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Wall Street schließt im Plus Dax vertagt die Trendwende

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Der Dax am Dienstag: Binnen weniger Minuten ging es von 10.400 um 100 Zähler abwärts.

(Foto: REUTERS)

Ist das die neue Realität? Im deutschen Aktienmarkt kämpfen gleich mehrere Schwergewichte mit einem Bündel an Problemen. Die Börsenkurse von Banken, VW und Lufthansa rutschen ab. Erst spät kann sich der Dax von seinen Tiefständen lösen.

Der zweite Börsentag der Woche bringt Anlegern keine Erholung: Der deutsche Leitindex kann zwar mit moderaten Kursgewinnen eröffnen. Doch schon nach einer guten Stunde ist es mit der zaghaften Trendwende auch schon wieder vorbei. Die allgemein Erleichterung nach dem großen TV-Duell der US-Präsidentschaftskandidaten verpufft.

Der Dax kippt zeitweise weit in die Verlustzone und beendet den Tag nach einem versöhnlichen Handelsstart an der Wall Street noch 0,31 Prozent im Minus bei 10.321,48 Punkten. Das Tagestief aus dem Verlauf liegt bei 10.265,69 Zählern. Der Nebenwerteindex MDax schließt nahezu erholt 0,07 Prozent im Minus bei 21.319 Zählern. Der Technologiewerteindex TecDax geht mit minus 0,08 Prozent bei 1779 Punkten aus dem Handel.

"Die Sorgen um die Krise der deutschen Großbanken plus die Unsicherheit um Volkswagen drücken massiv auf die Stimmung", sagte ein Börsianer. Ein weiterer Faktor war der Verfall des Ölpreises. Dadurch verpuffte die anfängliche Erleichterung über das gute Abschneiden von US-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton beim ersten TV-Duell mit ihrem Rivalen Donald Trump. Kursgewinne an der Wall Street bremsten den Abstieg der europäischen Börsen.

In der Arena der Einzelwerte standen an der Frankfurter Börse gleich mehrere große Namen im Vordergrund: Kursverluste bei Dax-Schwergewichten wie Lufthansa, Volkswagen und den beiden größten deutschen Geldhäusern lasteten massiv auf der Entwicklung des Leitindex.

Die Aktien der Deutschen Bank fielen wegen einer drohenden milliardenschweren US-Strafe zeitweise auf ein Rekordtief von 10,18 Euro. Für einen Hoffnungsschimmer sorgte aber eine Bloomberg-Meldung. Darin zitierte die Nachrichtenagentur einen hochrangigen Mitarbeiter des US-Justizministeriums, dem zufolge Banken ihre Strafzahlungen durch Kooperation mit den Behörden reduzieren könnten. Deutsche Bank schlossen schließlich prozentual unverändert bei 10,55 Euro.

Ins Rampenlicht rückte auch die Commerzbank, die einem Insider zufolge 9000 Stellen abbauen will. Dies entspricht etwa 20 Prozent der Arbeitsplätze. Um die Kosten hierfür zu stemmen, werde die Dividende für 2016 gestrichen. Analyst Markus Rießelmann von Independent Research bezeichnete die Maßnahme als notwendig. Commerzbank-Titel gaben dennoch 2,2 Prozent nach.

VW-Papiere rutschten sogar um 2,6 Prozent ab. Einem Bericht der Nachrichtenagentur Bloomberg zufolge prüfen die US-Behörden, wie hoch sie die Strafe im "Dieselgate"-Skandal festsetzen können, ohne das Überleben des Konzerns zu gefährden. Der Autobauer betonte, er sei trotz der Belastungen rund um die Affäre um manipulierte Abgaswerte finanziell "immer noch ziemlich robust".

Als schwächster Titel im Leitindex verabschiedeten sich jedoch die Aktien der Lufthansa in den Abend. Mit einem Minus von 3,1 Prozent auf 9,97 Euro mussten die Anleger der mit Abstand größten deutschen Fluggesellschaft empfindliche Kursverluste hinnehmen. Die Absage einer Anleiheemission habe Aktionäre der Lufthansa verschreckt, hieß es. "Der Abbruch der Emission kam nicht gut an", meinte ein Aktienhändler.

Zudem hätten Anleger Sorgen über einen möglichen Deal mit der defizitären Airline Air Berlin, sagte ein anderer Händler. "Vielleicht ist man besorgt, dass das wirtschaftliche Risiko zu groß ist." Die Lufthansa will Insidern zufolge etwa 40 Air-Berlin-Maschinen einschließlich Besatzungen in ihre Tochter Eurowings eingliedern. Die Entscheidung darüber könnte am Mittwoch fallen, wenn sich der Aufsichtsrat der Lufthansa trifft.

