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Wenn Zahlen Qualen machen Dyskalkulie ist wenig bekannt

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Auch die einfachsten Aufgaben können Betroffene mit Dyskalkulie nicht lösen.

(Foto: imago stock&people)

Kinder mit Lese-Rechtschreibstörung können in vielen Schulen gut erkannt werden. Geht es jedoch um Probleme mit den einfachen Grundrechenarten, kommen nur die wenigsten Lehrer darauf, dass es sich um eine Rechenstörung handeln könnte.

Dyskalkulie

Dyskalkulie wird auch als Zahlenblindheit oder Rechenstörung bezeichnet. Menschen mit dieser Störung haben eine Beeinträchtigung im arithmetischen Denken, also im Umgang mit Zahlen, Mengen und den Grundrechenarten. Die Dyskalkulie kann sich in verschiedenen Schweregraden entwickeln und zeigt sich bereits im Kindesalter.

Die Störungen haben nichts mit der Intelligenz des betroffenen Menschen zu tun. Betroffene können mitunter sogar mathematische Beweise im Bereich der höheren Mathematik durchführen.

Eine Behandlung der Rechenstörung ist mit qualifizierten Lerntherapeuten möglich. In bestimmten Fällen kann die Therapie auf Antrag über das Jugendamt finanziert werden.

Die Rechenstörung ist eine von der Weltgesundheitsorganisation anerkannte Krankheit. Die Zahl der Betroffenen wird auf drei bis sieben Prozent geschätzt. Insgesamt sind das mehr Mädchen und Frauen als Jungen und Männer.

Die Lese-Rechtschreibstörung (Legasthenie) ist mit ihren Symptomen in vielen deutschen Schulen bekannt. Kinder und Jugendliche mit dieser Störung bekommen in einigen Bundesländern sogar besondere Unterstützung in ihren Schulen. Anders dagegen bei Schülern, die sich schwertun mit Zahlen. Sie bleiben oft mit ihren Problemen allein. Dass die Rechenstörung jedoch genau so verbreitet ist wie Legasthenie, können Forscher der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Universität München beweisen. 

"Die Rechenstörung oder Dyskalkulie tritt bei rund fünf Prozent aller Schulkinder auf", sagt Gerd Schulte-Körne, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Universität München in einem Gespräch mit n-tv.de. Für ihre aktuelle Studie untersuchte das Team um Schulte-Körne insgesamt 1633 Schulkinder der dritten und vierten Klassen aus dem Münchner Raum.

Schlechte Zensuren sind sowohl für Eltern als auch für die Schüler ein wahrer Stressfaktor. Die Kinder bekommen Angst vor der Schule und fühlen sich als Versager. Mit normalem Förderunterricht oder klassischer Nachhilfe kann man Kindern mit Dyskalkulie aber nicht helfen. Sie entwickeln deshalb im Laufe ihrer Schulzeit Vermeidungsstrategien, Zukunftsängste und ziehen sich oftmals auch in anderen Bereichen zurück. Spätestens beim Übergang in eine weiterführende Schule kann die schlechte Zensur in Mathe zur unüberbrückbaren Hürde werden. Nicht selten ist dann auch der Abschluss in einer Mittelschule gefährdet. Das beweist, dass eine Rechenstörung die Entwicklung der betroffenen Kinder sowohl auf der schulischen als auch auf der psychischen Ebene massiv beeinträchtigen kann.

Erkennen und helfen

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Schlechte Zensuren sind Stressfaktoren für Schüler und Eltern.

Um dem vorzubeugen, sollten Eltern bereits im Vorschulalter darauf achten, wie sich ihre Kinder zu Zahlen und zum Zählen verhalten. "Betroffene mit Dyskalkulie haben keine Vorstellung von Zahlen und Mengen. Aus diesem Grund machen ihnen schon die vier Grundrechenarten große Schwierigkeiten", erklärt Kristina Moll, Psychologin im Forschungsteam von Schulte-Körne. Ganz genau können Spezialisten die Rechenstörung am Ende der ersten beziehungsweise am Anfang der zweiten Klasse diagnostizieren. "Je früher die Rechenschwäche erkannt wird, umso mehr kann man das Kind unterstützen", betont die Kinder- und Jugendpsychologin, denn mit bestimmten, individuellen Förderprogrammen und besonderen Schulregeln, dem sogenannten Nachteilsausgleich, wäre es möglich, den betroffenen Kindern das Schulleben zu erleichtern. So könnten die Grundlagen für eine normale psychische Entwicklung gelegt und eine normale Schullaufbahn ermöglicht werden.

Doch damit nicht genug. Auch bei der Ausbildung von Lehrern und Erziehern müsse man die Dyskalkulie  als Thema ernst nehmen, fordern die Forscher. Das ist vor allem deshalb wichtig, weil mehr als die Hälfte aller Kinder mit Dyskalkulie auch eine Legasthenie hat. Die Wissenschaftler konnten bei ihrer Untersuchung feststellen, dass bei 57 Prozent der betroffenen Kinder die Rechenstörung gepaart mit einer Lese- oder Rechtschreib- oder einer Lese-Rechtschreibstörung auftritt. Das ist wesentlich häufiger, als man bisher annahm. "Es wäre schön, wenn Erzieher und Lehrer in Zukunft so geschult würden, dass sie die betroffenen Kinder identifizieren und beratend zur Seite stehen können", wünscht sich Moll.

Quelle: n-tv.de

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