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Molekulare Betrachtung von Tumoren Krebs lässt sich neu zuordnen

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Die mikroskopische Aufnahme zeigt Tumorgewebe, das im Pathologischen Institut des Klinikums Dortmund untersucht wurde.

(Foto: picture alliance / dpa)

Brust-, Darm- oder Lungenkrebs: Bisher werden bösartige Tumore nach dem Ursprungsgewebe, in dem sie sich bilden, eingeordnet. Nach dieser Klassifizierung richtet sich dann auch die Therapie für die Patienten. Doch das soll nun anders werden.

Eine Neuklassifizierung von Tumoren könnte künftig die Behandlung vieler Krebspatienten verbessern. Jeder zehnte Betroffene könnte eine angemessenere Therapie erhalten, wenn die Diagnose sich weniger nach dem befallenen Organ oder Gewebe richten würde als vielmehr nach den molekularen und genetischen Eigenschaften des jeweiligen Tumors. Das schließt ein internationales Forscherteam im Fachblatt "Cell" aus der umfassenden Analyse Tausender Proben von zwölf verschiedenen Krebsarten.

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Auch Krebszellen werden bisher nach ihrem Ursprung klassifiziert. Im Bild: Darmkrebszellen mit injizierten, genetisch veränderten E.coli-Bakterien.

(Foto: picture alliance / dpa)

"Krebs wird typischerweise anhand pathologischer Kriterien klassifiziert, die sich vor allem nach dem Ursprungsgewebe richten", schreiben die Forscher um Christopher Benz vom Buck Institute for Research on Aging in Novato (US-Staat Kalifornien). "Inzwischen liefern großangelegte Genomprojekte jedoch detaillierte molekulare Charakterisierungen Tausender Tumore und ermöglichen damit eine molekular basierte Einordnung von Krebs."

Subtypen ausfindig gemacht

Im Rahmen des 2006 gestarteten Projektes The Cancer Genome Atlas (TCGA) analysierten die Wissenschaftler aus den USA, Kanada und Spanien nun Erbgut und Proteine in mehr als 3500 Proben von zwölf Krebsarten, darunter Tumoren von Lunge, Brust, Niere oder Gehirn. Teilweise waren die gefundenen Eigenschaften typisch für das befallene Organgewebe, doch manche Varianten, die sich durch eine veränderte Aktivität bestimmter Gene auszeichneten, passten gleich zu mehreren Krebstypen.

So identifizierten die Forscher bei Blasenkrebs mindestens drei Subtypen. Einer davon war quasi deckungsgleich mit Adenokarzinomen der Lunge, ein anderer ähnelte stark Plattenepitheltumoren des Kopf-Hals-Bereichs. Die könne erklären, warum Blasenkrebs-Patienten "oft sehr unterschiedlich auf dieselbe systemische Therapie für ihren anscheinend identischen Krebstyp reagieren", wird Benz in einer Pressemitteilung der University of California in San Francisco zitiert.

Neue Einordnung, neue Therapien

Auch bei bestimmten Brustkrebs-Arten fanden die Forscher Parallelen zu anderen häufigen Tumorvarianten. "Obwohl diese basalzellartigen Karzinome in der Brust entstehen, haben sie auf molekularer Ebene mehr mit Eierstocktumoren und Plattenepitheltumoren gemeinsam als mit anderen Brustkrebs-Subtypen", sagt Koautorin Christina Yau von der University of California in San Fransisco.

"Auf Grundlage dieser Studie würde einer von zehn Krebspatienten anhand dieser neuen Molekulargruppierung anders eingeordnet als mit dem gegenwärtigen System, das sich nach dem Ursprungsgewebe richtet", schreiben die Forscher. "Falls man therapeutische Entscheidungen danach ausrichtet, würde diese Neuklassifizierung eine bedeutende Zahl von Patienten betreffen, die für nicht-konventionelle Therapien infrage kämen."

"Das ist das erste Mal überhaupt, dass man wichtige molekulare Eigenschaften findet, die Basalzell-artigem Brustkrebs, Plattenepitheltumoren von Kopf und Hals und Lungenkrebs gemeinsam haben", sagt Benz’ Kollegin Denise Wolf.

Demnächst wollen die Forscher im Rahmen des Projektes mehr als 20 Tumorarten untersuchen. "Wir erfassen gerade die Spitze des Eisbergs, wenn wir das Potenzial dieser Art von Genom-Analysen betrachten", betont Benz. "Möglicherweise müssen 30 bis 50 Prozent der Tumore neu eingeordnet werden. Dies wird letztlich die biologische Grundlage für jene Ära der personalisierten Medizin liefern, die Patienten und Mediziner so sehnsüchtig erwarten."

Quelle: n-tv.de, jze/dpa

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