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Forscher jagen Manganknollen "Claim ist goldrichtig"

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Forschungsschiff "Sonne": Platz für rund 50 Crew-Mitglieder.

RF Forschungsschiffahrt GmbH

Das Forschungsschiff "Sonne" ist im Auftrag der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe im Pazifik unterwegs. Ein Team aus hochkarätigen Wissenschaftlern erkundet ein von Deutschland lizensiertes Gebiet. Der Auftrag: Quantität und Qualität der Manganknollen ermitteln, die am Meeresboden liegen. Die spröden Gebilde gelten als mögliche Rohstoffquelle der Zukunft. Carsten Rühlemann leitet die Expedition vor Ort. Im Interview berichtet er von den bisherigen Ergebnissen, einem Seenotfall - und dem Essen an Bord.

n-tv.de: Ahoi, Herr Rühlemann! Gruß in den fernen Pazifik! Wie sind Wetter und Seegang? Sind alle an Bord arbeitsfähig?

Carsten Rühlemann: Das Wetter ist seit dem Auslaufen aus dem Hafen von Papeete in Tahiti am 15.4. hervorragend und der Seegang entsprechend niedrig. Auf dem Transit ins Arbeitsgebiet rund 1000 km nördlich des Äquators hatten wir beim Durchqueren der südlichen Passatwindzone eine etwas höhere Dünung, die aber niemanden ernsthaft beeinträchtigt hat.

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Mit einer Art "Stempelmaschine" werden Bodenproben ausgestanzt.

(Foto: Maria Milyutina / Senckenberg-Institut)

Was haben Sie gemacht während der Anfahrt?

Während der zehntägigen Anfahrt haben wir auf unserem nordöstlichen Kurs zwischen 135°W und 119°W auf Bitte der US-amerikanischen National Oceanic and Atmospheric Adminstration in regelmäßigen Abständen siebzehn Drifterbojen ausgesetzt. Die NOAA beteiligt sich am internationalen 'Global Drifter Program' zur Erforschung der Meeresströmungen mit Hilfe dieser Bojen. Die Drifter werden bei voller Fahrt ausgesetzt, automatisch aktiviert und senden dann für etwa 400 Tage über ein Satellitensystem regelmäßig ihre Position und die Wassertemperatur. Die Bordärztin hat außerdem für die Wissenschaftlergruppe Erste Hilfe-Kurse durchgeführt. Am Donnerstag, den 22.4. erreichte die Brücke der Hilferuf eines Seglers, der sich nach Informationen des Maritime Rescue Coordination Center in Honolulu mit gebrochenem Mast und unzureichenden Treibstoffvorräten etwa 240 Seemeilen nördlich von uns befand. Als wir den verabredeten Treffpunkt erreichten, war der Segler jedoch offenbar aus eigener Kraft bereits 90 Meilen weiter Richtung Süden gefahren, leider ohne uns darüber zu informieren.

Sie haben fast 20 Forscher verschiedener Fachrichtungen an Bord. Wie ist die Zusammenarbeit?

Die Zusammenarbeit der Kollegen aus den verschiedenen Fachdisziplinen ist hervorragend. Die Forschungsthemen und Methoden ergänzen sich, so dass eine umfassende Betrachtung unseres zentralen Forschungsgegenstandes, der Manganknollen ermöglicht wird. Geochemische Analysen und mikrobiologische Untersuchungen sowie die Bestimmung der Lebewelt in den Manganknollenfeldern am Meeresboden in 4200 Metern Tiefe bauen auf den Resultaten der jeweils anderen Arbeitsgruppen auf.

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Das Ergebnis sind diese 50 Mal 50 Zentimeter großen Kästen mit Meeresboden.

(Foto: Maria Milyutina / Senckenberg-Institut)

Womit ist Ihr Team jetzt gerade beschäftigt?

Zurzeit entnehmen wir mit Hilfe einer Dredge Gesteinsproben von einem untermeerischen Vulkan, um Mangankrusten später im Heimatlabor auf ihre Metallzusammensetzung und Isotopensignatur hin zu untersuchen. Die Krusten entstehen sehr ähnlich wie die Knollen, erhalten ihre Metalle jedoch nur aus dem Meerwasser und nicht aus dem Sediment des Meeresbodens.

Was haben Sie bislang geschafft?

Wir konzentrieren uns auf sieben Arbeitsgebiete innerhalb des 75.000 Quadratkilometer großen deutschen Lizenzgebietes. Diese sieben Areale beinhalten unterschiedliche aber für diese Region typische Ablagerungsräume. Heute Nacht werden wir die Arbeiten im vierten Arbeitsgebiet mit dem untermeerischen Vulkan abschließen. Wir haben mit verschiedenen Geräten Proben des Meeresbodens inklusive Manganknollen entnommen, einige 13 bis 15 m lange Sedimentkerne gewonnen, die uns Auskunft über die Veränderungen der Umweltbedingungen in dieser Region während der vergangenen mehrere Millionen Jahre geben werden. Weiterhin haben wir die Knollenfelder bereits auf einigen 5 bis 7 km langen Profilstrecken mit einem Videoschlitten gefilmt, der an einem gut 4 km langen Stahlseil vom Schiff aus etwa 2 m über dem Meeresboden gezogen wird. Dabei konnten wir detailliert verschiedene Bereiche des Meeresbodens beobachten, die sich hinsichtlich der Menge und Größe der Knollen unterscheiden. Auf den 1000 Fotos, die wir gleichzeitig mit einer fest auf dem Schlitten montierten Kamera gemacht haben, konnten die Biologen Schlangensterne, Seegurken, Schwämme und Tiefsee-Fische identifizieren.

