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Kaiserling, Trichterling, Wulstling Deutschlands Pilzwelt bekommt Zuwachs

Mit nach oben gereckten oder ausgebreiteten

Der Tintenfischpilz wurde von der Südhalbkugel eingeschleppt.

(Foto: imago stock&people)

Rote Tentakel, eiförmige Gitter oder prächtige weiße Schirme: Deutschlands Wälder werden von wärmeliebenden Pilzen erobert. Optisch sind viele Neuzugänge ein Gewinn. Wie sich die Änderung der Pilzwelt aber auf Wald und Wiesen auswirkt, bleibt abzuwarten.

In diesem Jahr hat die Saison besonders früh begonnen: Schon in den ersten Augustwochen sprossen die Pilze. Bei ihrer Suche stoßen Sammler immer öfter auf exotische - und mitunter hochgiftige - Arten. Auch der aus Nordafrika stammende, giftige Parfümierte Trichterling (Clitocybe amoenolens) könnte bereits in Deutschland vorkommen, befürchten Experten.

Der Pilz unterscheidet sich kaum vom essbaren Fuchsigen Rötelritterling (Lepista inversa), verursacht aber starke Schmerzen, Rötungen und Schwellungen, die über Wochen anhalten können. In Italien und Frankreich vergifteten sich bereits Pilzsammler mit dem Einwanderer.

Ursachen für Pilzwanderung

Amanita strobiliformis

Milder Geschmack: Der Fransige Wulstling wächst bevorzugt in wärmebegünstigten Laubwäldern.

(Foto: imago stock&people)

"Wärmeliebende Pilze werden häufiger", sagt der Jenaer Mykologe Andreas Gminder. In deutschen Städten etwa mache sich zunehmend der Fransige Wulstling (Amanita strobiliformis) breit, der aus submediterranen Laubwäldern stammt. Entscheidend sei für Zuzügler meist der Anstieg der Durchschnittstemperatur im Zuge des Klimawandels, nicht der Wegfall eisiger Kälte. "Die meisten Pilze sind frostresistent." Wie auch bei Pflanzen und Tieren verschöben sich die Verbreitungsgebiete vieler Pilzarten nach Norden und in höhere Lagen.

Neue Regionen zu erreichen, fällt Pilzen nicht schwer, weil sie Unmengen sogenannter Sporen produzieren: Die winzigen Kügelchen werden verweht oder lassen sich an Fell, Federn oder Schuhwerk geklebt davontragen. An passenden Orten keimen sie - ähnlich wie Pflanzensamen - zu neuem Mycel aus. Dieses unterirdische Flechtwerk aus fadenförmigen Zellen sind der eigentliche Pilz, die oft farbenfrohen oberirdischen Hutgebilde lediglich die Fruchtkörper, die wiederum neue Sporen bilden.

"Sporen haben eine riesige Reichweite", sagt Gminder. Eine Hemmschwelle bei der Eroberung neuer Lebensräume gibt es aber: "Es müssen in der Regel zwei verschieden-geschlechtliche Sporen nebeneinander zu Mycel auskeimen und verschmelzen, sonst werden keine Fruchtkörper gebildet."

Gros der Einwanderer aus dem Mittelmeerraum

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Ungenießbar: Mit nach oben gereckten oder ausgebreiteten "Tentakeln" sieht der Rote Tintenfischpilz genauso aus, wie er heißt: Wie ein Krake.

(Foto: imago stock&people)

Gelungen sei dies beispielsweise dem wohl von Menschen verschleppten Tintenfischpilz (Clathrus archeri), erklärt Prof. Meike Piepenbring von der Universität Frankfurt. Aus einem weiß-grauen Hexenei stülpen sich bei ihm rötliche Tentakel. Unheimlich ist zudem der Exkrementgeruch der Sporenmasse des aus Australien und Neuseeland stammenden Pilzes.

Weit häufiger allerdings stammen die Einwanderer aus dem Mittelmeerraum. Beispiele seien der Dunkle Ölbaumtrichterling (Omphalotus olearius) und der Rote Gitterling (Clathrus ruber), sagt Rita Lüder von der Deutschen Gesellschaft für Mykologie (DGfM). "Manche ursprünglich südliche Arten kommen in Deutschland inzwischen anscheinend deutlich häufiger vor", bestätigt Piepenbring. "Die Mehrzahl dehnt ihr Verbreitungsareal vermutlich auf natürlichem Weg aus, einige sind gewiss aber auch eingeschleppt worden durch den Menschen." Wissenschaftlich sei das Phänomen allerdings schwer zu belegen. "Es fehlt an Daten aus früheren Jahren."

Vermehrung parasitärer Pilze

Für den Menschen von großer Bedeutung werde am ehesten die Einwanderung pflanzenparasitischer Arten sein - bestimmter Getreidepilze zum Beispiel, sagt die Wissenschaftlerin. Der Klimawandel werde aber nicht nur neue Arten einwandern lassen. "Denkbar ist auch, dass Pilzfruchtkörper künftig eher sprießen und dass ihre Saison länger dauert."

