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Gutes neues Jahr? Nicht für bedrohte Vögel

Ist die Zahl der überlebenden Exemplare einer Vogelart genau bekannt, haben die Tiere meist kaum noch eine Chance. Beim Madagaskar-Fischadler (Haliaeetus vociferoides) etwa zählen die Artenschützer noch 233 Tiere, Tendenz fallend. Das Abholzen der Wälder für Reisfelder, die Bodenerosion, der direkte Konkurrenzkampf mit dem Menschen um die Fischbestände, das Abschießen der Tiere für die traditionelle Medizin und seine kleinen Gelege mit zwei Eiern und meist nur einem überlebenden Küken haben den nur auf der afrikanischen Insel lebenden Vogel bereits fast aussterben lassen. 2006 wuchsen insgesamt gerade fünf Junge heran, von Helfern beschützt und bewacht.

189 Todeskandidaten

Der Adler gehört zu den 189 weltweit am stärksten bedrohten Vögeln. Damit findet er sich im "Jahrbuch der seltenen Vögel 2008", herausgegeben vom schwedischen Vogelkundler Erik Hirschfeld aus Malmö. Daran mitgearbeitet haben die Vogelschutzorganisation Birdlife International sowie ungezählte Ornithologen und Fotografen. Der fast 300 Seiten starke Band lässt befürchten, dass die nötige Hilfe, so sie denn überhaupt kommen sollte, viele Arten nicht mehr erreichen wird. Seit dem Jahr 1500 sind dem Buch zufolge weltweit 154 Vogelarten ausgerottet worden.

Tödliches Kuhgetrampel

Besonders die vielen auf Inseln brütenden Seevögel haben gegen den Menschen und besonders die von ihm eingeschleppten Arten keine Chance. Ein Beispiel ist der ohnehin extrem seltene und erst 1983 beschriebene Amsterdaminsel-Albatros (Diomedea amsterdamensis), der nur auf der entlegenen Amsterdaminsel im fernen Süden des Indischen Ozeans vorkommt. Dort ist er auch nur auf dem 400 Hektar großen Plateau des Tourbires heimisch – das sind gerade einmal vier Quadratkilometer. Etwa 145 Tiere gibt es noch. Lange Zeit gehörten Rinder zu den größten Bedrohungen, weil sie unbeabsichtigt die Gelege der Bodenbrüter zertrampelten. Seit 1987 hält ein Zaun die Kühe fern und damit die Verluste geringer. Ebenfalls vom Menschen eingeschleppte Katzen kommen aber durch das Gitter und machen sich weiter über den Nachwuchs der Albatrosse her. Und aus einer ebenfalls auf der Insel lebenden, anderen Albatros-Kolonie gelangten zudem Krankheitserreger in die Population. Eine weitere Bedrohung ist der Mensch mit seiner Langleinen-Fischerei. Die hakenbewehrten Köder der kilometerlangen Leinen treiben oft eine ganze Weile an der Wasseroberfläche und locken auch Albatrosse an. Beißen die zu, bleiben sie an den Widerhaken hängen, werden unter Wasser gezogen und ertrinken.

Blauracke schon verschwunden


Auch in Deutschland gibt es vom Aussterben bedrohte Vögel, berichtet der NABU (Naturschutzbund Deutschland) als deutscher Partner im internationalen Birdlife-Netzwerk. Anfang dieses Jahrtausends waren es hierzulande 26 Brutvogelarten. Seither sei die Bilanz zwiespältig: Vier Arten haben sich leicht erholt, bei zwölf wurde der abnehmende Trend gestoppt, bei vier weiteren hat er sich verlangsamt. Für fünf Arten müssen die Schutzanstrengungen deutlich verstärkt werden, verlangt der NABU, soll ihnen das Schicksal der Blauracke erspart bleiben: Sie brütete zuletzt 1994 in Baden-Württemberg.

Seeregenpfeifer in Gefahr

Vor dem unmittelbaren Erlöschen stehen in Deutschland laut NABU die Bestände von Kampfläufer, Alpenstrandläufer, Rotkopfwürger und Seggenrohrsänger. "Einen ungebrochen stark abnehmenden Trend weist der an der Nordseeküste brütende Seeregenpfeifer auf", heißt es in dem Bericht "Vögel in Deutschland 2007" weiter. Stark gefährdet sind zudem die Bestände des Birkhuhns außerhalb der Alpen – in den norddeutschen Mooren und Heiden sind sie inzwischen größtenteils erloschen. Eine Ausnahme sind die zunehmenden Bestände in der Lüneburger Heide. Die Brutvorkommen der Uferschnepfe, die unter anderem durch die Feuchtwiesenschutzprogramme vieler Bundesländer gefördert werden sollen, nehmen im Binnenland trotz des großflächigen Ankaufs ökologisch wertvoller Wiesengebiete weiter ab, heißt es beim NABU weiter.

Gefährliches Schmerzmittel

Weltweit gefährdet das Schmerzmittel Diclofenac den Bestand der Gänsegeier. Die Substanz scheint für Tiere in Afrika und Europa genauso gefährlich zu sein wie für ihre südasiatischen Verwandten. Die Vögel nehmen das Medikament beim Verzehr von Aas zu sich, wenn diese Tiere kurz vor ihrem Tod mit dem Präparat behandelt wurden. In Experimenten verendeten die Geier, wenn sie das Medikament verabreicht bekamen, berichtete eine Forschergruppe in den "Biology Letters" der Britischen Akademie der Wissenschaften.

Mangels Aussicht auf jede Besserung sieht es derzeit für den Sulu-Hornvogel (Anthracoceros montani) ganz besonders schlecht aus. Das schwarz glänzende Tier mit einem extrem dicken Schnabel lebt seit jeher nur auf dem indonesischen Sulu-Archipel. Die Zerstörung seines Lebensraumes durch das Abholzen der Wälder hat schätzungsweise 40 Exemplare übrig gelassen, Tendenz sinkend. Auf dem frei geschlagenen Areal sollen in Zukunft unter anderem Palmöl-Plantagen wachsen. Und als wäre das nicht genug, nutzt die zunehmend bewaffnete Bevölkerung die seltenen Vögel als Zielscheibe zum Üben. In der Region gibt es keine Schutzgebiete, aber dafür Aufstände und Militäreinsätze – "ein ernstes Hindernis für den Artenschutz auf den Sulus", heißt es im Buch der trüben Aussichten.

Quelle: ntv.de

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