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Steinman verstarb im Alter von 68 Jahren.
Steinman verstarb im Alter von 68 Jahren.(Foto: AP)
Montag, 03. Oktober 2011

Jury unterläuft tragischer Fehler: Medizin-Nobelpreisträger ist tot

Die Bekanntgabe der Gewinner des diesjährigen Nobelpreises für Medizin löst Verwirrung aus. Offenbar wusste das Komitee nicht, dass der kanadische Preisträger Ralph Steinman bereits vor drei Tagen verstorben war. Eine posthume Vergabe der Ehrung ist allerdings nicht möglich. Die Jury brütet nun über den Statuten.

Der vor wenigen Tagen gestorbene Forscher Ralph M. Steinman bekommt den Medizin-Nobelpreis wahrscheinlich nicht. Das sagte der frühere Nobelkomitee-Sekretär Anders Baranyi. Die Regeln für die Nobelpreise schließen ihm zufolge die Vergabe an einen Toten aus.

Die schwedischen Juroren hatten wenige Stunden nach der Zuerkennung bekanntgegeben, dass Steinman nicht mehr lebt. Eine Sprecherin des Karolinska-Instituts sagte lediglich, man werde dazu "eine Stellungnahme veröffentlichen". Der Jury-Sekretär Göran Hansson sagte im Rundfunksender SR nur: "Wir studieren die Statuten." Dort ist unter Paragraf 4 zu lesen: "Die Arbeit einer Person, die bereits gestorben ist, soll nicht für eine Auszeichnung berücksichtigt werden. Wenn der Preisträger vor der Übergabe (am 10. Dezember) gestorben ist, darf der Preis übergeben werden (etwa an die Nachkommen)."

Bei der Bekanntgabe des Preises am Morgen wussten die Juroren nach eigenen Angaben nicht, dass der Forscher aus Kanada bereits am 30. September im Alter von 68 Jahren an Krebs gestorben war. Die Rockefeller-Universität in New York hatte dies nach der Zuerkennung auf ihrer Internet-Seite mitgeteilt.

Beutler, Hoffmann und Steinman (v.l.) sind die Preisträger 2011.
Beutler, Hoffmann und Steinman (v.l.) sind die Preisträger 2011.(Foto: dpa)

Baranyi meinte, dass nach seinem Dafürhalten die bisher vorgesehene Dotierung des halben Nobelpreises für Steinman auf die beiden anderen Preisträger Bruce A. Beutler und Ralph M. Steinman aufgeteilt werden müsse. Insgesamt ist der Preis mit umgerechnet 1,1 Millionen Euro (zehn Millionen Kronen) dotiert. Baranyi war 1989 bis 2004 Sekretär des Physik-Komitees und gilt als führender Kenner der Nobelpreis-Regeln und -Geschichte.

Er nannte den Fehler des Komitees "tragisch für die Hinterbliebenen von Steinman". Baranyi verwies auf die letzte posthume Nobelpreisvergabe: Der schwedische UN-Generalsekretär Dag Hammarskjöld war im September 1961 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen und bekam den Friedensnobelpreis wenige Wochen später zuerkannt. Danach wurden die Statuten für alle Nobelpreise so verändert, dass dies nicht mehr möglich war.

Pioniere der Immunologie

Der kanadische Wissenschaftler Ralph Steinman starb am Freitag im Alter von 68 Jahren. Er hatte seit vier Jahren an Bauchspeichelkrebs gelitten. Dank einer auf seiner eigenen Forschung basierenden Immuntherapie hatte er seine Lebenszeit verlängern können.

Steinman war wenige Stunden vor dem Bekanntwerden seines Todes gemeinsam mit dem Franzosen Jules A. Hoffmann sowie Bruce A. Beutler (USA) von der Jury des Karolinska-Institutes in Stockholm als Preisträger benannt worden.

