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Urzustand des Menschen? Die Glückshysterie

Das Wort der Wörter hat gerade mal fünf Buchstaben und seine Bedeutung ist für jeden eine andere - trotzdem suchen alle danach. Dabei kann man dem "Glück" derzeit kaum aus dem Weg gehen. Selbst an der Tankstelle versprechen Plakate eine glückliche Zukunft. Eine wahre "Glückshysterie" greift um sich, stellt der Philosoph und Autor Wilhelm Schmid fest. Nun könnte man annehmen, dass Menschen zu allen Zeiten vor allem glücklich sein wollten. Schmid sieht das anders: "Die Geschichte zeigt, dass die Suche nach dem Glück über lange Zeit keine große Rolle spielte, da es ums Überleben ging."

Der Blick zurück macht nach Ansicht von Glücksforscher Schmid vor allem eines deutlich: "Das Bedürfnis nach Glück wallt in der Geschichte sporadisch auf und bricht sich Bahn im Diskurs, aus Gründen, die nicht sofort erkennbar sind." In seinem Buch "Glück - Alles, was sie darüber wissen müssen, und warum es nicht das Wichtigste im Leben ist" ruft der in Berlin lebende Schmid deshalb dazu auf, sich beim Streben nach Glück nicht unglücklich zu machen. "Die Menschen denken, Glück ist ein Wohlgefühl, und es liegt natürlich nahe, sich immer wohlfühlen zu wollen." Aber was ist eigentlich Glück? Und warum verlaufen sich viele so oft auf der Suche danach?

Nebenprodukt der Evolution

"Viele Menschen denken ja, Glück wäre eine Form von Urzustand des Menschen", sagt Dr. med. Eckart von Hirschhausen und bringt statt romantischen Vorstellungen die naturwissenschaftliche Perspektive ins Spiel. "In Wirklichkeit sind die guten Gefühle ein Nebenprodukt der Evolution." Hirschhausen muss es wissen: Der Berliner ist Arzt, Spezialgebiet Neurologie, und feiert seit Jahren vor allem als Kabarettist, Autor und Redner Erfolge.

Seine Definition von Glück klingt ernüchternd. "Es gibt verschiedene Hormone im Blut, die mit guten Gefühlen einhergehen, wie die Endorphine. Zudem verändern Botenstoffe wie Dopamin und Serotonin die Signalweiterleitung im Hirn", erläutert er. "Viele stellen sich ihr Hirn wie fest verdrahtet vor, in Wirklichkeit ist es aber flexibel und "flüssig", eher vergleichbar mit einem Kopfsalat, durchtränkt mit Soße", erläutert Hirschhausen die Neurologie fürs Glücklichsein. "So wie die Soße den Geschmack, so bestimmen die Botenstoffe die Stimmung."

Belohnung für die Arterhaltung

Die Glücksgefühle seien die Würze des Lebens, die den Menschen belohnten, wenn er etwas für Arterhaltung oder Fortpflanzung geleistet habe. "Deshalb macht Sex Spaß, und deshalb macht Essen Spaß." Aber warum darf dieses Glück nicht von Dauer sein? "Die Evolution hat uns trainiert, Gefahren sehr viel deutlicher wahrzunehmen als positive Dinge", sagt der Experte.

"Es gab sicher bei unseren Vorfahren im Neandertal auch glückliche Menschen, die sich nach einer Mammutkeule und einem Orgasmus beseelt an der Blume am Wegesrand freuten. Aber die hat der Säbelzahntiger gefressen. Die mögen glücklich gewesen sein, aber von denen stammen wir nicht ab. Unsere Vorfahren sind die Miesepeter, die in der Höhle geblieben sind und gesagt haben: Lass die Glücklichen mal auf der Wiese spielen, bis der Tiger satt ist. Wir sind praktisch auf Pessimismus dressiert, um zu überleben", sagt Hirschhausen und fordert die Nachfahren der Höhlenmenschen zum Umdenken auf.

Glücklichsein lässt sich üben

"Früher war das Leben kurz und gefährlich, heute ist es lang und komfortabel. Es ist also höchste Zeit, unsere mentale Software upzudaten, und nicht mehr nur mit dem Programm von vor 40 000 Jahren herumzulaufen." Und das ist nach der Theorie des Mediziners sogar möglich, denn Glücklichsein lasse sich üben.

Wenn etwas besser sei als erwartet, gebe es eine Art kleinen Kick. Kurz darauf aber ist der neue Zustand schon Gewohnheit. Das erkläre, warum Lottogewinner und Menschen, die durch einen Unfall gelähmt wurden, sich paradoxerweise nach zwei Jahren in ihrer Zufriedenheit kaum unterscheiden. "Dieses ganze Belohnungssystem hat den tiefen Sinn, dass wir uns immer wieder an Neues heranwagen und uns an Lebenssituationen anpassen können", sagt Hirschhausen.

