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Schnelle Diagnose hilft "Alzheimer ist furchtbar"

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Auguste Deter war die erste Patientin, bei der Alzheimer diagnostiziert wurde.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Experten sind der Meinung, dass in Zukunft immer mehr Menschen an Alzheimer erkranken. Die Krankheit, die den Menschen vollständig verändert, wird bereits als Volkskrankheit bezeichnet. Warum es so schwierig ist, Alzheimer zu therapieren und was man machen kann, um möglichst lange von dieser Art der Demenz verschont zu bleiben, erklärt Professor Richard Dodel, Neurologe am Universitätsklinikum Marburg.

n-tv.de: Immer mehr Menschen haben Angst, im Alter an Alzheimer zu erkranken. Nimmt die Zahl der Alzheimer-Patienten tatsächlich zu oder ist die Krankheit durch moderne Technik in der Medizin einfach nur öfter diagnostizierbar?

Prof. Dodel: Ja, tatsächlich gibt es immer mehr Alzheimererkrankungen. Das ist vor allem das Ergebnis des demografischen Wandels. Dafür nenne ich Ihnen ein aktuelles Beispiel: Immer mehr Menschen werden 100 Jahre alt. 1964 gab es etwa 300 Hundertjährige, mittlerweile sind es deutschlandweit 5400. Alzheimer ist eine Krankheit, die vor allem Menschen im Alter ab 65 Jahren trifft. Je mehr Menschen also älter als 65 werden, umso mehr davon erkranken an Alzheimer. Die bessere Diagnostizierbarkeit der Krankheit durch moderne bildgebende Verfahren spielt bei der Anzahl der Betroffenen nur eine untergeordnete Rolle.

Gibt es sichere Anzeichen oder Symptome für eine Alzheimererkrankung und wie unterscheiden sich diese von der allgemeinen Vergesslichkeit?

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Mit moderner Technik kann Alzheimer-Patienten in den Kopf geschaut werden.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Es gibt da eine Fülle von Störungen: Einher geht Alzheimer immer mit einer Gedächtnisstörung plus Störungen der kortikalen Funktionen, dazu gehört beispielsweise das Sprechen oder die Werkzeugstörungen. Es geht also immer um mindestens zwei Auffälligkeiten. Dazu kommt ein Leistungsabfall im Beruf oder im sozialen Leben. Das häufige Vergessen des Hausschlüssels oder anderer alltäglicher Dinge hat nichts mit Alzheimer zu tun.

Alzheimer wird oftmals erst spät im Krankheitsverlauf diagnostiziert und damit auch erst spät behandelt. Wieso ist das so?

Das beruht auf verschiedenen Ursachen. Zunächst werden oftmals die ersten Symptome nicht richtig erkannt und bewertet. Ein weiteres Problem an der Erkrankung kann sein, dass das eigene Erkennen der Krankheit gestört ist. Das nennt man in der Medizin Anosognosie. Das führt zu vielfältigen Schwierigkeiten. Erstens gehen Betroffene nicht selbst zum Arzt, zweitens können Angehörige in eine schwierige Situation kommen, da Alzheimer-Patienten nicht selten ihre Erkrankung bestreiten und so der Weg zum Arzt sehr schwer werden kann. Einige Alzheimerpatienten fühlen sich, mit dem Thema konfrontiert, auch ertappt oder beschämt, andere können sogar aggressiv werden. Das führt dazu, dass die Krankheit oftmals erst spät erkannt wird und so die Krankheit viel Zeit hatte, immensen Schaden im Gehirn anrichten zu können.

Wie sollten sich Angehörige verhalten?

Die Alzheimer-Krankheit ist eine furchtbare Erkrankung und fordert deshalb von Angehörigen oftmals das Äußerste. Es ist so, dass ein Mensch durch Alzheimer seine Persönlichkeit langsam verliert. Aus diesem Grund ist es ganz wichtig, dass sich Angehörige informieren und den Patienten möglichst schnell zum Arzt begleiten, damit eine sichere Diagnose gestellt werden kann. Zudem sollte man sich bei Spezialisten und Selbsthilfeorganisationen Informationen und Hilfe holen.

