Wissen

Ernährungsberatung wichtig "Laktose ist oft versteckt"

laktose.jpg

Hier ist Milchzucker enthalten. Doch es gibt Produkte, bei denen das weniger offensichtlich ist.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Patienten, die keinen Milchzucker vertragen, haben oft einen langen Leidensweg hinter sich, bis sie die Diagnose Laktoseintoleranz bekommen. Diese Nahrungsmittelunverträglichkeit ist zwar nicht bedrohlich, kann aber zu einer erheblichen Minderung der Lebensqualität führen. Was man dagegen tun kann und warum die Laktoseintoleranz manchmal auch wieder verschwindet, erklärt Professor Mathias Strowski von der Charité in Berlin.

n-tv.de: Herr Strowski, wann genau spricht man von Laktoseintoleranz?

Mathias Strowski: Die Patienten kommen meistens zu uns, wenn sie den Verdacht haben, dass sie milchzuckerhaltige Produkte nicht vertragen. Es gibt jedoch eine Vielzahl von Patienten, die unspezifische Beschwerden haben im zeitlichen Zusammenhang mit der Nahrungsaufnahme. Die Intoleranz für Laktose wird mit Hilfe von Atemtests bestätigt oder entkräftet. Insgesamt werden bis zu vier unterschiedliche Atemtests mit verschiedenen Zuckern durchgeführt, um die genaue Ursache für die Beschwerden zu klären. Es gibt jedoch eine hohe Dunkelzahl von Patienten mit einer Laktoseintoleranz, mit mehr oder weniger stark ausgeprägten Beschwerden.

Können Menschen mit Laktoseintoleranz nur Kuhmilch und Produkte aus Kuhmilch nicht vertragen oder gehören auch Schaf- und Ziegenmilch(-produkte) dazu?

Es führt sogar noch weiter. Alle Nahrungsmittel, die Laktose enthalten, können bei den Patienten zu Beschwerden führen, also auch alle Milchsorten. Oftmals wird Laktose sogar als Geschmacksverstärker oder in Medikamenten eingesetzt. Nur in pflanzlicher Soja-Milch ist keine Laktose enthalten. Eine weitere Alternative wäre laktosefreie Milch, die man z. B. in Reformhäusern bekommen kann. Betroffene müssen also bei der Auswahl ihrer Nahrungsmittel sehr aufpassen. Andererseits ist nicht in jedem Käse Laktose enthalten und manche Menschen mit Laktoseintoleranz können zwar keine Milch, dafür aber Joghurt vertragen. Das ist individuell sehr unterschiedlich. Auch Ziegen- und Schafsmilch enthalten Laktose. Eine Umstellung auf Ziegen- oder Schafmilch ist lediglich bei einer Kuhmilchallergie sinnvoll.

Gibt es ein bestimmtes Alter, in dem Laktoseintoleranz vor allem beobachtet wird?

Abgesehen von Säuglingen mit einem angeborenen Laktasemangel lassen sich zwei Altersgruppen beobachten, bei denen vermehrt Laktoseintoleranz diagnostiziert wird: einmal im Teenageralter (12. bis 20. Lebensjahr) und ein weiteres Mal in der Spanne von 30 bis 40 Jahren. Die Erkrankung kann jedoch in jedem Alter auftreten, auch im höheren. Es ist bekannt, dass die Aktivität von Laktase mit zunehmendem Alter abnimmt. In unserer Ambulanz kommen hauptsächlich Frauen mit ihren Beschwerden, um die Diagnose einer Laktoseintoleranz zu sichern. Das Geschlechterverhältnis beträgt in etwa 2:1.

Haben Frauen häufiger als Männer eine Laktoseintoleranz?

Kuh2.jpg

Laktose ist nicht nur in Kuhmilch enthalten. Wer nur Kuhmilch nicht verträgt, hat möglicherweise eine Kuhmilch-Allergie, aber keine Laktoseintoleranz.

