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Austausch mit anderen Betroffenen "Anonymität des Internets hilft"

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(Foto: picture-alliance/ dpa)

Rund sieben Prozent der Erwachsenen sind mehr oder weniger schwer davon betroffen. Über das Thema wird jedoch nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen. Die meisten der Betroffenen wissen nicht einmal, dass es sogar einen Fachbegriff für ihre Beschwerden gibt: Paruresis. Was das genau ist und wie man diese Entleerungsstörung wieder los werden kann, erklärt Carsten Dieme, Initiator von paruresis.de.

n-tv.de: Was ist Paruresis?

Carsten Dieme: Paruresis beschreibt eine "psychisch bedingte Entleerungsstörung". Der Begriff stammt aus dem Griechischen (par - gestört, uresis – urinieren), Betroffene können in Anwesenheit anderer nicht oder nur sehr verzögert urinieren.

Stimmt es, dass die meisten Betroffenen die Entleerungsstörung erst in der Pubertät entwickeln?

Laut Rückmeldungen Betroffener im Forum von paruresis.de, durch E-Mails und Briefe kann ich das bestätigen. Nur einige wenige entwickeln die Phobie erst später. Ich kenne keinen, der vor der Pubertät eine Entleerungsstörung hatte.

Bezieht sich die Angst der Betroffenen nur auf öffentliche Toiletten?

Nein, die Angst bezieht sich auf alle Toiletten, bei denen jemand anderes anwesend ist, dazukommen oder auch zuhören könnte. Das kann also auch eine Toilette bei Bekannten oder Freunden sein. Primär tritt das Problem natürlich auf öffentlichen Toiletten auf.

Stimmt es, dass mehr Männer als Frauen betroffen sind?

Sowohl Expertenschätzungen als auch die Rückmeldungen im Forum zeigen, dass es eher Männer sind, die an Paruresis leiden. Das liegt häufig an der ungeschützten Urinalsituation (Pissoirs an den Wänden in Männertoiletten), die es bei Frauen nicht gibt. Aber auch die Anzahl der Frauen wurde meiner Meinung nach bisher deutlich unterschätzt. Erst mit der Anonymität des Internets zeigt sich, dass es nicht nur halb so viele Frauen sind, die darunter leiden, sondern wesentlich mehr. Die Mehrzahl der Betroffenen findet sich aber tatsächlich unter den Männern.

Inwieweit beeinträchtigt das die Lebensqualität?

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Eingang von Paruresis.de

Die Störung reicht bis hin zum totalen sozialen Rückzug oder der Aufgabe des Berufs. Auch die Beziehung und die Sexualität können darunter leiden. Viele Betroffene entwickeln "Strategien", wie sie das urinieren entweder vermeiden oder aber mit Tricks dennoch meistern können. Dies jedoch erfordert ein ständiges "darüber nachdenken". Das lässt den Stresspegel steigen und den Angstkreislauf nicht abreißen. Es entsteht zwangsläufig ein Teufelskreis.

Welches ist der richtige Arzt für Betroffene?

Zuerst sollte man bei einem Urologen oder Männerarzt überprüfen lassen, ob gegebenenfalls körperliche Ursachen vorliegen. Ist das nicht der Fall, sollte man sich an einen psychologischen Psychotherapeuten wenden oder überweisen lassen. Leider verfügen Ärzte meistens über nur wenige oder gar keine Informationen zum Thema Paruresis.

Welche Therapieformen gibt es?

Da sollte jeder für sich und in Absprache mit seinem Therapeuten die passende herausfinden. Es gibt Menschen, denen die Psychoanalyse hilft, anderen wiederum eine Verhaltenstherapie oder Gesprächstherapie. Einige nehmen an einem therapeutisch begleiteten Workshop teil. Wichtig ist auf jeden Fall, sich professionelle Hilfe zu holen.

Was sollten Menschen mit Paruresis selbst für sich tun?

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Als "Cafe Achteck" werden im Volksmund die alten gußeisernen Pissoire in Berlin bezeichnet.

(Foto: picture-alliance / dpa)

Der erste Schritt sollte sein, die Phobie als solche zu erkennen. Das geht nur mit umfangreichen Informationen zu diesem Thema. Über das Internet kann man Kontakt mit anderen Betroffenen aufnehmen und so verstehen, dass man mit seinem Leiden nicht allein auf der Welt ist. Außerdem kann man Entspannungs- und Atemübungen machen und mit einem "Pee-Buddy" üben.

Was ist ein "Pee-Buddy"?

Ein "Pee-Buddy" ist ein Begleiter, mit dem Betoffene zusammen üben können, ihre Scham abzubauen und auf einer öffentlichen Toilette zu urinieren. In den meisten Fällen ist er auch ein Betroffener und man kann so gemeinsam am Problem "Paruresis" arbeiten. Finden kann man Pee-Buddys im Forum von www.paruresis.de.

Was wünschen Sie sich in Bezug auf Paruresis?

Ich wünsche mir, dass noch mehr Menschen erfahren, dass es einen Namen für ihr Problem gibt, dass es eine Vielzahl Betroffener gibt und jeder seinen ganz persönlichen Weg finden kann, um es wieder einfach laufen zu lassen.

Mit Carsten Dieme sprach Jana Zeh

Quelle: n-tv.de