Beutler wurde 1957 in Chicago geboren, seit kurzem arbeitet er an der Universität Texas in Dallas.
Beutler wurde 1957 in Chicago geboren, seit kurzem arbeitet er an der Universität Texas in Dallas.(Foto: dpa)

Die drei Wissenschaftler hatten sich auf dem Gebiet des menschlichen Immunsystems einen Namen gemacht. "Die diesjährigen Nobelpreisträger haben unser Verständnis des Immunsystems revolutioniert, indem sie zentrale Prinzipien seiner Aktivierung entdeckt haben", erklärte die Jury zur Begründung. Mit ihrer Forschung hätten die drei Wissenschaftler den Weg für die Vorbeugung und neue Therapien bei der Bekämpfung von Infektionen, Krebs und Entzündungskrankheiten bereitet. So hätten auf Grundlage der Arbeit der Forscher bessere Impfstoffe entwickelt werden können. Die Forschung habe aber auch neue Erkenntnisse bei der Frage gebracht, warum das menschliche Immunsystem manchmal den eigenen Körper angreift.

Dem 55-jährigen Beutler und dem 70 Jahre alten Hoffmann sollte eine Hälfte des Preisgeldes in Höhe von zehn Millionen Kronen (rund eine Million Euro) zukommen. Sie werden für die Entdeckung von Rezeptor-Proteinen geehrt, die in den Körper gelangte Bakterien, Viren und andere Mikroorganismen wie Pilze oder Parasiten erkennen. Diese aktivieren dann das sogenannte angeborene Immunsystem, was der erste Schritt der Abwehrreaktion des menschlichen Körpers ist. Dabei kann der Angriff der Mikroorganismen etwa durch Entzündungsreaktionen gestoppt werden.

Killerzellen zerstören infizierte Zellen

Hoffmann forschte bereits an der Universität Marburg.
Hoffmann forschte bereits an der Universität Marburg.(Foto: AP)

Als zweiten Strang des Immunsystems hat der Mensch zudem eine sogenannte adaptive, also anpassungsfähige Immunabwehr, die speziell auf bestimmte Krankheitserreger reagiert. Dabei bilden T- und B-Lymphozyten, kurz T- oder B-Zellen genannt, Antikörper und Killerzellen, die wiederum infizierte Zellen zerstören. Außerdem entwickelt der Körper so etwas wie ein Gedächtnis, das es ihm erlaubt, bei einer späteren erneuten Infektion mit dem gleichen Mikroorganismus schneller zu reagieren. Der Kanadier Steinman wurde für seine Forschung auf dem Gebiet dieses adaptiven Immunsystems ausgezeichnet. Er hatte in den 1970er Jahren sogenannte dendritische Zellen entdeckt und ihre Rolle bei der Aktivierung von T-Zellen erforscht.

Wie die Alexander von Humboldt-Stiftung mitteilte, gehören die drei Forscher dem weltweiten Humboldt-Netzwerk an. Beutler hatte 1993 den Humboldt-Forschungspreis gewonnen und daraufhin an der Universität Regensburg geforscht. Hoffmann erhielt den Preis bereits 1983, als Preisträger forschte er dann an der Universität Marburg. Steinman erhielt 1999 den Max-Planck-Forschungspreis, der gemeinsam von der Humboldt-Stiftung und der Max-Planck-Gesellschaft verliehen wird.

Auftakt zur Nobelpreis-Woche

Die Auszeichnung bildete den Auftakt des Nobelpreis-Reigens in Stockholm und Oslo. Am Dienstag und Mittwoch fallen die Entscheidungen in Physik und Chemie. Am Donnerstag entscheidet sich, wer den Literatur-Nobelpreis erhält und am Freitag schließlich gibt das norwegische Nobelkomitee den Träger des Friedensnobelpreises 2011 bekannt.

Die Nobelpreise sind mit umgerechnet 1,1 Million Euro (zehn Millionen schwedischen Kronen) je Sparte dotiert. Sie werden traditionell am 10. Dezember überreicht, dem Todestag des Stifters Alfred Nobel. Im vergangenen Jahr wurden elf Preisträger ausgezeichnet - alles Männer. Den Medizinpreis erhielt der Brite Medizin-Nobelpreis für Edwards für seine Technik der künstlichen Befruchtung.

Quelle: n-tv.de