Kolumnen

Inside Wall Street The Good Germans

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Lernen von Deutschland? Bei einem privaten Dinner anlässlich der Verleihung der US-Freiheitsmedaille lauscht US-Präsident Obama Bundeskanzlerin Merkel.

(Foto: Reuters)

"The German Example", titelt die "New York Times" und fordert die USA auf, sich an Deutschland ein Beispiel zu nehmen. "Kein Einzelfall", berichtet Wall-Street-Korrespondent Lars Halter. Nicht nur in Sachen Steuer- und Finanzpolitik werde bewundernd nach Berlin geblickt.

Fareed Zakaria, CNN-Journalist und Vordenker beim US-amerikanischen Time-Magazin brachte es auf den Punkt. "Der Maßstab ist ein Land wie ... zum Beispiel ... Deutschland", sagte er in der Daily Show von Jon Stewart. Die läuft zwar auf Comedy Central, ernst gemeint war der Kommentar trotzdem.

Deutschland ist in den USA immer mehr angesehen. Das zeigt sich nicht nur beim jüngsten Besuch von Bundeskanzlerin Merkel in Washington. Das merken nicht nur New Yorker, wenn alle paar Wochen ein neues deutsches Restaurant samt Biergarten eröffnet wird. Nein, das zeigt sich auch zunehmend im Alltag und in den Medien. Die respektable "New York Times" hat erst kürzlich eine Analyse über Deutschland veröffentlicht, das Land mit den USA verglichen und den Text "The German Example" überschrieben - das deutsche Vorbild.

Effizient Richtung Zukunft

Was macht Deutschland plötzlich so interessant für die US-Elite? Warum blickt man in Sachen Politik immer mehr nach Berlin? Die Antwort ist einfach: Während sich in Washington Republikaner und Demokraten derart beschießen, dass weder in der Steuer- und Finanzpolitik noch sonst wo Fortschritte gemacht werden können, galoppiert Deutschland in die Zukunft. Mit einem Mix aus konservativen und liberalen Ideen, die sich im heutigen US-Kongress nie durchsetzen ließen.

Auf den Punkt gebracht hat Deutschland seinen Haushalt in den letzten Jahren mit drastischen Sparmaßnahmen und den zukunftsorientierten Programmen der Regierung auf Vordermann gebracht. Wie sehr die Regierung hierzulande in die Wirtschaft eingreift, ist vielleicht der größte Unterschied im transatlantischen Vergleich. In den USA setzt sich nämlich immer mehr die Haltung durch, dass sich Washington bitte aus der Wirtschaft und dem Leben der Bürger heraushalten solle.

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Hierzulande haben die Gewerkschaften noch ein gewichtiges Wort mitzureden.

(Foto: dpa)

In Deutschland hingegen hat die starke Regulierung in vielen Branchen unter anderem eine Finanzkrise von US-Ausmaßen verhindert. Und: Berlin hat sich immer wieder für die Gewerkschaften starkgemacht und unter anderem dafür gesorgt, dass die Macht der Arbeitnehmerverbände nicht zu sehr gebrochen wurde. Das Ergebnis: Der Mittelschicht geht es nach wie vor gut. In Deutschland ist das Durchschnittseinkommen der Bevölkerung seit 1985 um satte 30 Prozent gestiegen - in den USA in der gleichen Zeit um magere sechs Prozent.

Der Unterschied macht sich vor allem im direkten Vergleich zwischen Arm und Reich deutlich: in Deutschland haben alle Bevölkerungsschichten in den letzten Jahrzehnten ähnliche Wachstumsraten verzeichnet, während sich in den USA die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter öffnet. Laut jüngsten Schätzungen gehören dem obersten Prozent der Deutschen etwa 11 Prozent der Wertanlagen - genau wie vor vierzig Jahren. In den USA ist der Besitz des obersten Hundertstel im gleichen Zeitraum von neun auf 20 Prozent gestiegen.

Vorbildliche Arbeitsmarktpolitik

Zum Teil liegt das an einer guten Arbeitsmarktpolitik in Deutschland, die viele Arbeitslose wieder in Jobs vermittelt hat. Arbeitslosigkeit ist weniger attraktiv geworden, eine verbesserte Frührente in vielen Berufen hat den Arbeitsmarkt geöffnet.

Zudem hat Deutschland etwas geschafft, was wegen des enormen politischen Einflusses der Reichen in Washington nicht vorstellbar ist: Es gibt ein Steuersystem, in dem die Vermögenden ihren fairen Anteil am Allgemeinwohl leisten. Die finanzielle Stabilisierung in Deutschland in den letzten Jahren ist nur zu 60 Prozent auf Kostensenkungen und eine effizientere Arbeit in Berlin zurückzuführen. Ganze 40 Prozent stammen aus Steueranhebungen, mit denen die Regierung nicht nur ihre Infrastruktur finanziert, sondern auch Programme zur Förderung der Wirtschaft. In den USA sind höhere Steuern das ultimative Tabu. Kein Sex-Skandal kann einem Politiker so sehr schaden wie die Forderung nach höheren staatlichen Einnahmen.

"Pisa" nur ein Turm in Italien

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Mehr als nur ein Ort mit einem Turm: Pisa

(Foto: Reuters)

Auch berufsvorbereitend hat Deutschland in den letzten Jahren enorme Erfolge erzielt. Das Bildungssystem hat deutliche Verbesserungen erfahren, die Kenntnisse der Schüler etwa in Mathematik haben sich laut Pisa-Studien massiv verbessert. "Für Amerika ist Pisa nur ein Kirchturm in Italien", zitiert die "Times" Eric Hanushek, einen Volkswirt an der renommierten Universität von Stanford. Ein Umdenken würde sich hier auszahlen. In den letzten drei Jahrzehnten sind US-amerikanische Schüler in allen wichtigen Fächern von der Weltspitze ins hintere Mittelfeld abgerutscht. Erfolgsgeschichten wie Google und Facebook, mit denen einige Genies in kürzester Zeit von Studienabbrechern zu Multi-Milliardären mit globaler Bedeutung wurden, lassen die USA gerne über die tiefsitzenden Probleme im Bildungssystem hinwegsehen. Dass die einstige Weltmacht längst nur noch in wenigen Branchen führend ist, etwa im Rüstungs- und im Online-Sektor, merkt ein großer Teil der Bevölkerung nicht.

Zumindest einigen Vordenkern fällt es aber auf. Die rücken Deutschland nicht nur anlässlich der Merkel-Visite ein wenig in den Vordergrund, sondern arbeiten auch hinter den Kulissen an Reformen. Die "New York Times" urteilt: "Es ist zu spät, die Folgen vergangener Fehler zu unterbinden. Der Wiederaufbau der amerikanischen Wirtschaft wird lange dauern. Es ist aber nicht zu spät, um aus unseren Fehlern zu lernen."

Quelle: ntv.de

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