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"Jemand hat das Sonnensystem geschrumpft" KOI-351: Leben nicht ausgeschlossen

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Geschrumpft: Das ganze KOI-351-System hat trotz seiner sieben Planeten innerhalb der Erdbahn Platz.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Meldung von vergangener Woche war eine Sensation: Das Team um den Astrophysiker Juan Cabrera vom DLR-Institut für Planetenforschung in Berlin-Adlershof hat ein Planetensystem entdeckt, das erstaunliche Übereinstimmungen mit unserer kosmischen Heimat aufweist. Sieben Planeten kreisen um einen Stern - die kleinen innen, die großen außen. Bei den leichten handelt es sich um Gesteinsplaneten in ähnlicher Größe wie die Erde, die schweren sind Gasriesen wie Saturn und Jupiter. Einer der Planeten, der äußerste, ist gerade so weit von seinem Stern entfernt wie die Erde von der Sonne. Ist unser Sonnensystem also gar nicht einzigartig? Gibt es auch im System KOI-351 Planeten in der bewohnbaren Zone? Könnte es dort womöglich sogar Leben geben? n-tv.de spricht mit Prof. Dr. Heike Rauer. Sie leitet die Abteilung Extrasolare Planeten und Atmosphären, die das Planetensystem entdeckt hat.

n-tv.de: Frau Rauer, ist die Entdeckung eines Planetensystems mit sieben Planeten, ähnlich wie unseres, ein Sechser im Lotto? Oder ist unser Sonnensystem einfach gar nicht so besonders, wie es immer heißt?

Heike Rauer: Man hatte bisher kein Planetensystem gefunden, das so aufgebaut ist wie das Sonnensystem. 170 Planetensysteme wurden bereits entdeckt, Systeme also, in denen mehr als ein Planet um einen Stern kreist. Aber bislang waren wenige dabei mit vielen Planeten. Es gab bisher sehr wenige mit bis zu sechs Planeten, es gibt Spekulationen über noch mehr Planeten. Aber erst jetzt ist gesichert, dass es ein Planetensystem mit sieben Planeten gibt. Doch das ist noch gar nicht der Sechser im Lotto. Es ist nicht die Planetenanzahl, die das System KOI-351 so besonders macht, sondern sein Aufbau. In diesem Planetensystem sind innen zwei kleine Planeten, und außen befinden sich zwei Gasriesen. Erstaunlich ist, dass es so bei keinem der anderen Planetensysteme war, die wir bislang gefunden haben.

Wie sahen die bisher gefundenen Systeme denn aus?

Wenn man viele Planeten gefunden hat, dann waren die alle klein. Also entweder nur große Gesteinsplaneten oder große Gesteinsplaneten gemischt mit etwas wie Uranus und Neptun. Es war kein Gasriese dabei. Dadurch wurde unser Sonnensystem immer ungewöhnlicher. Für die Kollegen, die sich mit der Entstehung von Planetensystemen beschäftigen und zu verstehen versuchen, wie Planetensysteme entstehen, war das Sonnensystem bisher immer eine Ausnahme. Nun aber haben wir tatsächlich noch eines!

Könnte das ein Hinweis darauf sein, dass es noch viel mehr Systeme gibt, die unserem Sonnensystem ähneln?

Das ist jetzt die Frage. Wir müssen die Methoden noch weiter verbessern, um zu schauen, ob wir nur deswegen nicht viele andere gefunden haben, weil wir es technisch noch nicht können, oder ob diese Art Planetensystem tatsächlich selten ist.

Wie weit ist man denn, ganz grundsätzlich, in der Erforschung extrasolarer Planeten?

