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Auch dieser Schädel aus der frühen Bronzezeit, etwa 1700 v. Chr., der in Pätschow bei Anklam gefunden wurde, zeigt eine Trepanation.
Auch dieser Schädel aus der frühen Bronzezeit, etwa 1700 v. Chr., der in Pätschow bei Anklam gefunden wurde, zeigt eine Trepanation.(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)
Freitag, 21. Oktober 2011

Kopf-OPs vor 5000 Jahren: Schädelöffnungen nachgewiesen

Eine Operation am offenen Schädel ist ein beängstigender Eingriff. Bereits in der Jungsteinzeit haben Menschen diesen Schritt gewagt und überlebt. Das haben Mediziner in Rostock jetzt nachgewiesen. Inwieweit die Operierten betäubt worden sind, konnte bisher nicht geklärt werden.

Schon in der Jungsteinzeit vor 4900 Jahren sind Menschen am Schädel operiert worden - und haben den Eingriff überlebt. Das haben Mediziner der Universitätskliniken in Rostock durch Untersuchungen am Schädel des sogenannten "Müritz-Ötzi" nachgewiesen. Sie fanden heraus, dass der in Mecklenburg-Vorpommern gefundene Steinzeitmensch am offenen Schädel operiert wurde und danach noch mehrere Wochen oder Monate gelebt hat.

"Die Erkenntnisse zeigen, dass bereits in der Jungsteinzeit relativ ausgefeilte Operationstechniken existierten", teilte Landesarchäologe Detlef Jantzen mit. Der Schädel wurde 2007 bei archäologischen Untersuchungen im Vorfeld einer Baumaßnahme in Vietzen am Südende der Müritz entdeckt.

Die Operationen seien mit Feuersteinen vorgenommen worden, sagte Jürgen Piek, Leiter der Neurochirurgie am Universitätsklinikum Rostock. Es sei geschnitten und geschabt worden. Über eine mögliche Betäubung dabei können die Wissenschaftler nur spekulieren. "Wer das getan hat, muss sein Handwerk gut verstanden haben", sagte Piek anerkennend. Es sei eine respektable Leistung, mit primitiven Instrumenten die Schädeldecke zu öffnen, ohne dabei die Hirnhaut zu verletzen. Nur so habe der Patient den Eingriff überleben können. Außerdem habe er erstmals Hinweise darauf gefunden, dass vor einer derartigen Operation in der Jungsteinzeit die Kopfhaut eingeschnitten worden sei.

Schädelöffnungen waren verbreitet

Zuletzt war laut Piek 1968 ein operierter Schädel in Mecklenburg-Vorpommern gefunden worden. Mit dem jüngsten Fund gebe es nun sieben. Insgesamt seien in Europa 450 sogenannte Trepanationen (Schädelöffnungen) aus der Steinzeit bekannt. Meist seien Verletzungen behandelt worden, oft bei Männern auf der linken Kopfhälfte. "Die meisten sind auf der linken oberen Seite des Schädels, dort wo ein Rechtshänder zum Beispiel einen Schlag versetzen würde", sagte Piek.

Der Schädel des "Müritz-Ötzi" habe zwei etwa acht mal fünf Zentimeter große Löcher im Schädel gehabt. Anhand des nachweisbar eingesetzten Selbstheilungsprozesses an den Schnittstellen, konnten die Mediziner das Überleben nach der Operation nachweisen. Der Schädel befindet sich bereits wieder im Landesamt für Kultur und Denkmalpflege.

Quelle: n-tv.de