Wirtschaft
(Foto: picture alliance / Julian Strate)
Freitag, 06. Januar 2017

Psychotherapie im Netz: Online-Portal kämpft gegen Depressionen

Von Juliane Kipper

Auf einen Therapieplatz müssen Betroffene im Schnitt drei bis sechs Monate warten. Zwei Frauen aus Berlin gründen deswegen das Online-Portal "Selfapy" - und ermöglichen eine Psychotherapie im Internet und über Skype.

Nora Blum vergleicht es mit schlimmen Zahnschmerzen: Wer an Depressionen, Burnout oder Angststörungen leidet, braucht Hilfe – und die sofort. Doch nicht selten müssen Betroffene zwischen drei und sechs Monaten auf eine Behandlung warten. Auch die Scham vor der Reaktion anderer Menschen hindert viele Betroffene daran, sich professionelle Hilfe zu suchen. 

Inzwischen sind sie zu dritt. Seit kurzem unterstützt Farina Schurzfeld (l) Nora Blum (m) und Kati Bermbach (r).
Inzwischen sind sie zu dritt. Seit kurzem unterstützt Farina Schurzfeld (l) Nora Blum (m) und Kati Bermbach (r).

Gemeinsam mit ihrer Freundin Kati Bermbach gründet Blum deswegen im Januar 2016 das Start-up "Selfapy". "Wir wollten Menschen die Möglichkeit geben, Soforthilfe zu bekommen. Ganz flexibel und anonym - ohne lange Wartezeiten oder an Sprechzeiten von Therapeuten gebunden zu sein", sagt Blum im Gespräch mit n-tv.de. Die Hemmschwelle, einen Psychotherapeuten vor Ort zu sehen, sei hoch– auch weil psychische Erkrankungen noch immer stigmatisiert würden.

Beide Gründerinnen haben Psychologie studiert. Während Bermbach nach dem Studium an der Charité in Berlin an der Entwicklung der Fragebögen und Kursinhalte arbeitete, ging Blum in die Wirtschaft und schnupperte erste Start-up-Luft bei Rocket Internet. Der Name "Selfapy" stand dabei schon lange fest. Er setzt sich aus den beiden englischen Wörter "self" und "therapy" zusammen und lässt sich mit "Selbsttherapie" übersetzen.

Kein Ersatz für konventionelle Psychotherapie

Das Online-Portal bietet systematische Selbsthilfe und persönliche Gespräche mit Psychologen am Telefon oder über Skype an – auch am Wochenende. In einem geschützten Raum finden Betroffene mit "Selfapy" Anleitung und Unterstützung. "Grundsätzlich wollen wir auf keinen Fall die konventionelle Psychotherapie oder Therapeuten ersetzen", sagt Blum. Jeder, der die Möglichkeit habe, einen Therapeuten zu sehen und offen dafür sei, solle das machen. Vielmehr wollen Blum und Bermbach Betroffenen die Möglichkeit geben, mit "Selfapy" die Zeit zu überbrücken, bis ein Therapeut gefunden ist. "Uns geht es um die kritische Zeit vor einer Therapie, aber auch danach, wenn das Erlernte umgesetzt und in den Alltag integriert werden muss", sagt Blum.

Video

Denn ganz ohne persönliche Betreuung geht es oftmals nicht. Besonders für sozial isolierte Patienten ist der Kontakt zu einem Therapeuten wichtig. Darauf weist auch die Gesellschaft für Personenzentrierte Psychotherapie und Beratung in einer Stellungnahme hin. Der Dachverband merkt an, dass internetbasierte psychotherapeutische Interventionen eine Face-to-Face-Psychotherapie nicht ersetzen können. Sie können lediglich ergänzend, nachsorgend oder vorbereitend sein.

Inzwischen haben sich über 800 an Depressionen erkrankte Menschen angemeldet. Und auch Investoren sind auf das Start-up aus Berlin aufmerksam geworden. Mit einem hohen sechsstelligen Betrag hat unter anderem Digital Health Ventures im Juni 2016 in das junge Unternehmen investiert. Eine zweite Finanzierungsrunde steht kurz bevor.

Wirksamkeit ist wissenschaftlich belegt

In neun Wochenmodulen durchlaufen Betroffene die Kurse von "Selfapy". Pro Modul müssen Teilnehmer dafür etwa 20 Minuten einplanen. Dabei erlernen die Patienten Techniken, mit denen sie ihre Stimmung gezielt verbessern können, und Methoden, sich von negativen Denkweisen zu befreien. Ziel des Programmes sei es, die Erkenntnisse des Grundkurses langfristig zu verankern. "Außerdem lernen die Teilnehmer, wie man einen Rückfall möglichst früh erkennen kann und was dann zu tun ist", sagt Blum.

Und die Kosten? Die Variante ohne zusätzliche Gespräche mit einem Psychologen gibt es für knapp 30 Euro. Ein psychologisch geleiteter Kurs kostet fast 150 Euro. Scheitert es bei einem Kunden an der Gebühr, springt das Start-up auch schon mal selbst ein. "Selfapy" sieht sich an dieser Stelle in der Verantwortung.

Ziel des Start-ups ist es allerdings, seine Kunden schon bald finanziell entlasten zu können. Noch in diesem Jahr planen Blum und Bermbach, dass Krankenkassen die Kosten für "Selfapy" übernehmen. Die Wirksamkeit des Kurses sei inzwischen von dem UKE in Hamburg wissenschaftlich belegt.

Ein Wochenende voller Neuanfänge, Durchstarter und Erfolgsgeschichten – am 7. und 8. Januar setzt n-tv- Fernsehen seinen Programmschwerpunkt auf die boomende Gründerszene und zeigt Talks, Sondersendungen und Dokumentationen zum Thema. Beim Startup-Weekend vermitteln längere Spezialausgaben der "n-tv Startup News" Einblicke in innovative Geschäftsideen und ziehen mit Jungunternehmern Bilanz zu ihren Anfängen im Business.

Quelle: n-tv.de