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Sicht einer Frühaufsteherin Die Sommerzeit findet nicht jeder blöd

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Eule oder Lerche: Die meisten Menschen zählen weder zu den morgenfrischen Lerchen noch zu den nachtaktiven Eulen.

(Foto: imago/McPHOTO)

Jedes Jahr die gleiche Kritik: Die Zeit im Frühjahr eine Stunde vorzustellen, ist überflüssig, bringt die innere Uhr durcheinander und hat gar keine Energiespar-Effekte. Dieses Jahr gibt es mal eine andere Perspektive - nämlich meine.

Ich muss zugeben, ich zähle zu den Lerchen, also zu denen, die abends schnell müde sind und früh am Morgen gut ausgeschlafen den Tag beginnen können. Ich gehöre also zu den relativ seltenen Frühaufstehern. Das ist gut, wenn man gleich nach Sonnenaufgang arbeiten kann. Das ist schlecht, wenn Veranstaltungen niemals vor 20 Uhr und Partys niemals vor 22 Uhr beginnen - und wenn Partner oder Freunde eher zu den Normalschläfern gehören.

Mit der Umstellung auf die Sommerzeit werden Frühaufsteher wie ich zwar auch nicht zu Partylöwen oder Nachtschwärmern, bekommen aber eine echte Chance, zumindest während eines Zeitraums von zwei bis drei Wochen am gesellschaftlichen Leben auch nach 20 Uhr teilzunehmen. Dafür nehme ich die Umstellung von 2 auf 3 Uhr gern in Kauf, genauso wie die Menschen, die sich freuen, in der Nacht eine Stunde weniger arbeiten zu müssen. Aber reicht das als Argument schon aus?

Effekte untersucht

In vielen Untersuchungen wurden die Befindlichkeiten von Menschen nach der Zeitumstellung, egal ob im Frühjahr oder im Winter, abgefragt. Die Ergebnisse sind relativ gleichlautend: Die Zeitumstellung bringt innere Uhren von empfindlichen Menschen aus dem Takt. Das führt dann, zumindest für ein paar Tage, zu schlechter Laune, Müdigkeit, Konzentrationsschwäche und sogar zu einem Anstieg der Zahl der Verkehrsunfälle kurz nach der Umstellung. Chronobiologen sind sich deshalb einig: Die Sommerzeit muss abgeschafft werden. Doch da muss die Europäische Union, die die Zeitumstellung 1996 mit allen Mitgliedern vereinbarte, erstmal mitmachen.

Zum Glück hat sie das bislang nicht, sage ich, denn meine innere Uhr hat sich mit der Morgendämmerung synchronisiert. Ich werde meist sogar ganz von allein wach, wenn es morgens graut und nicht erst, wenn die Sonne aufgeht. Daran ändern auch dunkle Vorhänge wenig. Dieser Schlaf-Wach-Rhythmus, der jedem Menschen innewohnt, wird hauptsächlich vom Licht gesteuert - und zwar nicht nur vom Sonnenlicht. Auch elektrisches Licht hemmt, wenn auch nicht so stark wie die Sonne, die Melatonin-Produktion im Körper, die normalerweise zwischen ein und drei Uhr nachts die höchste Konzentration aufweist.

Gestört werden kann die Bildung des sogenannten Schlafhormons auch durch Dinge wie Tabak-, Alkohol- und Koffeinkonsum, die Einnahme bestimmter Medikamente, intensiven Sport am Abend, aber auch durch langanhaltenden Stress. Hinzu kommt, dass die Melatonin-Produktion im Laufe des Lebens langsam abnimmt. Zudem beeinflussen lange Tageslichtphasen wie im Sommer, elektrisches Licht und Licht von Monitoren und Fernsehern die Melatonin-Produktion und damit den Schlaf-Wach-Rhythmus ungünstig.

Monitor-Licht und Koffein

Einige Melatonin-Störer gehören also zu den ganz normalen Dingen des Alltags. Kein Wunder, dass viele Menschen mehr auf die Zeitumstellung im Frühling als im Winter, wenn die Uhr um eine Stunde auf sogenannte Normalzeit zurückgestellt wird, reagieren. Die innere Uhr vieler Menschen hinke sowieso ein wenig hinterher, erklärt die Biologin Charlotte Förster vom Biozentrum der Universität Würzburg, die die Funktionsweise der inneren Uhr auf molekularer und neuronaler Ebene bei Insekten erforscht. Welche Gründe es genau dafür gibt, kann bisher nicht eindeutig erklärt werden.

Schlafforscher sind sich aber einig, dass das, was in jedem menschlichen Körper tickt, vor allem von den Genen bestimmt wird. Ich kann also genauso wenig etwas dafür, dass ich ab 22 Uhr regelrechte Gähnanfälle bekomme, wie ein Langschläfer, der vor zehn Uhr am Morgen nicht gesellschaftsfähig ist. Die Sommerzeit jedenfalls kommt meinem Biorhythmus gelegen, so dass ich trotz Frühjahrsmüdigkeit - aber das ist ein anderes Thema - locker auf die Stunde verzichten kann.

Quelle: ntv.de