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Donnerstag, 08. April 2010

Es begann mit Birkenpech: 180.000 Jahre Alleskleber

Ob Birkenpech oder Fischkadaver, zig Materialien dienten im Laufe der Jahrtausende zur Herstellung von Klebstoff. Der optimale Kleber allerdings lässt auf sich warten.

Drei kleine Stücke antiker, thermopoastischer Klebstoff sind im Rheinischen Landesmuseum in Bonn zu bestaunen.
Drei kleine Stücke antiker, thermopoastischer Klebstoff sind im Rheinischen Landesmuseum in Bonn zu bestaunen.(Foto: dpa)

Ohne ihn wäre die Pfeilspitze im Mammut stecken geblieben. Und das wollte keiner unserer Ururahnen riskieren - denn eine solche Spitze war überaus wertvoll. Auch das Beil sollte sich nicht beim Holzfällen vom Griff lösen, deswegen erfanden schon die Steinzeitmenschen einen Klebstoff. Und, glaubt man Experten, war der nicht wirklich schlechter als unser heutiger Alleskleber. "Die Geschichte des Klebens reicht mindestens 180.000 Jahre zurück", sagt der Chemiker Professor Ulrich W. Suter von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich. Und alles begann mit Birkenpech.

Die weiße Rinde der Bäume enthält Betulin, das bei Temperaturen von 340 bis 400 Grad unter Ausschluss von Luft herausdestilliert und zu einem Klebstoff umgewandelt werden kann. Und das pechschwarze Ergebnis haftet bestens. Aber wie haben es die Steinzeitmenschen geschafft, diesen Kleber zu gewinnen? "Wir wissen es nicht, aber Fakt ist, dass man an steinzeitlichen Werkzeugen Reste von Birkenpech gefunden hat", erzählt Olaf Jöris vom Forschungsbereich Altsteinzeit des Römisch-Germanischen Zentralmuseums in Neuwied (Rheinland-Pfalz).

Zwei Funde belegen Birkenpech als Klebstoff

Vermutlich haben die Steinzeitmenschen die Rinde eng gerollt und dann in einer Erdkuhle mit Asche bedeckt und verschwelt, zurück blieb der schwarze, klebrige Sud. Zwei spektakuläre Funde aus den vergangenen Jahren belegen laut Suter, dass Birkenpech offenbar der antike Klebstoff schlechthin war: 2001 berichteten Forscher, unter Fundstücken aus Grabungen in den 1960er Jahren im sachsen-anhaltinischen Königsaue, Werkzeuge mit Birkenpech-Anhaftungen gefunden zu haben. Ihr Alter: Mindestens 80.000 Jahre. 2006 dann eine noch spektakulärere Entdeckung in Süditalien: Birkenpech an einem mindestens 180.000 Jahre alten Steinwerkzeug.

Das Betulin der Birkenrinde kann in Klebstoff umgewandelt werden.
Das Betulin der Birkenrinde kann in Klebstoff umgewandelt werden.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Dieser antike Klebstoff war übrigens variabler als der heutige Sekundenkleber - schließlich musste man ihn nur erwärmen, schon lösten sich die Spitze vom Griff, der Hammer vom Schaft. "Allerdings blieb natürlich die schwarze Masse dran", sagt Archäologe Jöris. Bis zum heutigen Sekundenkleber war es aber noch ein langer Weg.

Dass Kleber unverzichtbar ist, zog sich durch die Jahrtausende und dabei wurde mit so Manchem experimentiert: Im Nahen Osten, vor allem in Syrien nutzte man die natürlichen Vorkommen von Bitumen (Asphalt). "Aber auch Schlachtabfälle oder Fischkadaver dienten einst als Rohstoffe für Klebstoffe", erzählt Suter. So eroberte Dschingis Khan die Welt mit asiatischen Reiterbögen, die mit einem Leim aus Knochen und Knorpel geklebt waren. Doch es dauerte noch einige hundert Jahre, bis 1959 der erste "Super Glue" (Superkleber) aus Polycyanoacrylat, das mit Hilfe der Luftfeuchtigkeit zum Klebewunder wird, auf den Markt kam.

Medizinischer Kleber entstand aus Verzweiflung

"1966 hat ein verzweifelter Chirurg in Vietnam, dem Wundnähzeug fehlte, diesen Kleber genommen - seitdem wird er auch in der Medizin verwendet", erklärt Experte Suter. Bis heute sind die Chemiker aber noch nicht so weit, den optimalen Klebstoff herzustellen: Einer, der immer nur dann klebt, wenn man es will, aber auch jederzeit wieder lösbar ist ohne Rückstände. Mit den kleinen "Post-it"-Zetteln ist das zwar schon ein wenig gelungen, aber der große Wurf steht noch aus – 180.000 Jahre nach dem klebrigen Birkenpech.

Quelle: n-tv.de