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Kabellos und strahlend "Elektrosmog oft unnötig"

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"Ein Teil des Datenhungers ist künstlich."

(Foto: picture alliance / dpa)

Seit dem 12. April versteigert die Bundesnetzagentur im Auftrag der Bundesregierung neue Funkfrequenzen. Damit sollen Versorgungslücken auf dem Land geschlossen und die Grundlage für den Ausbau des mobilen Internets gebildet werden. Allerdings wird auch die Frage nach neu entstehenden elektromagnetischen Feldern laut. Über die möglichen Konsequenzen sprach n-tv.de mit Hans Ulrich-Raithel vom Umweltinstitut München.

n-tv.de: Was bedeutet es für den Menschen, wenn dieser Tage neue Funkfrequenzen versteigert werden? Heißt es, dass wir insgesamt mehr elektromagnetischer Strahlung ausgesetzt sind?

Hans Ulrich-Raithel: Das kann man so nicht sagen. Die Versteigerung der neuen Funkfrequenzen hat Vor- und Nachteile. Das Gute daran ist, dass man mit 800-Megahertz im ländlichen Bereich weite Strecken überbrücken kann. Dadurch werden insgesamt weniger Stationen benötigt. Bisher reichten die UMTS-Stationen nur etwa einen Kilometer weit, mit 800 MHz erhöht sich die Reichweite auf zwei bis drei Kilometer. So können auch dünn besiedelte Regionen mit Breitbandangeboten ausgestattet werden.

Und die Nachteile?

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UMTS-Stationen reichen bisher nur etwa einen Kilometer weit.

(Foto: picture-alliance / dpa)

Neue Mobilfunkstationen werden vor allem auf dem Lande die Strahlenbelastung der benachbarten Anwohner erhöhen. In Ballungsgebieten wird sich zunächst wenig verändern. Dort wird der Elektrosmog zunehmen, wenn mobile Kommunikation stärker nachgefragt wird. Wenn die Nutzer mehr Daten abfragen, mehr im Internet surfen, stehen den Betreibern mit den neuen Frequenzen mehr Ressourcen zur Verfügung, um diesen Datenhunger zu stillen.

Existiert dieser Datenhunger tatsächlich oder ist er künstlich hervorgerufen?

Ein Teil des Datenhungers ist künstlich hervorgerufen, denn hier geht es darum, dass vieles in den mobilen Bereich verlagert werden soll, was bisher über das Festnetz funktioniert. Der Internetzugang über das Festnetz ist wesentlich schneller als über die Luft und wird aus physikalischen Gründen auch immer viel schneller sein. Zudem wird der Festnetzzugang auch immer wesentlich mehr Kapazität haben - schließlich gibt es die Luft nur einmal, in Kabel wird die Kapazität über separate Adern oder Lichtwellenleiter vervielfacht. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass der Elektrosmog bei den kabelgebundenen Zugängen praktisch null ist.

Wahrscheinlich ist, dass wir in Zukunft E-Mails und das aktuelle Kinoprogramm fast ausschließlich mit Hilfe des Handys abfragen werden. Sind wir dann auch extremer Strahlung ausgesetzt?

Sowohl die technischen Gegebenheiten als auch die Preise für mobiles Internet werden immer gefälliger. Mit Sicherheit wird dadurch das mobile Internet immer besser angenommen werden. Der Datenverkehr wird entsprechend zunehmen. In diesem Prozess sind einerseits gesetzliche Regelungen gefragt und andererseits ein bewusster Umgang mit mobilen Zugängen. Ein Handytelefonat dauert in der Regel nicht besonders lange. Die Risiken beim mobilen Surfen entstehen dadurch, dass der Nutzer ganz schnell länger als eine Stunde im Netz ist. Durch die Dauer und die Tatsache, dass die meisten sich beim mobilen Surfen im Innenraum befinden, wird auch die Strahlenbelastung relevant, obwohl das Gerät weiter vom Körper entfernt ist als beim Telefonat.

Was für gesetzliche Regelungen vermissen Sie?