Das ganze Forschungsgebiet hat sich erst seit Mitte der 90er Jahre entwickelt. Vorher waren die Messmethoden nicht gut genug. Noch sind wir in der Phase, wo wir hinausgehen und einfach entdecken. Wir müssen möglichst viele Systeme finden. Wir merken, dass die Vielfalt der Planeten und ihrer Systeme viel größer ist, als wir es im Sonnensystem vorfinden. Bei uns sind die Planeten so schön sortiert: Alles, was klein ist, ist auch mit einer geringen Masse versehen und mit einer festen Oberfläche. Alles, was groß ist, ist ein Gasplanet. Wir merken nun in der Forschung: Das ist nicht immer so. Es gibt auch ganz kleine Gasplaneten und große Gesteinsplaneten. Wir merken auch, dass Planetensysteme anders aufgebaut sein können. Dieser Aufbau innen klein, außen groß ist nicht überall gegeben. Wir haben jetzt das erste Beispiel gefunden, bei dem es tatsächlich genauso ist.
Wir sind ein bisschen wie Menschen, die auf einer Insel gewohnt haben und nun zum ersten Mal die große Welt erkunden und sehen, was es dort draußen alles gibt. Das stellt natürlich viele Theorien und lang gehegte Vorstellungen infrage. Wenn man nur ein Beispiel kennt, hat man ein Verständnis entwickelt für dieses eine Beispiel. Merkt man nun, die Vielfalt ist viel größer, muss man über viele Dinge nochmal neu nachdenken.

Bei aller Ähnlichkeit: Welches sind die größten Unterschiede zwischen dem System KOI-351 und unserem Sonnensystem?

Ein wenig plakativ kann man sagen: Jemand hat das Sonnensystem geschrumpft! (lacht) Genauso ist es! Nein, im Ernst: Das jetzt entdeckte Planetensystem ist viel kleiner als unser Sonnensystem. Bei uns ist Jupiter, ein Gasriese, fünfmal so weit von der Sonne entfernt wie die Erde. In dem anderen System aber ist der äußere Gasriese auf dem gleichen Orbit wie die Erde. Das System ist also wesentlich dichter zusammengedrängt – und von daher quasi geschrumpft.

Auf den meisten der sieben KOI-351-Planeten dürfte es recht heiß sein, wenn sie so nah um ihren Stern kreisen. Gibt es in dem System Planeten, die in der bewohnbaren Zone liegen?

Der Stern selbst ist ein sonnenähnlicher Stern. Er gibt in etwa so viel Energie ab wie die Sonne. Daher müsste sich der äußere Planet, der im selben Abstand um den Stern kreist wie die Erde um die Sonne, in der bewohnbaren Zone befinden. Nun ist dieser Planet aber, wie schon gesagt, ein Gasriese. Und von Gasriesen können wir uns nicht vorstellen, dass sich dort Leben entwickelt. Wir glauben, Leben braucht Wasser auf einer Oberfläche. Der Planet selbst fällt also weg. Aber wir können natürlich spekulieren: Wenn der Planet einen Mond hätte und der Mond hätte eine Atmosphäre … So etwas ist nicht völlig abwegig. In unserem Sonnensystem haben wir einen Mond mit einer Atmosphäre, nämlich den Titan, der den Saturn umkreist. Der ist nur viel zu weit weg, um bewohnbar zu sein. Aber durch ihn wissen wir, dass es so etwas geben kann. Wenn also solch ein Gasriese, der auf einem Erdorbit ist, einen Mond hätte mit einer geeigneten Atmosphäre, dann könnte der Mond natürlich bewohnbar sein.

Dann steht es jetzt also an, gezielt nach einem Mond zu suchen?

Ja, zurzeit suchen viele Menschen nach Monden um Gasriesen in bewohnbaren Zonen. Leider ist der Nachweis eines Mondes nochmal viel schwerer als der des Planeten selbst. Bislang ist das noch niemandem gelungen. Wir sind da an der Messgrenze. Es mag sein, dass jemand in der nächsten Zeit Glück hat und einen Fall findet, doch es ist an der Grenze des technisch Nachweisbaren. Die Daten von Kepler sind in dieser Hinsicht nicht empfindlich genug. Das heißt, wir müssen auf die nächste Satellitenmission warten. Die startet vielleicht in etwa zehn Jahren. Auch Juan Cabrera hatte eigentlich vor, Monde um den Gasriesen im System KOI-351 zu suchen. Und dann hat er Planeten gefunden!

Mit Prof. Dr. Heike Rauer sprach Andrea Schorsch

Quelle: n-tv.de

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