Kolumnen

Inside Wall Street Nacktscanner und Lobbyisten

Alle Jahre wieder: In den USA steht das Thanksgiving-Wochenende bevor. Allerdings sind die US-Amerikaner durch die Sicherheitsmaßnahmen an den Airports genervt. Bürgerinitiativen haben bereits zu Protestaktionen gegen das Durchleuchten mit dem Nacktscanner aufgerufen.

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Die Röntgenbilder, die mit Hilfe eines Ganzkörper-Scanners entstanden sind, zeigen weibliche und männliche Personen ohne Kleidung (undatiertes Handout).

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Wenn die Amerikaner an diesem Donnerstag Thanksgiving feiern, könnte sich überall im Land folgende Szene abspielen: Der Truthahn ist in der Röhre, der Wein kaltgestellt, der Kürbiskuchen gebacken - nur die Gäste fehlen. Das Thanksgiving-Wochenende ist in den USA das verkehrsreichste im ganzen Jahr, doch aufgrund der Proteste gegen die Sicherheitsmaßnahmen an Flughäfen könnte es diesmal zu einem Debakel werden.

Bürgerinitiativen haben bereits vor Tagen zum "National Opt-Out Day" aufgerufen, einer noch nie dagewesenen Protestaktion. Danach sollen Reisende von ihrem Recht auf einen "Opt-Out", also einer Ausweichregelung, Gebrauch machen und das Durchleuchten mit dem sogenannten Nacktscanner verweigern. Sie müssten danach persönlich abgetastet werden, nach den aktuellen Vorschriften inklusive der Brust- und Genitalgegend. Das wiederum dauert viel länger als ein schneller Scan, weshalb eine solche Massenaktion den Flugverkehr schwer behindern und in Zentren wie New York und Chicago sogar zum Erliegen bringen könnte.

Die US-amerikanische Flugsicherheits-Behörde TSA plädiert seit Tagen an alle Reisenden, den Protestaufrufen im Internet nicht zu folgen. "Sie halten damit Leute auf, die einfach nur nach Hause zu ihren Familien fliegen wollen", mahnte TSA-Chef John Pistole bei einer Pressekonferenz am Ronald Reagan National Airport in Washington, DC.

Mindestens drei Passkontrollen

Die Reisenden haben aber durchaus Grund sauer zu sein. Zwar ringen Sorgen, dass der Nacktscanner die Intimsphäre der Fluggäste verletze, selbst im prüden Amerika den meisten nur ein müdes Lächeln ab. Doch sorgen sich andere um die Strahlenbelastung, ein durchaus ernst zu nehmendes Thema. Wieder andere - und die große Mehrheit der Amerikaner - protestieren hingegen einfach gegen die rasant wachsenden Sicherheitsauflagen an Flughäfen, die jede Fliegerei in den USA längst zu einer Nervenprobe gemacht haben.

Konnte man vor gut einem Jahrzehnt noch einchecken und abheben, erwarten den Reisenden im Amerika der Gegenwart selbst bei Inlandsflügen mindestens drei Passkontrollen und dazu die Durchleuchtung von Person und Gepäck. Neu gekaufte Wasserflaschen werden konfisziert, Babynahrung ebenso, auch Shampoo und andere Flüssigkeiten, die aus Unachtsamkeit im Handgepäck gelandet sind. Nagelfeilen werden zerbrochen, Schuhe geröntgt, Gürtel aus Hosen und Laptops aus Taschen gezerrt - den Fluggast erwarten heute dermaßen viele Schikanen, dass selbst der Trip in den Südsee-Urlaub zunächst als Albtraum startet.

Schuld sind indes nicht nur einzelne Terroraktionen wie die des Schuhbombers im Jahre 2002 und des Unterhosenbombers zuletzt an Weihnachten. Schuld ist auch die erfolgreiche Lobby-Arbeit zahlreicher Firmen, die sich auf Sicherheitstechnologie spezialisiert haben und in Washington dafür arbeiten, auf Flughäfen im ganzen Land möglichst viele Scanner und andere teure Geräte zu installieren. Diese Firmen haben ihre Lobby-Ausgaben in den letzten fünf Jahren mehr als verdoppelt, wie offizielle Unterlagen belegen.

Regierungsaufträge eingesackt

Beispiel L-3 Communications: Der Konzern, der aus einer Reihe ehemaliger Lockheed-Martin-Ableger hervorging, hat im vergangenen Jahr 4,3 Millionen Dollar in Lobby-Arbeit investiert und dabei unter anderem auf die Lobbyistin Linda Daschle, die Frau des ehemaligen Sprechers der Demokraten im Kongress, Tom Daschle, beschäftigt. Mit Erfolg: In derselben Zeit sackte man Regierungsaufträge im Wert von 39,7 Millionen Dollar ein.

Noch effizienter arbeitete Rapiscan Systems. Relativ bescheidene 271,500 Dollar für Lobby-Arbeit bezahlten unter anderem den ehemaligen Homeland-Security-Chef Michael Chertoff als Berater und brachten dem Unternehmen Aufträge im Wert von 41,2 Millionen Dollar ein.

Zu den zahlreichen Gesetzesvorlagen, in deren Debatte sich die Unternehmen einschalteten, gehörte die Eingabe des republikanischen Abgeordneten Jason Chaffetz aus Utah. Der hatte vor rund einem Jahr vorgeschlagen, Passagiere am Flughafen nur in Ausnahmefällen zu durchleuchten. Hinter den Kulissen arbeitete vor allem L-3 Communications gegen eine solche Regelung, die ohnehin dann Geschichte war, nachdem der Nigerianer Umar Farouk Abdulmutallab mit seinem Unterhosen-Attentat gescheitert war.

Der geplante Protest der Amerikaner am Thanksgiving-Wochenende mag sich weniger gegen die Lobby-Arbeit in Washington als gegen die Schikanen am Flughafen richten. Eines ist aber sicher: Grund zu protestieren hat man in jedem Fall.

Quelle: ntv.de

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