Die Lufthansa könnte mit einem solchen "Deal" mit Etihad und Air Berlin vertraglich die wirtschaftlichen Risiken weitgehend übernehmen, befürchtete ein Analyst. Das Geschäft ziele darauf ab, letztlich den Billigkonkurrenten Easyjet und Ryanair mit der Lufthansa-Tochter Eurowings Paroli zu bieten.

Eurowings gegen die beiden Kontrahenten in Stellung zu bringen, sei für Lufthansa-Chef Spohr von zentraler strategischer Bedeutung. Daher könne sich die Lufthansa auf ein für sie nachteiliges Geschäft mit Etihad und Air Berlin einlassen, argumentierte der Beobachter. Daneben habe UBS die Aktie mit "Neutral" und einem Kursziel von 9,75 Euro bestätigt.

WTO-Experten zum Welthandel

Ein echter Dämpfer für die Aussichten auf die Gesamtlage kam am Vormittag von der Konjunkturseite: Die Welthandelsorganisation WTO hat ihre Prognosen für den globalen Warenaustausch deutlich zurückgenommen. Dieser werde in diesem Jahr nur um 1,7 Prozent statt der bisher erwarteten 2,8 Prozent zulegen, erklärte die WTO.

Damit dürfte der Welthandel erstmals seit 2001 langsamer wachsen als das globale Bruttoinlandsprodukt. Als Gründe wurden die schwächere Konjunktur in den großen Schwellenländern China und Brasilien genannt, aber auch die sich verlangsamenden Importe in den USA.

Ein Anhaltspunkt für neue Zuversicht konnten Anleger dagegen in den jüngsten Konjunktursignale aus den USA erkennen. Händler verwiesen dabei vor allem auf das günstige US-Verbrauchervertrauen. "Das wiederum weist auf einen weiterhin starken US-Konsum hin", erklärte ein Marktteilnehmer. Das Verbrauchervertrauen ist entgegen den Erwartungen deutlich gestiegen.

Die Stimmung unter den US-Verbrauchern hat sich im September wider Erwarten spürbar aufgehellt. Wie das Forschungsinstitut Conference Board berichtete, stieg der Index des Verbrauchervertrauens auf 104,1 Punkte. Das ist der höchste Wert seit der Rezession. Im Vorfeld befragte Volkswirte hatten hingegen einen Rückgang auf 98,7 prognostiziert. Für den Vormonat war zunächst ein Wert von 101,1 ausgewiesen worden, der nun auf 101,8 korrigiert wurde.

Der Index für die Erwartungen wurde für September mit 87,8 (Vormonat 86,1) angegeben. Der Index für die Einschätzung der gegenwärtigen Situation erhöhte sich auf 128,5 (Vormonat 125,3). Die US-Verbraucher spielen eine Schlüsselrolle für die US-Wirtschaft, weil rund 70 Prozent des Bruttoinlandsprodukts vom Privatkonsum abhängen.

"Die Verbraucherstimmung hat sich den zweiten Monat in Folge aufgehellt", sagte die Herausgeberin der Umfrage, Lynn Franco. Vor allem die Aussichten auf dem Arbeitsmarkt schätzten die Verbraucher besser ein.

Im Rahmen der Umfrage des Conference Board wurden insgesamt 5000 Haushalte befragt. An dem Vorlaufindikator für das wichtigste Zugpferd des US-Wachstums, dem Konsum, lassen sich Hinweise über die Entwicklung des privaten Verbrauchs ableiten. Insgesamt wird das Wachstum der US-Wirtschaft in diesem Jahr aber wohl nicht an das Vorjahresniveau von 2,6 Prozent heranreichen.

Der robuste Anstieg der US-Häuserpreise hält an. Wie Standard & Poor's (S&P) mitteilte, stiegen die Preise gemessen am Case-Shiller-Index für die 20 größten Städte der USA im Juli um 5,0 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Im Vorfeld befragte Volkswirte hatten einen Anstieg um 5,1 Prozent erwartet.

Der Index für die 10 größten Städte der USA erhöhte sich um 4,2 Prozent. Die Erholung der Häuserpreise ist ein wichtiger Pfeiler für die US-Konjunktur, weil sie einerseits die Neubautätigkeit anregt und andererseits das Verbrauchervertrauen stützt. Die Häuserpreise nähern sich den Höchstständen im Jahr 2006, bevor die große Krise ausbrach. Doch die kräftigen Preissteigerungen haben die Verkäufe gebremst, weil es für neue Käufer schwierig geworden ist, in den Markt hineinzukommen.