Ein Beispiel: Die Kommunen sollten besser mitreden können, wo Standorte entstehen dürfen und wo nicht. Bisher haben die Kommunen relativ wenig Mitspracherecht, das heißt, die Betreiber können in weiten Bereichen festlegen, an welcher Stelle ihre Basisstation aufgestellt wird. Das sehen wir als Umweltinstitut kritisch. Kommunen können selbst entscheiden, wo ein Gewerbegebiet entsteht, ob eine Umgehungsstraße und wo ein Sportplatz gebaut wird. Die Infrastruktur im Funkbereich dagegen kann nur mit extrem hohem Aufwand beeinflusst werden und auch nur in geringem Umfang. An dieser Stelle muss der Gesetzgeber dringend nachbessern. Die gegenwärtige Versteigerung könnte beispielsweise dazu genutzt werden, die Anbieter mit Auflagen für die kommunale Mitbestimmung zu belegen. Da die Betreiber wirtschaftlich denken, wird eine möglichst gute Übertragungsqualität mit möglichst wenig Geldeinsatz erreicht. Billigere Stationen bestrahlen die Nachbarn dadurch oft unnötig stark. Die auch von der Strahlenschutzkommission empfohlene Minimierung der Strahlenbelastung ist bei den Netzbetreibern bisher kein Kriterium bei der Standortwahl. Dies könnte zum Beispiel über eine sendeleistungsabhängige Mobilfunksteuer geändert werden. So werden billige, stark strahlende Antennen zum Kostenfaktor.

Wo genau gibt es denn normalerweise den größten Elektrosmog - innerhalb des Hauses oder in der Nähe einer Sendestation?

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Wer Elektrosmog in den eigenen vier Wänden reduzieren will, greift zum Telefon mit Kabel.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die dominierende Hochfrequenzquelle ist oft innerhalb des Hauses zu finden. Schnurlostelefone oder WLAN-Geräte erzeugen die größte Strahlenbelastung innerhalb der Zimmer, in denen sich die Geräte befinden. Auf beides kann jeder leicht verzichten, der sich vor Elektrosmog schützen möchte. Kabelnetzwerke oder Powerlineadapter sind nicht nur so gut wie strahlungslos, sondern oftmals auch komfortabel, was die Geschwindigkeit angeht. Wer auf ein Schnurlostelefon nicht verzichten will, sollte ein neueres Modell mit Sparmodus haben. Diese senden nur während des Telefonierens und nicht 24 Stunden am Tag. In Haushalten, in denen diese Maßnahmen bereits getroffen worden sind, kann es sein, dass Anlagen von draußen oder das WLAN vom Nachbarn die dominierende Feldquelle darstellen und so für unnötigen Elektrosmog sorgen. Weitere Infos dazu gibt es übrigens auf unserer Homepage.

Die Wirkungen von Elektrosmog lassen sich noch immer nicht eindeutig wissenschaftlich beweisen. Unter dem Stichwort Elektrosensibilität kann man viele widersprüchliche Studien finden. Gibt es gesundheitliche Auswirkungen durch Elektrosmog?

Zuerst einmal muss gesagt werden, dass im Hochfrequenzbereich leider wenig geforscht wird. Was wir sicher wissen, ist, dass es deutlich unterhalb der Grenzwerte Auswirkungen am Menschen gibt. Bei den Auswirkungen ist immer noch hoch umstritten, ob diese auch krankmachende Elemente enthalten oder ob es nur messbare Veränderungen am und im menschlichen Körper sind. Inwieweit elektronsensible Menschen tatsächlich auf Elektrosmog reagieren, wurde bisher nicht ausreichend erforscht. Ich empfehle als Vorsorge, sich und seine Kinder so wenig wie möglich Elektrosmog auszusetzen.

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Hans Ulrich-Raithel, Experte für Elektrosmog am Umweltinstitut München.

In Deutschland ist der internationale Grenzwert gültig. Andere Länder wie die Schweiz haben zusätzlich so genannte Vorsorgewerte erlassen, die entsprechend niedriger sind. Diese Länder prüfen zunächst die Auswirkungen und passen mit diesen Ergebnissen ihre Grenzwerte an. Dieser Weg ist wesentlich sinnvoller, denn wir haben in Deutschland technisch gesehen viele Reserven, um die Strahlenbelastungen zu senken. So gibt es bei uns beispielsweise acht Funknetze mit achtmal Elektrosmog, denn jedes Funknetz besitzt 24 Stunden lang eine so genannte Grundlast, die entsteht, damit das Netz präsent ist, auch wenn keinerlei Daten versendet werden. Eine gegenseitige Nutzung von Netzen (Roaming), wie wir es vom Ausland her kennen, würde vor allem im ländlichen Bereich zu großen Entlastungen beim Elektrosmog führen. Statt es in acht parallel laufende Funknetze zu stecken, ist das Geld besser in einen Ausbau der Kabelnetze am Lande investiert.

Eine letzte Frage: Besitzen Sie ein Handy?

Ja. Ich nutze es für SMS und telefoniere damit 10 bis 20 Minuten im Monat. In geschlossenen Räumen bevorzuge ich das Festnetz, auch wegen der viel besseren Sprachqualität, bei der ich mich auf das Wesentliche konzentrieren kann.

Quelle: n-tv.de, Mit Hans Ulrich-Raithel sprach Jana Zeh