Sollten bei einem Mitmenschen diese Störungen auftreten, wie verläuft der Weg bis zur Diagnose?

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Rund 250.000 Wissenschaftler weltweit sind mit der Alzheimer-Krankheit beschäftigt.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Es gibt Standards, die auch in den neuesten Leitlinien beschrieben sind. Am besten ist es, zuerst zum Hausarzt zu gehen und ganz offen über die anstehenden Probleme zu reden. Der Patient sollte dann zu einem Facharzt überwiesen werden, bei dem sowohl eine detaillierte Anamnese des Patienten sowie eine sogenannte Fremdanamnese erhoben werden sollte. Fremdanamnese bedeutet, dass Angehörige des Patienten zu den Symptomen befragt werden. Dazu kommt eine neuropsychologische Testung sowie bei der Erstdiagnose auch eine bildgebende Untersuchung mit Computertomographie (cCT) oder Kernspintomographie (cMRT). Außerdem sollte auch eine Blutuntersuchung dazugehören, denn es gibt einige behandelbare Ursachen, wie zum Beispiel den Vitamin-B12-Mangel oder Schilddrüsenerkrankungen, die so
erkannt werden können. In speziellen Fällen ist eine detaillierte Untersuchung des Nervenwassers sinnvoll oder aber weitergehende bildgebende Verfahren wie die Positronen-Emission-Tomografie. Das sind jedoch Untersuchungen, die nur ganz bestimmten Fragestellungen vorbehalten sind.

Wo liegen denn die Unterschiede zu anderen Demenz-Erkrankungen?

Hauptsächlich unterscheidet man in vier Kategorien. Die Alzheimer-Erkrankung ist mit 60 bis 70 Prozent die häufigste Demenz-Erkrankung. Die zweithäufigste ist die Vaskuläre Demenz, die durch Gefäßerkrankungen bedingt ist. Danach folgt die Lewy-Körper-Demenz mit ca. 10 Prozent, die Frontotemporale Demenz, das ist die häufigste Demenz, die vor dem 55. Lebensjahr auftritt und dann gibt es noch einige sekundäre Formen.

Die Alzheimer-Krankheit wurde bereits 1901 von Alois Alzheimer als Krankheit beschrieben. Bis heute kann die Krankheit weder geheilt noch für lange Zeit therapiert werden. Was macht die Erforschung von Alzheimer so schwierig?

Da gibt es mehrere Punkte. Wir Wissenschaftler haben für die Erforschung von Alzheimer keine guten Modelle. Wir können immer nur einzelne Teile der menschlichen Alzheimer-Erkrankungen abbilden. Wir haben zudem keine Tier- und Zellkulturmodelle, die gut beschreiben können, was während der Erkrankung im Menschen vor sich geht. Auch die Versuche an Mäusen oder anderen Tieren können immer nur bestimmte Teilfragen klären und die Erkrankung in ihrer Komplexität nicht erfassen.

Wie weit kann man denn und womit gegen Alzheimer vorgehen?

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Professor Richard Dodel.

(Foto: Wort&Bild Verlag/Thomas Pflaum)

Wir haben im Moment zwei Substanzgruppen von Medikamenten zur Verfügung. Das sind die
Cholinesterase-Hemmer und das Memantin, die in Deutschland zugelassen sind. Im frühen Stadium der Erkrankungen kann man mit Cholinesterase-Hemmern die Erkrankung - einfach ausgedrückt - für etwa ein Jahr "einfrieren". Danach schreitet die Erkrankung ähnlich schnell voran wie bei Patienten ohne Medikamente, aber man hat diesen Vorsprung, der auch noch Jahre erhalten bleibt.

Bisher konnten die Ursachen für Alzheimer nicht geklärt werden. Gibt es Tipps, wie gesunde Menschen dieser Krankheit vorbeugen können?

Das ist ganz schwierig. Bisher konnten nur wenige Faktoren eindeutig identifiziert werden, die einer Alzheimer-Erkrankung vorbeugen könnten: Das ist zum einen die regelmäßige Bewegung und zum anderen die ausgewogene Ernährung (zum Beispiel eine mediterrane Ernährungsweise).

Mit Prof. Richard Dodel sprach Jana Zeh

Quelle: n-tv.de

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