(Foto: picture alliance / dpa)

Wahrscheinlich nicht. Es ist wohl viel eher so, dass die Männer die Symptome nicht so richtig wahrnehmen oder aber auch viel weniger Laktose mit der Nahrung zu sich nehmen. Frauen haben ein besseres Körperbewusstsein und essen im Allgemeinen gesünder als Männer. Frauen gehen zudem bei Beschwerden eher zum Arzt und haben öfter die Gelegenheit (z. B. im Rahmen einer gynäkologischen Untersuchung), ihrem Arzt die Beschwerden mitzuteilen.

Welche Symptome sind denn spezifisch für die Laktoseintoleranz?

Es gibt leider keine spezifischen Symptome einer Laktoseintoleranz. Am meisten gibt es Blähungen, Übelkeit, Völlegefühl, Unwohlsein, Bauchkrämpfe und Durchfälle. Es können jedoch auch seltene Symptome auftreten, z. B. Erbrechen, eine belegte Zunge, Sodbrennen, Schwindel, Kopfschmerzen, Konzentrationsstörungen oder sogar Knochenbrüche wegen Vitamin-D- und Kalziummangel. Das ist wahrscheinlich auch der Grund dafür, dass viele Patienten bereits einen langen Weg durch verschiedene medizinische Fachrichtungen hinter sich haben, bevor sie die Diagnose Laktoseintoleranz bekommen. Es ist besonders wichtig, dass beim Auftreten von seltenen Symptomen so genannte organische Erkrankungen unbedingt ausgeschlossen werden müssen, bevor die Diagnose Laktoseintoleranz gestellt wird.

Die Patienten selbst kommen nicht darauf, dass die Milchprodukte für ihre Beschwerden verantwortlich sein könnten?

Meistens nicht, denn viele Patienten mit Laktoseintoleranz verzichten unbewusst auf den Verzehr von Milch und Milchprodukten, haben aber trotzdem Beschwerden, weil in zahlreichen Nahrungsmitteln Laktose versteckt ist. Wir nehmen heutzutage Nahrung zu uns, die unterschiedlich zusammengesetzt ist. Daher ist es schwierig, die Beschwerden einer spezifischen Nahrung oder Nahrungsbestandteil zu zuordnen. Zudem gibt es Patienten, die keine Milch, dafür aber andere Milchprodukte vertragen. Auch die Menge des aufgenommenen Milchzuckers ist entscheidend. Ein weiterer Grund ist, dass Laktoseintoleranz keine lebensbedrohliche Erkrankung ist, so dass die Beschwerden oftmals einfach über längere Zeit, nicht selten Jahrzehnte, toleriert werden.

Was passiert denn im Körper von Patienten mit Laktoseintoleranz, wenn Sie Milchzucker zu sich nehmen?

Bei Menschen mit Laktoseintoleranz fehlt ein Enzym oder es steht nicht in ausreichender Menge zur Verfügung. Das Enzym heißt Laktase und ist für das Aufspalten des Milchzuckers im Dünndarm zuständig. Nur als Einfachzucker, nämlich als Glukose und Galaktose, kann der Körper den Milchzucker als Energielieferant aufnehmen. Bei Menschen ohne Laktase wird der Milchzucker nicht im Dünndarm aufgespalten, sondern gelangt unverdaut in den Dickdarm. Hier sorgen Bakterien dafür, diesen Milchzucker zu vergären und zu bestimmten Gasen abzubauen. Diese Gase führen zu Blähungen und Völlegefühlen im Bauch. Darüber hinaus kommt es zum Durchfall, weil der unverdaute Milchzucker die Fähigkeit besitzt, Flüssigkeiten zu binden (sogenannte osmotische Wirkung). Im Dünndarm kommt es durch den nicht aufgenommenen Milchzucker zu Entzündungen, die viele Jahre existieren können. Nur durch eine langfristige laktosefreie Diät können solche Entzündungen ausheilen. Darüber hinaus kann es sogar zu Knochenbrüchen oder Knochenschwund aufgrund eines Vitamin D- und Kalziummangels kommen.