Zusätzliches Hirnteil: der Jammerlappen

Glück ist also eigentlich kein dauerhafter Zustand, den alle erreichen sollten? "Ob wir auf Dauer gerne glücklich sind, ist gar nicht so leicht zu beantworten. Als Arzt kennt man oft das Gegenteil, Hypochonder, die ihr Leid auch ganz gut leiden können", sagt Hirschhausen. "Der Frontallappen plant, der Seitenlappen vernetzt, und wir Deutschen haben noch ein zusätzliches Hirnteil: den Jammerlappen."

Der Fachmann empfiehlt Entspannungsverfahren und Meditation. Außerdem helfe es, alternative Denkstrategien zu erlernen. Hirschhausen hat ein wissenschaftlich und therapeutisch fundiertes Trainingsprogramm zum Glücklichsein entwickelt. Damit will er nach eigenen Angaben etwas gegen die schlechte Laune und die wachsende Zahl an Depressiven in Deutschland tun.

"Erstens: Die Wachsamkeit und Achtsamkeit für glückliche Momente trainieren", rät der Doktor und verschreibt dazu ein Glückstagebuch. "Glückstagebuch heißt, ich schreibe jeden Abend fünf Dinge auf, die an dem Tag gut gelaufen sind, für die ich dankbar bin, über die ich mich gefreut habe." Auf diese Weise verstärke der Schreiber positive Momente in seiner Erinnerung.

In Erlebnisse investieren

Zweitens: Dankbarkeit ausdrücken und Freundschaften stärken. "Einer der stärksten Glücksfaktoren überhaupt ist menschliche Zuwendung und soziale Bindung. Anderen etwas Gutes zu tun, tut einem selber am meisten gut." Drittens: In Erlebnisse investieren. "Materielle Güter haben ganz schnell einen Sättigungseffekt. Das neue Auto verliert vor meinen Augen an Wert, sobald der erste Kratzer kommt und der Nachbar sich das Folgemodell danebenstellt. Die Glücksforschung rät ganz klar: Investieren sie in Erlebnisse und nicht in Dinge." Auch Fähigkeiten, die sich ausbauen lassen, seien Glücksbringer, etwa das Lernen einer Sprache oder eines Musikinstruments.

Viertens: "Bildung ist ein großer Schlüssel zum Glück. Viele denken, Bildung mache die Menschen unglücklicher, weil sie mehr über Dinge grübelten." Das sei falsch. "So sehr uns Materielles sättigt, können wir von Wissen praktisch nie genug kriegen. Wenn ich trainiere, neugierig zu bleiben in meinem Leben, habe ich immer wieder dieses Erlebnis: Ach, das wusste ich noch nicht. Das habe ich so noch nicht gesehen. Eigentlich ist unser Glückssystem ein Lern- System."

Runter vom Sofa

Sportmuffel müssen jetzt stark sein, denn Trainingseinheit Nummer fünf heißt Bewegung. "Sport ist eines der sichersten Glücksrezepte überhaupt. Es gibt kaum etwas, was unserer Stimmung unmittelbarer einen positiven Impuls gibt, als den inneren Schweinehund zu überwinden und sich zu bewegen." Gute Neuigkeit wiederum: "Man muss nicht Mitglied im Fitnessclub werden. Man sollte sich einfach angewöhnen, jeden Tag eine halbe Stunde spazieren zu gehen."

Zu den wichtigsten Faktoren gehört nach Ansicht der meisten Glücksforscher wie auch Hirschhausens und Schmids das "Erleben von Sinnhaftigkeit". "Menschen sind dann glücklich, wenn sie das Gefühl haben, zu etwas Sinnvollem beitragen zu können und gebraucht zu werden", sagt Hirschhausen. Die Mühe lohnt sich, denn Glück ist oft mit körperlicher Gesundheit gekoppelt, sagt Hirschhausen. "Glückliche Menschen sind seltener krank, haben weniger Herzinfarkte, weniger Diabetes und weniger Infekte."

Kein Dauerzustand

Glücklichsein ist also gar nicht so schwer. Doch Hirschhausen und Schmid sind sich einig, dass es nie zum Dauerzustand wird. "Wir müssen akzeptieren, dass es Teil des Lebens ist, krank zu werden und zu sterben", sagt Hirschhausen. Reflektiertes Glück sei eines, das die negativen Aspekte des Schicksals nicht ausblende. "Das Gegenteil von Glück ist nämlich auch nicht Unglück, sondern Langeweile."

Ein guter Gradmesser dafür sei das Zeitempfinden, sagt Hirschhausen. "Wenn ich intensiv lebe, fliegt die Zeit nur so dahin, in der Erinnerung ist sie aber ausgefüllt und reich. Bei totgeschlagener Zeit vergeht sie kaum im Moment, schnurrt aber im Gedächtnis zusammen zu einer Frage: Was hab ich bloß die ganze Zeit getan?"

Von Britta Gürke, dpa

Quelle: n-tv.de

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