Wissen

Ein betäubtes Gehirn muss nicht tot sein Auch Fachärzte irren bei Hirntod

hirntod.jpg

Bei rund 2000 Patienten im Jahr wird in Deutschland der Hirntod diagnostiziert.

(Foto: picture alliance / dpa)

Zwingende Voraussetzung für die Entnahme von Spenderorganen ist der Hirntod. Auf dem streng reglementierten Diagnoseweg unterlaufen jedoch selbst gestandenen Ärzten Fehler. Doch Widerspruch ist in der Krankenhaushierarchie oft schwierig.

In deutschen Krankenhäusern werden Menschen oft fälschlicherweise für hirntot erklärt. Das berichtet die "Süddeutsche Zeitung", die sich auf ihr vorliegende Unterlagen beruft. Demnach kommt es immer wieder zur Ausstellung von Totenscheinen, ohne dass der Hirntod nach den dafür vorgesehenen Richtlinien diagnostiziert worden ist. Hauptgrund dafür sei, dass viele Ärzte für die korrekte Feststellung des Hirntods unzureichend ausgebildet seien.

In einem Fall sind bei einem Kleinkind Organe für die Transplantationsmedizin entnommen worden, ohne dass der Hirntod richtig diagnostiziert worden war. In acht weiteren Fällen aus den vergangenen drei Jahren, über die die SZ berichtet, wurden die Fehler gerade noch rechtzeitig vor der Organ-Entnahme entdeckt.

Fehler unterlaufen auch vermeintlichen Experten

Voraussetzung für die Feststellung des Hirntods ist, dass alle Umstände ausgeschlossen sind, die das Gehirn nur betäuben - Medikamente, eine zu niedrige Körpertemperatur, Koma oder Vergiftung etwa. Laut SZ wurde in mehreren Fällen der Hirntod aber bestimmt, obwohl die Patienten zuvor starke Schmerzmittel erhalten hatten. Bei anderen wurde der Test auf Atemstillstand nicht korrekt durchgeführt. Die Fehler wurden nicht nur in kleinen Krankenhäusern gemacht, sondern auch an Universitätskliniken und in Fachabteilungen.

Der Hirntod ist die erste Bedingung für eine Organspende. Er wird in Deutschland pro Jahr bei etwa 2000 Menschen diagnostiziert. Für die Diagnose gilt ein umfangreiches Regelwerk der Bundesärztekammer. Dieses besagt zum Beispiel, dass zwei qualifizierte Ärzte" "übereinstimmend und unabhängig" voneinander den Hirntod feststellen müssen, bevor der Totenschein ausgestellt werden kann. Als Qualifikation genügt aber "eine mehrjährige Erfahrung in der Intensivbehandlung von Patienten mit schweren Hirnschädigungen".

Das scheint in der Praxis nicht auszureichen. "Die Ausbildung der Ärzte hat ein starkes Qualitätsdefizit", zitiert die SZ den Transplantationschirurgen Gundolf Gubernatis. Der frühere geschäftsführende Arzt der Deutschen Stifung Organtransplantation (DSO) betont die Bedeutung einer solchen Diagnose: "Tot oder nicht tot - keine andere Feststellung in der Medizin verlangt doch so viel Genauigkeit." Gemeinsam mit dem Neurologen Hermann Deutschmann vom Nordstadtkrankenhaus Hannover fordert Gubernatis seit Jahren eine von der Ärztekammer geprüfte Zusatzqualifikation. Denn Deutschmann hatte schon im Jahr 2004 festgestellt, wie häufig seine Kollegen Menschen fälschlicherweise für tot erklären. In rund 30 Prozent der Fälle, in denen Deutschmann als Zweitgutachter zur Hirntodfeststellung hinzugerufen wurde, konnte er die Diagnose seiner Kollegen nicht bestätigen.

Hierarchieprobleme mit Fachärzten

Bei der Ärztekammer hält man die Qualität der Hirntoddiagnostik dagegen für ausreichend: Diese sei "gesichert und hoch", schreiben die Vorsitzenden der drei bei der Bundesärztekammer angesiedelten Kontrollkommissionen des Transplantationswesens - die Prüfungskommission, die Überwachungskommission und die Ständige Kommission Organtransplantation - in einer gemeinsamen Stellungnahme. Und Rainer Hess, Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation, betont: Nur in zwei Fällen sei es in den vergangenen Jahren nach einer regelwidrigen Hirntodfeststellung auch zur Organentnahme gekommen. Beide Male habe sich später gezeigt, dass die Spender bei der Organentnahme tatsächlich hirntot gewesen seien. In den anderen der SZ vorliegenden Fällen hätten Mitarbeiter der Stiftung die Fehler gerade noch rechtzeitig vor der Organentnahme entdeckt.

Die DSO-Mitarbeiter sind allerdings gar nicht für die Kontrolle der Hirntoddiagnostik zuständig, wie auch Hess einräumt. Noch dazu stehen die Ärzte in der Hierarchie viel höher als die DSO-Mitarbeiter. Diese trauen sich deshalb häufig nicht, die Mediziner auf ihre Unkenntnis hinzuweisen. "Viele Kollegen verkneifen sich eine Korrektur. Sie nehmen die falsche Diagnostik einfach hin und leiten die Organspende ein", sagte ein Insider der SZ. Eine frühere DSO-Mitarbeiterin bestätigt dies: "Den Mut, sich mit den Fachärzten anzulegen, haben die wenigsten."

Quelle: n-tv.de, nsc

Mehr zum Thema