Bei den Holz- und Streuzersetzern sei davon auszugehen, dass sie in warmen Wintern aktiver bleiben, ergänzt Piepenbring. "Und Schimmelpilze gehen, wenn es warm genug ist, auf Substrate, die sie sonst nicht besiedeln würden." In einem warmen Winter habe sie zum Beispiel von Schimmel befallene Samenmäntel von Eiben gesehen.

Zunahme wohlschmeckender Speisepilze

Ein Kaiserling bricht durch seine Hülle. Der Pilz kommt eigentlich vor allem rund um das Mittelmeer vor.

Ein Kaiserling bricht durch seine Hülle. Der Pilz kommt eigentlich vor allem rund um das Mittelmeer vor.

(Foto: imago stock&people)

Zu den in Deutschland wohl häufiger werdenden Großpilzarten zählen die Trüffeln (Tuber). Hinzu komme auch der Kaiserling (Amanita caesarea), ein schon von den Römern als Speisepilz geschätzter Begleiter von Eichen und Esskastanien, sagt die Frankfurter Pilzexpertin. Er sei sporadisch in Baden-Württemberg, Hessen, Rheinland-Pfalz und im Saarland nachgewiesen worden.

Mehrere Arten von Dickröhrlingen (Boletus) - der Gruppe, zu der auch der Steinpilz gehört - wanderten anscheinend ein, ebenso einzelne Arten von Milchlingen (Lactarius) und Täublingen (Russula). "Sie wurden nachgewiesen in Regionen, in denen es im Jahresdurchschnitt wärmer ist als in anderen Teilen Deutschlands, zum Beispiel im oberen Tal des Rheins, am Neckar oder am Main."

Im Nationalpark Bayerischer Wald gibt es seit einigen Jahren Aufzeichnungen zur Verbreitung von Pilzarten. "Von der Schneeschmelze bis zum ersten Frost wurde der Wald dafür wöchentlich abgegangen", sagt Gminder. Aussagekräftige Ergebnisse seien aber erst in einigen Jahren zu erwarten. "Das Mycel im Boden ist nicht zu sehen", erklärt der Mykologe. "Und mit der Fruchtkörperbildung setzen Pilze oft mal aus."

Der Kaiserling, auch Kaiserpilz oder Orangegelber Wulsling genannt, genießt den Ruf eines äußerst wohlschmeckenden Speisepilzes.

Der Kaiserling, auch Kaiserpilz oder Orangegelber Wulsling genannt, genießt den Ruf eines äußerst wohlschmeckenden Speisepilzes.

Zudem halten sich die Gebilde nicht lange. "Ein Eintags-Tintling wächst vormittags und vergeht mittags schon wieder." Ein Steinpilz sei etwa eine Woche sichtbar. Aus diesem Grund gelte eine Pilzart erst nach 50 Jahren ohne Sichtung als erloschen. "Auf der Roten Liste gefährdeter Arten stehen in Deutschland ein Drittel aller Großpilze", sagt Gminder. "Etwa 100 Arten gelten als erloschen."

Veränderungen im Pilzbestand

Künftig könnte es vor allem für Arten im Norden Europas oder in großer Höhe kritisch werden, denen kaum Raum zum Ausweichen bleibt. Zudem wird der Klimawandel nicht nur direkt, sondern auch über die veränderte Baumzusammensetzung der Wälder Einfluss nehmen. Gerechnet wird mit einem deutlichen Rückgang der Fichtenbestände.

Etwa 8000 heimische Großpilzarten würden von der Deutschen Gesellschaft für Mykologie (DGfM) kartiert, sagt Lüder. "Pilze haben eine ebenso große Bedeutung wie Pflanzen, sind aber ein viel weniger beachtetes Reich." Von den unzähligen Auswirkungen veränderter Pilzgemeinschaften würden nur wenige wahrgenommen - und die meist nur indirekt. "Etwa, wenn es keine Heidelbeeren mehr gibt, weil den Pflanzen die Wurzelpilze fehlen", erläutert Lüder. "Oder wenn auf einer überdüngten Wiese keine Champignons mehr wachsen."

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Saftlinge stehen in Deutschland unter Naturschutz.

(Foto: imago stock&people)

Der Stickstoff-Eintrag in die Wälder und Wiesen sei derzeit ein wichtiger Faktor für die Pilzgemeinschaften, betont auch Piepenbring. "Die Saftlinge (Hygrocybe) etwa sind deshalb schon bedroht." Die unter Naturschutz stehenden, oft intensiv gefärbten Pilze bevorzugen nährstoffarme Wiesen - und die gibt es in Deutschland immer seltener. "Der Stickstoffeintrag über die Landwirtschaft schadet vielen Pilzen immens", betont auch Lüder.

Immer noch glaube mancher Pilzsammler, er sei mit schuld am beobachteten Artenschwund, sagt Lüder. "Das ist Unsinn, achtsames Pilzesammeln ist wie Äpfelpflücken." Der frühe Start der Pilzsaison in diesem Jahr bedeutet nicht unbedingt, dass die Sammler besonders große Mengen aus den Wäldern holen werden. "Es gibt Hinweise, dass ein Mycel immer nur eine bestimmte Zahl von Fruchtkörpern hervorbringen kann", sagt Gminder. "Deshalb könnte Anfang Oktober schon Schluss sein dieses Jahr."

Quelle: ntv.de, sni/dpa