Wirtschaft
Mittwoch, 15. Juli 2009

Inside Wall Street: Millionen für den Versager

Lars Halter, New York

GM_Wagoner_NYBZ145.jpg7357437538177018144.jpgTod und Auferstehung von General Motors gehören zu den spannendsten Geschichten, die die Wall Street seit vielen Jahren erlebt hat. Und zu den dramatischsten, denn es gibt viele Opfer. Millionen von Anlegern, hunderttausende Arbeiter und Rentner, zig Zulieferer und andere Gläubiger schreiben in großem Stil ab – auch der geschasste CEO muss ein (kleines) Opfer bringen.

Der Abschied von CEO Rick Wagoner war für das Weiße Haus Anfang des Jahres eine der Grundbedingungen vor einem Einstieg bei GM. Der Mann, der seit 1977 im Unternehmen arbeitete und seit 2000 dessen Schicksal lenkte, nahm prompt seinen Hut – stand aber bis vor kurzem noch auf der Lohnliste des kaputten Automobilkonzerns. Denn es gab Streit um das Abtrittsgeld, den Wagoner und seine Vorstandskollegen erst einmal beilegen mussten.

Das ist jetzt geschehen – zum Entsetzen der Anleger. Während Wagoner öffentlich erklärt, auf Ansprüche von mehr als 12 Millionen Dollar zu verzichten, kassiert er in den Augen von Mitarbeitern, Gläubigern und überhaupt jedem Amerikaner mit gesundem Menschenverstand noch immer viel zu viel. Fünf Jahre lang bekommt Wagoner jährlich 1,7 Millionen Dollar, danach lebenslang jedes Jahr 74 000 Dollar. Damit liegt der Wert seiner Abfindung bei rund 8,5 Millionen Dollar.

Abwicklungsobjekt GMGMQ

Die Zahlen stammen aus einem Bericht der Motors Liquidation Co. an die Börsenaufsicht. Hinter dem Titel verbirgt sich die Aktie, die einmal mit dem Kürzel "GM" im Dow Jones notierte und zu den traditionsreichsten Blue Chips in Amerika zählte. Heute handelt nur noch ein obskures Papier mit dem Kürzel "GMGMQ" im Freiverkehr, ist nicht mehr als ein paar Pfennig wert – zu recht. Denn die Aktie steht nur noch für Forderungen und ungeliebte Anlagen; zur Motors Liquidation Co. gehören etwa einige stillzulegende Werke und 2000 Autohäuser, die abgewickelt werden müssen.

Dass der Rest von GM größtenteils der amerikanischen und kanadischen Regierung, den Gewerkschaften und Gläubigern gehört, hat man direkt Rick Wagoner zu verdanken. Der hat in seiner immerhin fast ein Jahrzehnt dauernden Amtszeit so gut wie jede wichtige langfristige Entwicklung auf dem Automarkt verschlafen und lieber kurzfristigen Trends nachgegeben. Statt Sprit sparende Motoren zu entwickeln konzentrierte sich GM unter Wagoner auf Hummer, Trucks und SUV mit gigantischem Benzinverbrauch und hohen Margen; Kleinwagen fand man wegen der geringeren Gewinnspanne nicht interessant.

Dabei wusste jedes Kind seit Jahren, dass sparsamere Autos eines Tages der Renner sein würden. Dass dieser Tag wegen der dramatisch steigenden Ölpreise mitten in das Jahr 2008 fallen würde, war zugegebenermaßen nicht leicht vorauszusehen. Dass aber GM völlig unvorbereitet in die Krise krachte, während etwa europäische und asiatische Marken viel besser positioniert waren, dass lag nicht an einer üblen Laune des Universums, sondern am kompletten Versagen des GM-Vorstands unter der Führung von Rick Wagoner.

Dass der Mann seinen Posten an der Unternehmensspitze geräumt hat, ist gut. Dass er mit einem Millionenpaket in den Ruhestand geschickt wird, ist ein Skandal.

Quelle: n-tv.de