, keine Hoffnung

US-Notenbankchef Bernanke versucht, Optimismus zu verbreiten. Doch die Lage am Arbeitsmarkt bleibt angespannt - sie ist wohl noch schlechter, als es die offiziellen Zahlen vermuten lassen.

RTR26GVN.jpg

(Foto: REUTERS)

Ben Bernanke macht der Börse Mut. An ein "Doppel-Dip", also ein neuerliches Abstürzen der US-Wirtschaft in eine Rezession, glaubt er nicht. Vielmehr soll die Erholung weitergehen, wenn auch nicht so deutlich wie sich das manch ein Anleger erhofft hat. Entsprechend groß ist und bleibt der Unmut auf dem Parkett. Da gibt es zwar noch Optimisten, doch sie sagen nicht mehr viel.

Kein Wunder: Ein ganzes Jahr lang – von März 2009 bis März 2010 – hat die Börse eine dramatische Rally auf die Überzeugung gebaut, dass die US-Konjunktur das Schlimmste hinter sich habe und eine rasche Erholung bevorstehe. Spätestens am Freitag haben auch die größten Optimisten eingesehen, dass eben das ein Irrglaube war. Die jüngsten Zahlen vom Arbeitsmarkt zeichneten ein trauriges Bild: Abgesehen von Jobs im Zusammenhang mit der aktuellen Volkszählung, Stellen die von der Regierung für ein paar Monate geschaffen werden, gab es kaum neue Arbeitsplätze.

Arbeitsmarkt sorgt für Sorgenfalten

Dass die Arbeitslosenquote trotzdem auf 9,7 Prozent leicht zurückgegangen ist, ist kein Trost. Im Gegenteil: Die Zahl ist unglaubwürdig, und es gibt eine ganze Reihe von Argumenten, die belegen, dass sich der Arbeitsmarkt in den letzten Wochen nicht verbessert, sondern eher verschlechtert hat.

So sind satte 1,5 Millionen Amerikaner in den letzten zwölf Monaten aus der Statistik gepurzelt. Laut offiziellen Statistiken ist die Zahl der Amerikaner im arbeitsfähigen Alter – also zwischen 20 und 64 – zwischen Mai 2009 und Mai 2010 von 180,5 Millionen auf 182 Millionen gestiegen. Im Arbeitsmarktbericht schlägt sich das nicht nieder: Dort notiert die Zahl der arbeitsfähigen Amerikaner gegenüber dem Vorjahr unverändert.

Ein Grund dafür ist im Kleingedruckten der Job-Statistik zu finden: Wer in den letzten vier Wochen nicht aktiv Arbeit gesucht hat, fällt aus den Berechnungen. Das sind Leute, die zur Zeit wegen der schlechten Ausgaben keine Bewerbungen mehr ausschicken und die vermutlich langfristig ohne festes Einkommen leben müssen.

Blick auf die Einkommenssteuer

Eine weitere Statistik ist äußerst beunruhigend. Die Research-Firma TrimTabs hat beobachtet, dass die Höhe der abgeführten Einkommenssteuer bei den US-Finanzämtern in den letzten Wochen überraschend rückläufig war. Neue Jobs scheinen also nicht zu entstehen, auch nicht in dem bescheidenen Maße, das der Arbeitsmarkt-Bericht vorgibt. Das is umso schlimmer als die US-Wirtschaft jeden Monat 100.000 neue Stellen schaffen muss, um ihren Bevölkerungszuwachs auszugleichen und zumindest einen stabilen Arbeitsmarkt zu haben.

Woher kommen dann die neuen Jobs, von denen Washington spricht? Viele Jobs, die in der Arbeitsmarkt-Statistik einkommen, dürften gar nicht existieren. Sie seien vielmehr das Ergebnis von Schätzungen und Korrekturen, die eigentlich Unebenheiten in der monatlichen Erhebung ausbügeln sollen aber seit geraumer Zeit unter dem Verdacht der Schönfärberei stehen. John Williams, Experte von Shadow Government Statistics, befürchtet, dass kosmetische Eingriffe in die Statistik bis zu 500.000 neue Stellen gebracht haben könnten, die es nicht gibt.

Doch nicht nur die Zahl der Arbeitsplätze beschönigt die Situation aus dem US-Markt. Mit Erleichterung nahm die Wall Street etwa auf, dass die Einkommen der Amerikaner im vergangenen Monat um 1,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen sind. Das ist weniger beeindruckend, wenn man einen im selben Bericht enthaltenen Anstieg in der Produktivität um 2,8 Prozent einrechnet. Gemessen an produzierten Stückzahlen und erbrachten Dienstleistungen hat der Durchschnitts-Arbeiter also rund 1 Prozent Gehalt verloren.

All diese Zahlen machen klar was Millionen von Amerikanern aus dem Alltag wissen: Der US-Arbeitsmarkt erholt sich nicht. Börsen-Optimisten halten dagegen, dass der Arbeitsmarkt ein Indikator ist, der dem Markt hinterherläuft. Das stimmt. Doch läuft der Arbeitsmarkt der Rallye an der Wall Street jetzt schon mehr als ein Jahr hinterher – und das macht statistisch keinen Sinn. Vielmehr ist nicht zu leugnen, dass die erhoffte Erholung bislang ausgeblieben ist und dass sie wohl auch in den nächsten Monaten nicht kommt. Das könnte dem Aktienmarkt die Schleusen nach unten öffnen.

Quelle: ntv.de