Die US-Dienstleister sind im September wieder etwas in Schwung gekommen. Der vom IHS Markit Institut erhobene Einkaufsmanagerindex stieg nach den Daten der ersten Veröffentlichung auf 51,9 Punkte von 51,0 im Vormonat. Es ist der erste Anstieg seit drei Monaten, insgesamt bleibt die Dynamik aber moderat. Oberhalb von 50 Punkten signalisiert das Konjunkturbarometer ein Wachstum.

Während der Gesamtindex stieg, ließ die Aktivität bei Neuaufträgen und Jobs nach. "Der Servicebereich sendet im September gemischte Signale", sagte IHS-Markit-Chefökonom Chris Williamson. "Zwar gab es beim Gesamtindex den höchsten Anstieg seit April, doch die Werte für Neuaufträge und Beschäftigung waren die niedrigsten seit dreieinhalb Jahren." Die Daten wiesen auf ein Wachstum der Gesamtwirtschaft von lediglich 1 Prozent im dritten Quartal.

USA: Kursgewinne an der Wall Street

Dow Jones
Dow Jones 27.147,70

An der New Yorker Wall Street sorgten Kursgewinne von Technologie-Aktien für gute Stimmung. Auslöser waren positive Analystenkommentare für Schwergewichte wie Google und Amazon. Thema war auch das TV-Duell zwischen den beiden US-Präsidentschaftskandidaten Hillary Clinton und Donald Trump. Damit rückte die Wahl am 8. November nun auch an den Aktienmärkten in den Vordergrund.

Börsianer werteten es als positiv, dass Clinton Blitzumfragen zufolge mit ihrem Auftritt ihre Erfolgschancen verbessern konnte. Die frühere Außenministerin gilt unter Investoren als Vertreterin des Status quo, während Trumps außen- und handelspolitische Ansichten Sorgen um die heimische Wirtschaft schüren. Allerdings befürchten Anleger, dass der Markt aus Unsicherheit über den Wahlausgang womöglich bis zum Urnengang keine klare Richtung finden wird. "Volatilität wird die Norm sein und nicht die Ausnahme in den nächsten Wochen", sagte Marktstratege Art Hogan von der Anlagefirma Wunderlich Equity Capital Markets.

Der Dow-Jones-Index der Standardwerte legte um 0,7 Prozent zu und schloss bei 18.228 Punkten. Der breiter gefasste S&P 500 gewann 0,6 Prozent auf 2160 Zähler. Der Index der Technologiebörse Nasdaq stieg um 0,9 Prozent auf 5306 Stellen.

An der Wall Street standen Amazon.com im Rampenlicht, die auf 816,12 Dollar kletterten - ein Plus von 2,1 Prozent. Zuvor hatten die Experten von JPMorgan ihr Kursziel für die Titel angehoben. Sie taten dies auch für die Aktien der Google-Mutter Alphabet und der Online-Videothek Netflix. Alphabet zogen um 1,0 Prozent an, Netflix um 2,6 Prozent.

Devisen: Euro leichter

Euro / US-Dollar
Euro / US-Dollar 1,18

Der Kurs des Euro drehte am frühen Nachmittag unvermittelt steil ab. Am späten Abend wurde die Gemeinschaftswährung bei 1,1220 US-Dollar gehandelt und damit 0,3 Prozent unter dem Kursniveau des Vorabends. Ein unmittelbarer Auslöser für die Bewegung war zunächst nicht zu erkennen.

Die Europäische Zentralbank (EZB) errechnete bei der Festlegung der täglichen Referenzkurse am Dienstagnachmittag einen Wechselkurs von 1,1220 US-Dollar für den Euro errechnet. Ein Euro entspricht außerdem 112,52 Yen, 0,86413 Pfund Sterling und 1,0880 Schweizer Franken.

Die erste Fernsehdebatte zwischen Clinton und Trump habe keinen nennenswerten Einfluss auf den Euro, heißt es. Im fernöstlich geprägten Handel notierte der Euro in der Nacht bereits wenig verändert bei 1,1246 Dollar. Zur japanischen Währung legte der Dollar leicht zu auf 100,84 Yen.

