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Bundesweit ältester Fund des Homo sapiens Eiszeitmenschen bekommen ein Gesicht

Im Februar 1914 wurde in Bonn-Oberkassel ein spektakulärer Skelett-Fund gemacht: die ältesten Belege des modernen Menschen in Deutschland. Nun wurde das Aussehen der Toten aus dem Doppelgrab rekonstruiert - nach fast 15.000 Jahren.

Die rund 14.000 Jahre alten Skelette eines rheinischen Eiszeitjäger-Paares werden jetzt mit den Methoden der modernen Naturwissenschaften "durchleuchtet". Die 1914 entdeckte Doppelbestattung von Bonn-Oberkassel soll unter anderem Auskunft über Krankheiten, Erbanlagen, Ernährungsgewohnheiten oder Wanderbewegungen gegen Ende der Eiszeit geben, sagten Wissenschaftler des LVR-Landesmuseums Bonn.

Die rund 14.000 Jahre alten Skelette eines rheinischen Eiszeitjäger-Paares: Das "Doppelgrab von Bonn-Oberkassel" wurde im Februar 1914 entdeckt.

(Foto: dpa)

Die Arbeiter in dem Steinbruch bei Bonn wollten gerade Schutt wegschaffen, als sie unvermittelt der Steinzeit begegneten. Bei ihren Arbeiten am 12. Februar 1914 im heutigen Bonner Stadtteil Oberkassel entdeckten die aufmerksamen Männer plötzlich Reste zweier menschlicher Skelette. Der Fund ging später als wissenschaftliche Sensation in die Geschichte ein: Die Steinbrucharbeiter hatten die ältesten Belege des modernen Menschen in Deutschland gefunden. Hundert Jahre nach der Entdeckung des "Doppelgrabs von Oberkassel" wollen Wissenschaftler nun neue Forschungsergebnisse zu dem spektakulären Fund präsentieren.

Es waren die Knochen einer Frau und eines Mannes, die vor einem Jahrhundert im Steinbruch "Am Stingenberg" unweit des Siebengebirges zutage traten. Außerdem fanden die Arbeiter die Skelettreste eines Hundes und drei Grabbeigaben: eine kleine Figur, die offenbar einen Elch darstellt, einen 20 Zentimeter langen Knochenstab mit einem Tierköpfchen und den Penisknochen eines Braunbären. Das Alter der menschlichen Knochen wird derzeit auf 14.700 Jahre geschätzt - sie sind damit der älteste Fund des Homo sapiens hierzulande.

Fleisch und Fisch als Nahrung

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LVR-Direktor Harry Voigtsberger im LVR-LandesMuseum Bonn mit dem Schädel eines männlichen Eiszeitmenschen.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Seit etwa fünf Jahren werden die Überreste aus der Späteiszeit von einem Wissenschaftlerteam mit modernsten Methoden erforscht. "Das Alter der Frau wird auf Anfang 20 geschätzt, der Mann dürfte zwischen 40 und 45 Jahren alt gewesen sein", sagt die stellvertretende Leiterin des Forschungsprojekts Oberkassel, Liane Giemsch. Im Zuge ihrer aktuellen Untersuchungen haben die Forscher unter anderem Neues über die Ernährungsgewohnheiten der beiden Urmenschen herausgefunden: Neben Fleisch haben sie demnach offenbar auch Fisch gegessen.

Durch genetische Untersuchungen fanden die Wissenschaftler zudem erste Antworten auf die Frage, ob die beiden Toten Verwandte waren. "Wir wissen, dass beide nicht so eng miteinander verwandt waren, wie Geschwister es sind", berichtet Giemsch. "Aber wir können derzeit nicht ausschließen, dass es sich um Vater und Tochter gehandelt haben könnte."

Auch die Skelettreste des gemeinsam mit den beiden Menschen bestatteten Hundes verhalfen den Forschern bereits zu neuen Erkenntnissen - immerhin zählen sie zu den fünf ältesten Überresten prähistorischer Hunde, die jemals entdeckt wurden. Durch eine Serie von Erbgutanalysen - darunter die DNA-Sequenz des Hundes von Oberkassel - fand ein internationales Wissenschaftlerteam vergangenes Jahr heraus, dass die Hunde offenbar in Europa zu Begleitern des Menschen wurden. Damit wurde die Hypothese widerlegt, dass der Hund einst in Ostasien domestiziert wurde.

Jubiläumsausstellung zum 100. Jahrestag

Zum hundertjährigen Jubiläum der Entdeckung von Oberkassel will das Landesmuseum in Bonn seinen Besuchern nun eine besondere Attraktion bieten: In einer Jubiläumsausstellung mit dem Schwerpunkt Eiszeitkunst zeigt das Museum des Landschaftsverbandes Rheinland ab September Gesichtsrekonstruktionen der beiden Menschen aus dem Doppelgrab ("Eiszeitjäger - Leben im Paradies? Europa vor 15.000 Jahren", ab 19. September 2014 bis Ende Januar 2015). Die Modelle entstanden durch moderne Hilfsmittel der Gerichtsmedizin - unter anderem wurden die Knochen mit Computertomographen gescannt, um auf diese Weise einen dreidimensionalen Datensatz zu erhalten.

"Die Gesichtsrekonstruktionen sind nahezu fertig", sagt die Forscherin Giemsch. Damit haben die Wissenschaftler - unabhängig von weiteren, noch laufenden Forschungsarbeiten zu dem Grabfund - im Jubiläumsjahr eines ihrer faszinierendsten Ziele schon erreicht: Nach fast 15.000 Jahren Totenschlaf und hundert Jahre nach der Entdeckung ihrer Skelette werden die Toten aus dem Oberkasseler Doppelgrab wieder Gesichter bekommen.

Quelle: ntv.de, Richard Heister, AFP