Wenn man erst einmal unter einer Milchzuckerunverträglichkeit leidet, behält man diese dann ein Leben lang?

mapic_strowski_mz.jpg

Professor Mathias Strowski ist Leiter der Gastroenterologischen Funktionsdiagnostik der Charité in Berlin.

(Foto: Charité Berlin)

Nicht unbedingt, denn eine Laktoseintoleranz kann auch als Begleiterscheinung von anderen Erkrankungen auftreten. Diese Form wird als sekundäre Lakotseintoleranz bezeichnet. Sie kann durch verschiedene entzündliche Erkrankungen des Dünndarms entstehen, die nachfolgend einen Laktasemangel auslösen. Auch nach einer operativen Entfernung des oberen Dünndarms kann eine Laktoseintoleranz auftreten. Bei seltenen Krankheiten, wie der einheimischen Sprue, kommt es ebenfalls zu Laktasemangel. Eine bakterielle Fehlbesiedlung des Dünndarms kann zu einer Laktoseintoleranz, oftmals mit einer Fruktoseintoleranz gepaart, führen. Sowohl die bakteriellen Entzündungen als auch die bakteriellen Fehlbesiedlungen können gut mit Antibiotika behandelt werden. Bei so genannten chronisch entzündlichen Darmerkrankungen kann nach einer Behandlung der Entzündung mit speziellen Medikamenten eine Toleranz für Laktose erreicht werden. Waren diese hier exemplarisch genannten Erkrankungen die Ursache des Laktasemangels, dann können Patienten nach der Behandlung auch wieder Milchzucker verdauen.

Wenn ich als Patient die Diagnose Laktoseintoleranz bekomme, was mache ich denn dann?

Wenn geklärt ist, dass tatsächlich eine Laktoseintoleranz vorliegt, dann sollte eine Ernährungsberatung durch einen Experten erfolgen. Diese wird normalerweise von der Krankenkasse bezahlt. Betroffene Patienten sollten nicht auf eigene Faust eine Diät ohne Milchprodukte beginnen, da die Gefahr des Kalziummangels und damit das Risiko, an Osteoporose zu erkranken, besteht. Es ist wichtig, einen ausgewogenen Ernährungsplan mit Hilfe von geschultem Personal zu erstellen, um einen Mangel an Vitaminen und Spurenelementen vorzubeugen. Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl von Nahrungsmitteln, die Laktose enthalten. Diese müssen gemeinsam mit einem Diätberater besprochen werden. Manchmal gibt es die Diagnose Laktoseintoleranz auch nur zufällig. Für diese Menschen ist es wichtig, zunächst selbst zu testen, wie ihnen laktosehaltige Lebensmittel bekommen oder ob diese ihnen Probleme bereiten. Bei Problemen muss die Ernährung umgestellt werden. Ohne Probleme können diese Patienten ihre Ernährungsweise meistens beibehalten.

Laktosefreie Ernährung hört sich aufwendig an. Was machen Patienten, die zu einem Geburtstagsessen eingeladen werden und eine Laktoseaufnahme nicht ausschließen können?

Für solche Situationen gibt es in der Apotheke und im Fachhandel Laktase. Das Enzym, das hilft, den Milchzucker aufzuspalten, können sie als Tablette, Kapsel oder als Pulver kaufen. Es wird in der Regel nicht von der Krankenkasse bezahlt. Das Problem bei diesen Tabletten ist jedoch die Dosierung. Es ist nämlich schwierig, genau einzuschätzen, wie viel Milchzucker zum Beispiel in einem Stück Sahnetorte steckt. Die Dosierung muss jedoch auf die Menge des Milchzuckers abgestimmt werden. Aus diesem Grund sollte Laktase nur in Ausnahmefällen eingenommen werden. Alternativ können laktosefreie Produkte auf die Geburtstagsfeier mitgenommen werden. Aber das ist letztendlich eine individuelle Entscheidung.

Mit Mathias Strowski sprach Jana Zeh.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.