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Mission für Leichtgewichte Klimaforschung mit Zeppelin

Meteorologie-Professor Andreas Wahner setzt in Friedrichshafen am Bodensee seinen leichtesten Doktoranden in einen Zeppelin. Außer ihm und dem Piloten ist sonst jedes Gramm Nutzlast und jeder Zentimeter der Zehn-Meter-Gondel für Messgeräte reserviert. Die Experten des Forschungszentrums Jülich wollen so genauer als irgendwer zuvor die untere Atmosphäre erkunden.

In dieser Schicht werden Luftschadstoffe freigesetzt, umgewandelt und verbreitet, wie Wahner erklärt. Die Ergebnisse könnten deshalb die Debatten um Klimawandel, Luftverschmutzung und Feinstaub beeinflussen. Eineinhalb Jahre hat Wahner die Zeppelin-Expedition vorbereitet. Zehn Tage soll das Luftschiff nun unter anderem über dem Schwarzwald und Bodensee für die Wissenschaft unterwegs sein, bis zu sechs Stunden am Stück und bis in 1400 Meter Höhe.

Dabei ist es Teil einer großen Messkampagne: Bei dem Projekt TRACKS (Transporte und Chemische Umsetzungen in Konvektiven Systemen) arbeiten Institute der Helmholtz-Gemeinschaft zusammen. Über insgesamt acht Jahre wollen sie erkunden, welche chemischen Reaktionen es in der Luft gibt. Bei COPS (Convective and Orographically-induced Precipitation Study) studieren Experten seit Juni Wolken und Regen im Schwarzwald. Außer dem Zeppelin werden bis zu zehn Flugzeuge zugleich in der Luft sein. "Wir messen, was passiert unten, sie schauen, was oben ankommt", erklärt Wahner die Zusammenarbeit seiner Kollegen am Boden und in der Luft.

"Waschmaschine" für die Luft

Nach einigen Tagen startet der Zeppelin auch vom Baden-Airpark im Kreis Rastatt. Die Forscher wollen im Rheintal die Abluftfahne aus dem Ballungsraum Mannheim/Ludwigshafen untersuchen. "Wir messen die Selbstreinigungskraft der unteren Atmosphäre", sagt Wahner. Sie sei die "Waschmaschine" der Luft, gebe aber noch Rätsel auf. Von der Mission erhoffen die Forscher neue Informationen darüber, wie Abgase abgebaut werden und wie sich Feinstaub verteilt. Es geht um Substanzen, die das Klima verändern, und um winzige Teilchen, die Wolken und Regen beeinflussen, so genannte Aerosole. 200 Werte erfassen die eigens gebauten neun Messgeräte.

Eine Million Euro kostet die Mission. 16 Forscher haben mitgearbeitet, darunter Partner wie die Universitäten Heidelberg und Wuppertal und das Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz. Wissenschaftler in aller Welt warten auf die Ergebnisse.

Auch für die Zeppelin Luftschifftechnik GmbH in Friedrichshafen ist es ein wichtiger Auftrag. "So ein Experiment zeigt, was der Zeppelin alles kann", sagt Geschäftsführer Thomas Brandt. Das am Bodensee stationierte Luftschiff unterbricht für die Forscher seine Touristenrundflüge. Der 75 Meter lange Zeppelin NT (Neuer Technologie) ist mit unbrennbarem Helium gefüllt. Den Forscher nützt, dass er langsam schweben, stoppen und senkrecht aufsteigen kann.

"Der Zeppelin eröffnet bislang unbekannte Möglichkeiten", sagt Wahner. Der Forscher strebt weitere Missionen an, in den Abgasen großer Metropolen oder am Mittelmeer. Zuvor muss sich die Technik aber bewähren. Und der Doktorand im Zeppelin sollte nicht nur leicht sein, sondern auch eine besondere Kondition besitzen: Selbst die Bordtoilette bauen die Forscher aus, um Platz für Messgeräte zu schaffen.

Von Frank van Bebber, dpa

Quelle: ntv.de