Kolumnen

Per Saldo Robbie zeigt's allen

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Macht den Marketainer: Robbie Williams

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Er hat es einfach drauf. Gut singen, unterhalten und Mädchen zum Kreischen bringen? Ja, auch das. Aber vor allem weiß Robert Peter Williams, alias Robbie Williams, wie man sich genial vermarktet.

In Berlin vibrierte die Luft: Drei Tage nach dem ersten Auftritt seit drei Jahren in London kam Robbie Williams für ein "geheimes" Mini-Konzert in die deutsche Hauptstadt. Seine Plattenfirma EMI rechnete mit mindestens 5.000 Zuschauern, gekommen sind schließlich 10.000 Zuschauer, um sich vor der Max-Schmeling-Halle im Prenzlauer Berg sieben Lieder anzuhören - etwas Altes, wie "Feel" oder "Angels," aber vor allem auch etwas Neues aus dem neuen Album "Reality Killed The Video Star".

Der Marketing-Effekt ist riesig und dass die Zuschauer umsonst rein konnten, ist eigentlich nur konsequent weitergedacht: Wer alles kostenlos aus dem Internet kriegt, kann eigentlich auch mal live für lau reinkommen – das Geld dürfte schon durch die gesparten Werbemittel und durch die Radiostationen, die den Gig begleiten wollten, wieder reinkommen. In keinem Fall wird es irgendjemanden entgangen sein, dass Mr. Williams ein neues Album auf den Markt bringt.

Virtual Reality

Erst am Dienstag hatte Robbie Williams mit der wochenlang angekündigten "virtuellen Welt-Tournee" sein Comeback gefeiert. Dabei kamen nicht nur die rund 3.000 Zuschauer im Londoner Roundhouse in den Genuss von Williams' ersten Auftritt seit Jahren, sondern auch tausende Fans in europaweit mehr als 250 Kinos. Das überwiegend weibliche Publikum gab sich auch fern von London alle Mühe, einige hatten die alten Tour-T-Shirts herausgekramt, andere hielten die Kameras bereit, um das digitale Erlebnis noch digitaler für zu Hause zu bannen.

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Robbie ganz nahe - wenn auch nur auf der Leinwand.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Die folgenden 90 Minuten enttäuschten uns nicht: Robbie kam, sang und siegte. Und wir konnten es vom bequemen Kinosessel verfolgen und kamen ihm dabei so nahe, dass man ihm zum einen nahelegen wollte, den Sitz der Zahnkrone oben links noch mal überprüfen zu lassen, und zum anderen minutenlang darüber sinnieren konnte, dass seine Augen tatsächlich unglaublich Grün und nicht Blau sind. Die ideale Konzerterfahrung nach einem langen Arbeitstag: beste Sicht, keine schmerzenden Füße und, dank Dolby Surround, das volle Klangerlebnis. Mit einem Live-Konzert ließ sich das Ganze natürlich nicht vergleichen – eher mit einem DVD-Abend in größerer Runde. Erste spontane Klatsch- oder Gesangsversuche im Publikum verbreiteten auch schnell das peinliche Flugzeug-Gefühl, denn schließlich können ja weder ein Pilot noch ein per Satellit zugeschalteter Künstler Beifallsbekundungen hören.

Minimax-Prinzip

So oder so haben Robbie Williams und seine EMI aus dem einen Konzert den maximalen Ertrag herausgeholt. Mit geschickt platzierten Artikeln über das Lampenfieber des sensiblen Künstlers und die damit vorerst ausgeschlossene Live-Tournee wurde das Angebot auf den einen Abend verknappt und die Nachfrage dementsprechend nach oben getrieben. Wir waren auf einem geschenkten Gaul ins Kino eingeritten, und auf den krankheitsbedingt weitergereichten Tickets standen 20 Euro. Dem Garderobengeflüster zufolge wurden die Karten für das in 16 Minuten ausverkaufte Berliner Kino jedoch wie Goldstaub gehandelt – von 180 Euro für zwei Karten war die Rede. 1 Euro pro Robbie-Minute? Undenkbar. Aber wer weiß.

Auf jeden Fall sparte sich die finanziell derzeit angeschlagene Plattenfirma die Kosten einer aufwendigeren Welt-Tournee und nahm sicherlich noch einiges an den Übertragungslizenzen für die Filmtheater ein. Zudem gab es bei dem Auftritt in London eine besondere Genugtuung für Robbie Williams: Keiner seiner Anhänger konnte die Lieder seines neuen Albums, das erst am 6. November erscheinen soll, mitsingen. "Sehr gut, das bedeutet, es gibt keine undichte Stelle", frohlockte der Sänger. Den Vorsprung dürften die eingefleischten Fans in Berlin allerdings dank YouTube wieder aufgeholt haben.

Lockerer Rekord

Dem Guiness-Weltrekord, den der britische Popstar ganz nebenbei aufstellte, tut dies keinen Abbruch – noch nie war ein Live-Konzert gleichzeitig in so viele Kinos übertragen worden. Ein Fakt, der sich ungleich besser vermarkten lässt, als die Tatsache, dass die erste Single aus dem neuen Album "Bodies" in Großbritannien von der Talentshow-Gewinnerin Alexandra Burke auf Platz zwei verwiesen wurde.

Es ist das zweite Mal, das der Name Williams im Guiness-Buch auftaucht – den ersten Eintrag gab es, als der Künstler 2006 innerhalb eines Tages 1,6 Mio. Eintrittskarten für seine Freiluft-Tour verkaufte. Doch in der schwächelnden Musikindustrie sind Rekorde rar geworden – das Williams seinen bisher verkauften 55 Mio. Platten noch nennenswerte Zahlen hinzufügen kann, ist in Download-Zeiten unwahrscheinlich.

Robbie macht das Beste draus

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Der erste Feind der Musikindustrie.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Die Zeiten haben sich geändert und den Plattenfirmen bleibt einstweilen nichts anderes übrig, als das Beste daraus zu machen. "Digital-Reality killed the Video Star" würde es eigentlich ganz gut treffen – genau wie das Vorbild, der 80er Jahre Hit "Video killed the Radio Star" schon das MTV-Zeitalter vorweggenommen hatte. Das Tröstliche dabei ist, dass auch in der Musikindustrie letztlich alles in Zyklen passiert: Denken wir an die 1920er Jahre zurück, wo über die ebenfalls einst militärisch genutzte Erfindung Radio Musik erstmals kostenlos verbreitet wurde, bis sich Musikindustrie und Radiosender auf neue Spielregeln einigten, die beiden das Überleben sicherten.

Hofft man auf parallele Entwicklungen für das Internet, könnte sich die Albumproduktion bald auch für Robbie Williams und seine EMI wieder lohnen. Wie das Marktforschungsunternehmen GfK herausgefunden hat, wird das Jahr 2013 die Wende einläuten. Dann sollen die Umsätze aus der Digitalwirtschaft - wie die Musikdownloads aus dem Internet – den rückläufigen Absatz von CDs und DVDs ausgleichen. Bis dahin kann Robbie sich und seine Plattenfirma gerne mit allerlei Marketing-Gags über Wasser halten. Wir hören ihm auch im Kino zu, wenn es sein muss. Versprochen.

Quelle: ntv.de