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Auguste Deter weckte Alzheimers Forschergeist: Sie war 20 Jahre jünger als die meisten anderen geistig verwirrten Patienten.
Auguste Deter weckte Alzheimers Forschergeist: Sie war 20 Jahre jünger als die meisten anderen geistig verwirrten Patienten.(Foto: picture alliance / dpa)
Samstag, 19. Dezember 2015

Entdeckung einer Krankheit: Alois Alzheimer und das große Vergessen

Von Andrea Schorsch

Das Alter ist das größte Risiko für Demenz. Doch Auguste Deter war erst 51 Jahre alt, als sie in die Klinik eingeliefert wurde. Damit führte sie den Psychiater Alois Alzheimer auf eine Spur.

Es war eine 51-jährige Patientin, die Alois Alzheimer berühmt machte. Innerhalb eines Jahres hatte sie sich stark verändert: Sie war eifersüchtig geworden, unfähig, den Haushalt zu führen, sie versteckte Gegenstände, fühlte sich verfolgt und nervte die Nachbarn. Ihr Mann brachte sie schließlich in eine psychiatrische Anstalt. Das war im November 1901. Dr. Alois Alzheimer nahm den Befund auf, das Krankenblatt existiert noch heute. Sein Gespräch mit Auguste Deter verlief demnach folgendermaßen:

"Wie heißen Sie?" – "Auguste." – "Familienname?" – "Auguste." – "Wie heißt ihr Mann?" – Auguste Deter zögert, antwortet schließlich: "Ich glaube... Auguste." – "Ihr Mann?" – "Ach so." – "Wie alt sind Sie?" – "51." – "Wo wohnen Sie?" – "Ach, Sie waren doch schon bei uns." – "Sind Sie verheiratet?" – "Ach, ich bin doch so verwirrt." – "Wo sind Sie hier?" – "Hier und überall, hier und jetzt, Sie dürfen mir nichts übel nehmen." –"Wo sind Sie hier?" – "Da werden wir noch wohnen." – "Wo ist Ihr Bett?" – "Wo soll es sein?"

"Ich habe mich selbst verloren"

Als Frau Deter Mittag isst und auf Fleisch kaut, fragt Alzheimer: "Was essen Sie?" – "Spinat", sagt die Patientin. Als sie eine 5 schreiben soll, schreibt sie "Eine Frau". Als sie eine 8 schreiben soll, schreibt sie "Auguste". Und dabei sagt sie: "Ich habe mich sozusagen verloren."

Die Dialoge sind deprimierend. Deters Antworten standen oft in keinem Zusammenhang mit der Frage. An Einzelheiten konnte sie sich kaum erinnern. Es war ein Bild kompletter geistiger Verwirrung, das sich Alzheimer bot. Doch anders als viele andere Patienten mit diesen Symptomen war Auguste Deter nicht über 70, sondern 20 Jahre jünger. Viereinhalb Jahre verbrachte Deter in der Klinik, dann verstarb sie. Ihr Geisteszustand hatte sich bis dahin massiv verschlechtert.

Risiko wächst mit den Lebensjahren

Alzheimer nun machte sich nach dem Tod Auguste Deters daran, ihr Gehirn zu untersuchen. Er stellte fest, dass flächenweise Nervenzellen zugrundegegangen waren und sich in der gesamten Hirnrinde Eiweiße abgelagert hatten: Plaques. Alzheimer war überzeugt, dass diese Veränderungen den Gedächtnisschwund der Patientin erklärten. Er ging von einer eigenständigen Krankheit aus, der "Krankheit des Vergessens". 1910 wurde sie nach ihm benannt.

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Heute, mehr als 100 Jahre später, gibt es für diese Krankheit noch immer keine Heilung. Weltweit wird daran geforscht, aber bislang ist kein Durchbruch gelungen. Alzheimer ist die häufigste Form irreversibler Demenz. Das Risiko, dement zu werden, wächst mit den Lebensjahren. "Man muss nur alt genug werden, um an Alzheimer zu erkranken", sagt Konrad Beyreuther, Gründungsdirektor vom Netzwerk Alternsforschung der Universität Heidelberg. Bei den über 65-Jährigen kommt es alle fünf Jahre zu einer Verdoppelung der Alzheimer-Fälle - so das Ergebnis einer 2013 veröffentlichten schwedischen Studie. In Deutschland sind etwa eine Million Menschen von der Krankheit betroffen. Angesichts der steigenden Lebenserwartung dürften es immer mehr werden.

Gemeinsamer Spaß beugt vor

Eine Garantie, kein Alzheimer zu bekommen, gibt es nicht. Doch es ist möglich, das Risiko deutlich zu senken. "Die Lebensführung spielt bei allen Erkrankungen, die mit dem Altern zusammenhängen – und dazu gehört auch die Alzheimer-Krankheit – eine ganz große Rolle", sagt Beyreuther. Vier große Bausteine sind es, mit denen sich ein Fundament legen lässt für geistige Fitness im Alter. Gedächtnistraining spielt da eine untergeordnete Rolle. Gefragt sind vielmehr Bewegung, gute Ernährung, stetes Lernen und Geselligkeit.

Bewegung gilt dabei als die wirkungsvollste vorbeugende Maßnahme. Wer mobil ist, regt die Durchblutung des Gehirns an und versorgt es mit Sauerstoff. Also Treppenlaufen und am besten täglich 30 Minuten für moderaten Sport aufbringen. Wer rastet, der rostet – auch im Kopf.

Die Ernährung sollte sich an der mediterranen Küche orientieren. Dazu gehören viel Obst, viel Gemüse, oft Fisch, daneben Hülsenfrüchte, Getreide, Olivenöl und Nüsse. Gelegentlich können Milchprodukte und Geflügel auf dem Speiseplan stehen. Rotes Fleisch sollte die Ausnahme sein.

Wenn es daran geht, den Denkapparat zu fordern, ist alles erlaubt, was das Interesse weckt und Spaß macht. Das kann das Erlernen einer Sprache sein (die dann auch regelmäßig gesprochen wird), es können Schachpartien sein, regelmäßiges Musizieren oder auch Museumsbesuche, Lesen, Malen oder Tanzen. Und bei allem gilt: gemeinsam erleben! Denn soziale Kontakte sind der vierte wichtige Baustein in der Vorbeugung. Wer allein ist, hat ein doppelt so hohes Risiko, an Alzheimer zu erkranken.

Alois Alzheimer selbst entging der Demenz, starb jedoch am 19. Dezember 1915 einen frühen Tod. Er litt an Herzbeschwerden, Nierenversagen und Atemnot. Nur 51 Jahre wurde der Psychiater alt – so alt wie Auguste Deter war, als sie in seine Klinik kam.

Quelle: n-tv.de