Die schwedische Krone ist in Reaktion auf die Bekanntgabe eines 10,3 Milliarden Kronen schweren Handelsbilanzdefizits im August unter Druck geraten. Von knapp 9,59 zieht der Euro auf im Hoch 9,62 Kronen an. Auch zum Dollar fällt die Krone zurück. Das Defizit sei "grauenhaft", meinten Analysten von Nordea. Es sei mit Abstand so hoch ausgefallen wie nie zuvor.

Noch negativer lese es sich, wenn man die zwei Arbeitstage weniger im August zusätzlich in Betracht ziehe im Vergleich zum gleichen Vorjahresmonat. Die Exporte seien eingebrochen und das große Bild lasse erwarten, dass sie weiter nachgeben und das BIP im dritten Quartal belasten werden. Kurzfristig zeigten die Indikatoren keine Besserung, so Nordea weiter.

Asien: Nikkei zieht an

Nikkei
Nikkei 23.360,30

Die asiatischen Börsen haben nach dem TV-Duell im US-Wahlkampf zugelegt. "Die Märkte haben schon in der ersten Viertelstunde der Debatte auf einen Sieg von Clinton gesetzt", sagte Sean Callow, Analyst beim Broker Westpac. Für die Anleger habe offenbar die demokratische Präsidentschaftskandidatin Clinton die erste von drei TV-Debatten gewonnen. Clinton steht bei den Investoren für eine stabile Wirtschaftspolitik, während die Pläne ihres republikanischen Gegenspielers Trump für Verunsicherung sorgen.

An der Tokioter Börse drehte der Leitindex Nikkei nach dem TV-Duell ins Plus und ging 0,8 Prozent höher mit 16.683 Punkten aus dem Handel. Der MSCI-Index für asiatische Aktien außerhalb Japans kletterte um 0,6 Prozent. Die südkoreanische Börse in Seoul gewann 0,8 Prozent.

Dagegen gab die Börse in Schanghai im Vorfeld einer einwöchigen Urlaubspause leicht nach. Auch positive Industriedaten sorgten nicht für Kaufimpulse. Höhere Preise und niedrigere Kosten haben den Gewinn chinesischer Industriefirmen im August um fast 20 Prozent nach oben getrieben, wie aus am Dienstag vorgelegten Daten hervorging. Damit mehren sich die Anzeichen, dass die Wirtschaft in der Volksrepublik wieder an Fahrt gewinnt. Der Shanghai-Composite beendete den Dienstagshandel 0,6 Prozent fester bei 2998 Punkten.

Rohstoffe: Ölpreise gehen runter

Die Ölpreise gaben nach den kräftigen Gewinnen vom Wochenauftakt nach. Zu US-Handelsschluss kostete ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent zur Lieferung im November 45,90 US-Dollar und damit 1,45 Dollar weniger als am Vortag. Der Preis für ein Fass der US-Sorte West Texas Intermediate (WTI) fiel um 1,38 Dollar auf 44,55 Dollar.

An den Rohstoffmärkten bleiben die Augen der Investoren auf Algerien gerichtet, wo in diesen Tagen ein Treffen von Opec-Mitgliedern stattfindet. Dort soll unter anderem über eine mögliche Obergrenze für die Ölproduktion gesprochen werden. Saudi-Arabien als einer der größten Hersteller dämpfte aber die Hoffnungen von Börsianern, dass es zu einer solchen Vereinbarung kommt.

Die Ungereimtheiten zwischen dem Königreich und dem rivalisierenden Iran, das nach dem Wegfall von internationalen Subventionen an die Ölmärkte zurückgekehrt ist, seien zu groß, heißt es aus dem Handel. "Es geht zurzeit nur darum, was in Algerien herauskommt", sagte Rohstoffanalyst Olivier Jakob von Petromatrix.

2017 dürften die weltweiten Investitionen des Ölsektors voraussichtlich das dritte Jahr in Folge sinken, prognostizierte Fatih Birol, Exekutivdirektor der Internationalen Energieagentur. Dies bedeute ein Risiko für die Energiesicherheit und werde die Ölmärkte mehrere Jahre beeinträchtigen. Birol äußerte sich am Rande der Energiekonferenz in Algier.

Leichter zeigte sich auch der Goldpreis. Die Feinunze Gold kostet mit 1328 Dollar 0,8 Prozent weniger als am Vortag. Die US-Anleihen bauten ihre Gewinne noch leicht aus. Für die Rendite zehnjähriger Papiere ging es um 3 Basispunkte auf 1,56 Prozent nach unten.

Quelle: ntv.de, mmo/chr/DJ/dpa/rts