Wirtschaft
Erschöpfung: Vorprogrammiert.
Erschöpfung: Vorprogrammiert.(Foto: picture alliance / dpa)
Donnerstag, 01. Dezember 2016

Produktivitätsswahn bei Start-ups: Wann hast du das letzte Mal geschlafen?

Eine Kolumne von Luis Hanemann

In der Start-up-Welt gilt: Wer mithalten will, optimiert sich selbst. Nicht selten führt das an den Rande der physischen und psychischen Erschöpfung. Die Auswahl an "Lifehacks" ist hoch - doch bringt das wirklich was?

Beim Thema Produktivität und Selbstoptimierung ist es so wie bei vielen umstrittenen Themen: Es bilden sich Lager. Es gibt wahre Produktivitätsfanatiker, die jedes neue Buch und jeden Blogpost zum Thema verschlingen und Selbstexperimente lieben. Trotzdem rätseln sie jede Woche: Wie kann ich noch mehr aus mir herausholen und noch effizienter werden. Wie kann ich eine Morgenroutine entwickeln? Wie kann ich alle meine Schritte/Aktivitäten tracken, um produktiver zu werden? Brauche ich wirklich mehr als vier Stunden Schlaf?

Dann gibt es natürlich auch die Menschen, die Produktivitätssteigerungen komplett ablehnen und finden, alles müsse natürlich laufen. Ihr Motto: Gut Ding will Weile haben. Tracken von Aktivitäten und To-Do Listen sind ihnen suspekt und signalisieren für sie den Untergang der natürlichen Welt.

Schwäche zeigen - nicht erlaubt

In der Start-up-Welt ist der erste Typus deutlich häufiger anzutreffen. Es passt ins Bild des Machers, der die Welt verändern will, dass er sich selbst ständig optimieren will. Wenn ich schon der David bin, der gegen Goliath kämpft, muss ich 150 Prozent geben und darf keine Schwäche zeigen. Und es ist ja auch was dran: Um es mit den Großen aufzunehmen, muss man schneller, besser, schlauer vorgehen. Wir investieren auch nicht in Start-ups, in denen es die Gründer an Motivation mangeln lassen. Die Frage ist: Wie weit sollte man gehen? Meine Erfahrung zeigt, dass die Risiken, die eine bedingungslose Selbstaufgabe für ein Projek oder Start-up mit sich bringen, nicht zu unterschätzen sind.

Als Gründer trägt man nicht nur Verantwortung gegenüber seinen Mitarbeitern, Kunden und Investoren, sondern auch für sich selbst und seine eigene Gesundheit. Besser werden wollen ist eine unglaubliche Quelle für Innovationen, Kraft, Motivation und vieles mehr, gleichzeitig gibt es aber auch körperliche und psychische Grenzen, auf die man achten sollte. Ein Beispiel: "Have Dreams but don’t sleep".

Träume haben ohne zu schlafen?

Klar die Botschaft ist eingängig, der Entrepreneur soll Visionen und Träume haben und diese verwirklichen. So hart arbeiten, dass keine Zeit mehr für den Schlaf ist. Aus meiner Sicht muss jeder für sich schauen, wie gut Produktivitätssteigerungsmethoden zu ihm selbst, zu der gewählten Aufgabe, aber auch zu seinem Umfeld oder Familie passen.

Ich persönlich kam zu der Erkenntnis, dass viele der Methoden mir geholfen haben, in kürzerer Zeit mehr zu schaffen und ich mich dabei gut fühle. Gerade Produktivitätssteigerungen durch Fokussierungen und Routinen haben bei mir zu einem deutlichen Produktivitätszuwachs geführt. Auch ein Klassiker wie die Eisenhower Box hilft mir, mich selbst zu organisieren und Wichtiges und Dringliches zu unterscheiden.

Besonders schön ist natürlich, wenn man die ganzen Tipps und Tricks – oder cooler ausgedrückt "Lifehacks" – in Minuten konsumieren und sich sofort die für einen relevanten Techniken aneignen kann. Hier kommen Produktivitäts- und Lernapps ins Spiel, die zurzeit wie Pilze aus dem Boden schießen und vor allem geschäftigen Jungunternehmern und Businessleuten helfen sollen, produktiver und effizienter zu werden. Eines dieser Tools ist Blinkist, ein Service, der Wissen aus Sachbüchern in Kurzversionen verwandelt, die möglichst schnell und unterwegs gelesen werden können. Praktischerweise hat sich die App vor allem auf Bücher über Selbstoptimierung und Produktivität spezialisiert – und davon gibt es eine ganze Menge...

Hier eine kleine Auswahl:

Ein Klassiker der Selbstmanagement-Literatur ist David Allens Wie ich die Dinge geregelt kriege, in welchem der Autor ein von ihm entwickeltes, ausgeklügeltes Produktivitätssystem vorstellt, das dabei hilft, Projekte und Aufgaben auf zuverlässigen externen Speichern außerhalb des Kopfes festzuhalten und so in einem Zustand entspannter Kontrolle Dinge erledigt zu bekommen.

Wenn es darum geht, welche Dinge wann gemacht werden sollen, ist das Buch Die Multitasking-Falle von Devora Zack ganz radikal: nämlich eins nach dem anderen. Die Autorin erklärt, warum das heutzutage gelobte Multitasking schädlich für die geistige Gesundheit und abträglich für unsere Produktivität ist und weshalb wir stattdessen Singletasking betreiben sollten – also jeder Sache einzeln den nötigen Fokus widmen.

Wenn es um das leidliche Thema Prokrastination geht, bietet Psychologe Daniel Goleman in Konzentriert euch! konkrete Tipps und Techniken wie positives Denken und Meditation, um Willensstärke und Konzentration zu fördern und mit deren Hilfe eine erfolgreiche Führungskraft zu werden.

Apropos Erfolg: Ein weiterer Superseller auf dem Gebiet Selbstoptimierung ist Stephen Coveys Die 7 Wege zur Effektivität, der zusammenträgt, welche Einstellung besonders erfolgreiche und zufriedene Menschen an den Tag legen – unter anderem universelle Prinzipien wie Ehrlichkeit und Integrität verinnerlichen und es verstehen sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Um dieses Prinzip geht es auch in Leo Babautas Weniger bringt mehr, einem Buch, das dafür plädiert weniger zu erledigen, aber dafür den wesentlichen Dingen mit Konzentration zu begegnen, indem man etwa nur noch zweimal am Tag seine E-Mails checkt und die drei wichtigsten Aufgaben schon am Morgen abhakt.

Großes Interesse bei den Jungunternehmern weckt auch Das 80/20 Prinzip von Richard Koch. Das 80/20-Prinzip besagt, dass 80% der Ergebnisse oft von nur 20% der insgesamt geleisteten Arbeit produziert werden. Diese scheinbar simple Formel wendet der Autor auf die unterschiedlichsten Bereiche des Lebens wie Profite, Produktivität und Glück an.

Lasst mich wissen was für Euch am besten funktioniert, oder was Ihr generell von "Lifehacks" haltet.

Quelle: n-tv.de