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Ursachen der Magersucht Hirnareale schlecht verbunden

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Der israelische Modefotograf Adi Barkan kämpf mit solchen Plakaten gegen Magersucht bei jungen Frauen. In seiner Modelagentur werden untergewichtige Models nicht aufgenommen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Magersüchtige sind extrem untergewichtig und verweigern dennoch die Nahrungsaufnahme. Sie haben Angst, dicker zu werden. Über die Ursachen der gestörten Körperwahrnehmung konnten Experten bisher nur spekulieren. Nun entdecken Forscher eine auffällige Gemeinsamkeit in den Gehirnen Magersüchtiger.

Egal wie dünn oder wie leicht sie in Wirklichkeit sind - Magersüchtige empfinden sich immer als dicker als sie tatsächlich sind. Diese gestörte Körperwahrnehmung ist auf einen "Verbindungsfehler" im Gehirn zurückzuführen, stellten Forscher der Ruhr-Universität Bochum mit Hilfe von Kernspin-Aufnahmen fest.

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Körperbilder landen als visuelle Informationen zunächst im mittleren Okzipitallappen (mOC). Die „fusiform body area“ (FBA) und die „extrastriate body area“ (EBA) verarbeiten die Bilder anschließend weiter. Bei magersüchtigen Frauen ist die Verbindung vom Areal mOC zur FBA unbeeinträchtigt (schwarzer Pfeil). FBA und EBA arbeiten in der linken Hirnhälfte jedoch nicht normal zusammen (roter Pfeil).

(Foto: Boris Suchan)

Innerhalb der Studie wurde zunächst die Körperselbstwahrnehmung der Probandinnen, zehn magersüchtigen und fünfzehn gesunden junge Frauen ähnlichen Alters, getestet. Dafür sollten die Frauen am Computer aus Bildern mit verschiedenen Körpersilhouetten das Bild auswählen, das ihnen selbst am nächsten kommt. Zehn weitere Kontrollpersonen bekamen die Ganzkörperbilder der Probandinnen und sollten diese ebenfalls den Silhouetten zuordnen. Das Ergebnis: Sowohl Gesunde als auch Magersüchtige schätzten ihre Körperform anders ein als die Außenstehenden. Gesunde Frauen nahmen sich selbst dünner wahr als die Kontrollpersonen. Magersüchtige hingegen empfanden sich stets als dicker als Außenstehende.

Tief ins Gehirn geschaut

Um diesem Phänomen auf den Grund zu gehen, wurden nun die Gehirnaktivitäten der Probandinnen untersucht, während diese Fotos von verschiedenen Körpern betrachteten. Dabei wurden vor allem zwei Bereiche im Gehirn in den Fokus genommen. Die "fusiform body area", kurz FBA, und die "extrastriate body area", kurz EBA, sind die beiden Bereiche im Gehirn, die für die Wahrnehmung und frühe Verarbeitung von Körperbildern wichtig sind. Dabei konnte eindeutig festgestellt werden, dass das Netzwerk aus FBA und EBA bei den magersüchtigen Probandinnen anders aufgebaut ist als bei den gesunden Frauen.

Die Forscher konnten sogar berechnen, dass die Stärke der Verbindung von FBA zur EBA mit der Körper-Fehleinschätzung der Magersüchtigen parallel geht. Das bedeutet: Je schwächer die Verbindung zwischen FBA und EBA war, umso dicker empfanden sich die magersüchtigen Frauen selbst.

Weniger graue Substanz und eine andere Verbindung

In früheren Untersuchungen konnte bereits festgestellt werden, dass Magersüchtige eine deutlich reduzierte Dichte an grauen Zellen in für die Körperwahrnehmung wichtigen Gehirnbereichen aufweisen. Zu diesen strukturellen Veränderungen kommen nun noch die funktionellen. "Die aktuellen Daten zeigen, dass das Netzwerk auch funktionell verändert ist", betont Professor Boris Suchan vom Institut für Kognitive Neurowissenschaft der Ruhr-Universität im Gespräch mit n-tv.de. Der eingeschränkte Input aus der FBA könnte der Mechanismus für die Probleme mit dem Körperbild sein, die einen entscheidenden Faktor für die Magersucht darstellt, vermuten die Forscher.

Aufgrund dieser Erkenntnisse könnten nun Therapieansätze neu gedacht werden. "Die Körperbildtherapie, die Frau Professor Vocks von der Universität Osnabrück mitentwickelt hat, könnte dazu führen, dass die Aktivierung in dem für die Körperwahrnehmung wichtigen Gehirnareal wieder zunimmt und sich so ein realistischeres Körperbild bei Magersüchtigen entsteht", erklärt Suchan weiter. Das allerdings müsse in einer nächsten Untersuchung herausgefunden werden.

Quelle: ntv.de, jze