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Die Biologen an Bord wollen mehr wissen über das Leben in der Tiefe.

(Foto: Maria Milyutina / Senckenberg-Institut)

Wie schätzen Sie die Ergebnisse bisher ein?

Der Meersboden ist in dieser Region großflächig und sehr dicht mit Knollen bedeckt. Und in der Tat zeigen einige Gebiete eine besonders große Menge an Knollen bis zu 30 kg pro Quadratmeter. Die Wahl des Claims, so zeigt sich jetzt, war goldrichtig. Generell können wir zwischen Gebieten mit kleinen, etwa 1 bis 3 cm großen Knollen, und solchen mit 5 bis 15 cm großen Knollen unterscheiden. Beide Gebiete haben eine hohe Belegungsdichte mit Knollen.

Hinken Sie zeitlich hinterher oder sind Sie im Soll?

Dank des guten Wetters und der ausgezeichneten Arbeit der Besatzung des Forschungsschiffes "Sonne" liegen wir genau im Plan.

Die Biochemiker an Bord machen die Porenwasser-Untersuchungen direkt an Bord. Wie sind die Arbeitsbedingungen dafür auf der "Sonne"?

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Die Route der "Sonne" und die beiden deutschen Claims im Manganknollen-Gürtel.

(Foto: BGR)

Den Geochemikern stehen zwei Labore zur Verfügung. Eines ist auf 4°C gekühlt und entspricht damit ungefähr den Temperaturen am Meeresboden. Hier werden die Wässer aus dem Porenraum der Meeresboden-Sedimente entnommen und außerdem die Sauerstoffkonzentration gemessen. Im anderen Labor werden die Porenwässer auf ihre Nährstoffkonzentrationen und später auch auf die Metallgehalte hin untersucht.

Und gibt es neue Erkenntnisse, was das chemische Umfeld der Knollen angeht?

Die Methodik der direkten Sauerstoff-Messung in den Sedimenten wird in dieser Tiefseeregion zum ersten Mal angewendet und hat überraschende Ergebnisse gebracht. So wurde klar, dass gelöster Sauerstoff aus dem Meerwasser nur etwa 1 bis 1,5 Meter tief in den Meeresboden eindringt. Vorher wurde angenommen, dass die Sedimente über mehrere Meter Tiefe hinweg sauerstoffreich sind.

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Carsten Rühlemann, Leiter der Expedition, mit einer frisch gefangenen Manganknolle.

(Foto: Maria Milyutina / Senckenberg-Institut)

Haben die Biologen schon andere Tiere als Fadenwürmer auf dem ausgestochenen Meeresboden entdeckt?

Neben den bereits erwähnten größeren Tieren, die mit Hilfe der Kamera beobachtet werden konnten, haben die Biologen neben diversen Krebsen und vielen bislang unbekannten mikroskopisch kleinen Arten auch Komokiacea gefunden, eine wenige Millimeter bis Zentimeter große bäumchenförmige Tierart, von der noch nicht mal bekannt ist, zu welcher Ordnung sie gehört.

Der wichtigste Mann auf einem Schiff ist bekanntlich der Koch. Was gibt es denn so an Bord, wird gemeinsam gegessen?

Das Essen an Bord der FS Sonne ist wie immer ausgezeichnet, Heute zum Beispiel haben wir mittags Schweinerückensteak mit Pfefferbutter gegessen und bekommen gleich zum Abendessen Rotbarschfilet mit Lauchsauce. Gegessen wird - soweit es die Einsatzzeiten der Probenahmegeräte zulassen - gemeinsam in der Messe, die Platz für etwa 30 Personen bietet.

Einige Wochen mit so vielen Leuten auf einem kleinen Schiff - halten Sie das gut aus oder sind Sie auch mal genervt?

Die Stimmung ist bislang ausgezeichnet, trotz der vielen Arbeit an Bord und der Enge, die auf einem Schiff nun mal herrscht. Das gute Wetter mit Temperaturen zwischen 25° und 30°C und einige Freizeitmöglichkeiten wie Tischtennis oder Tischfussball tragen dazu bei. Und für sportlich weniger aktive gibt es die Möglichkeit, sich zwischendurch mal auf Deck zu setzen und aufs Meer zu schauen oder den meist spektakulären Sonnenuntergang zu beobachten.

Quelle: n-tv.de, Mit Carsten Rühlemann sprach Jochen Müter

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