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Dienstag, 02. März 2010

Aus Männlein wird Weiblein: Pestizid kastriert Frösche

Ein Krallenfrosch in einem Labor.
Ein Krallenfrosch in einem Labor.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Eines der am weitesten verbreiteten Unkrautvernichtungsmittel könnte für den dramatischen Rückgang der Froschpopulationen weltweit mitverantwortlich sein: In Experimenten von US-Forschern hat das Spritzmittel Atrazin männliche Krallenfrösche chemisch kastriert. Zum Teil verwandelte es die Männchen sogar komplett in Weibchen, berichten die Wissenschaftler in den "Proceedings” der US-Akademie der Wissenschaften.

Atrazin ist seit 1991 in Deutschland verboten, auch auf EU-Ebene gibt es ein Anwendungsverbot. Rückstände der Chemikalie finden sich aber auch heutzutage noch in den Gewässern. In den USA ist die Anwendung des Unkrautvernichtungsmittels weiterhin erlaubt. Tyrone Hayes von der University of California und seine Mitarbeiter hatten eine Gruppe männlicher Afrikanischer Krallenfrösche (Xenopus laevis) in Atrazin-haltiger Umgebung aufgezogen. Die eingesetzte Konzentration entsprach der, der auch Frösche in freier Natur ausgesetzt sind und lag unter dem von der US-amerikanischen Umweltschutzbehörde EPA vorgegebenen Grenzwert für Atrazin im Trinkwasser.

Atrazin-Frösche unterliegen

Als die Tiere ausgewachsen waren, zeigten sich die Auswirkungen der dauerhaften Atrazin-Belastung: Im Vergleich zu den Kontrolltieren war bei den Versuchsfröschen die Größe bestimmter Drüsen reduziert, auch der Kehlkopf der Tiere war verkleinert. Außerdem war ihr Testosteronspiegel niedriger und die Spermienproduktion eingeschränkt, berichten die Wissenschaftler. Beim Werben um Weibchen unterlagen die Atrazin-Frösche in der Regel normalen Männchen. Gelang es ihnen ein Weibchen zu erobern, stellte sich heraus, dass selbst bei hoher Spermiendichte ihre Fruchtbarkeit eingeschränkt war. Das Unkrautvernichtungsmittel hatte die Frösche chemisch kastriert, fassen die Forscher zusammen.

Zehn Prozent der Atrazin-Frösche verwandelten sich gar vollständig in weibliche Tiere mit einem funktionierendem weiblichen Fortpflanzungsapparat. Obwohl sie also genetisch männlich waren, paarten sich diese "Schein-Weibchen" mit anderen Männchen und produzierten lebensfähige Eier. Der Nachwuchs dieser Tiere war naturgemäß komplett männlich.

Beeinträchtigungen auch beim Menschen

Mit diesem Kanister voll Atrazin wurde ein Anschlag auf die Trinkwasserversorgung aus dem Bodensee 2005 verübt.
Mit diesem Kanister voll Atrazin wurde ein Anschlag auf die Trinkwasserversorgung aus dem Bodensee 2005 verübt.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Die Wissenschaftler um Hayes weisen darauf hin, dass früheren Untersuchungen zufolge auch Reptilien und Fische durch Atrazin geschädigt werden. Die entmännlichenden Effekte von Atrazin beträfen also Wirbeltiere verschiedenster Klassen. Auch beim Menschen beeinträchtige die Chemikalie einer Studie zufolge die Spermiendichte und -qualität und schränke die Fruchtbarkeit ein.

Experten beobachten seit etwa zwei Jahrzehnten weltweit ein Amphibiensterben. Als Gründe werden die Zerstörung der Lebensräume, der Klimawandel, die Umweltverschmutzung sowie eine Pilzinfektion genannt. Völlig verstanden ist der erschreckende Rückgang der Frösche, Lurche , Kröten und Salamander jedoch nicht. Expertenangaben zufolge sind etwa ein Drittel der 6000 bekannten Froscharten vom Aussterben bedroht.

 

Quelle: n-tv.de