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Drogenliste und Fake-Testamente Schriftexperten decken Betrug auf

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Gefragter Experte: Der Schriftsachverständige Klaus Müller untersucht einen Text unter dem Mikroskop.

(Foto: picture alliance/dpa)

Ist die Unterschrift auf der Bankvollmacht echt? Wer hat die Drogen-"Tickerliste" verfasst? Ist das Testament eine Fälschung? Lässt sich der Schreiber eines Drohbriefs überführen? Hier müssen forensische Schriftexperten ran.

Die Pflegerin soll das Vermögen der verstorbenen Dame erben, der leibliche Sohn geht leer aus - Zweifel an der Echtheit des handgeschriebenen Testaments kommen auf. Ein Drohbrief verängstigt. Ein unbekannter Stalker schickt unerträgliche Botschaften. Einem Mann wird Betrug mit gefälschten Dokumenten vorgeworfen, er will seine Unschuld beweisen. Über solche Fälle beugen sich forensische Schriftgutachter. Es gibt nur wenige. Sie sind beim Bundeskriminalamt, den Landeskriminalämtern oder als private Anbieter tätig.

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Gudrun Müller ist Linguistin - bei der Frage nach der Autorenschaft konzentriert sie sich vor allem auf die Wortwahl und den Ausdruck. 

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"Vom einfachen Überweisungsbetrug bis zu Mord und Totschlag landet alles bei uns, wo Handschriften und Texte eine Rolle spielen", schildert Gudrun Müller. Ihr Unternehmen in Neuss untersucht, ob Schriften authentisch sind oder ob später "hinzugedichtet", manipuliert, gefälscht wurde.

Die FTS Forensische Text- und Schriftanalyse befasst sich mit Bürgschaften, Verträgen, Tagebucheinträgen oder auch Drohschreiben. Auftraggeber sind Gerichte, Staatsanwaltschaften, Behörden, manchmal Banken, Versicherungen, Anwälte, Detekteien, wie ihr Mann Klaus Müller erläutert. Häufig liegen Testamente auf seinem Tisch - oder unter dem Mikroskop des 57-Jährigen. Vom Gericht kommt in den Nachlassverfahren dann das fragliche Schriftstück mitsamt Vergleichsmaterial.

Mit Mikroskop und UV-Licht

In einer mikroskopischen Analyse und mit UV-Licht sucht Müller nach Hinweisen, ob dem letzten Willen womöglich von fremder Hand später noch etwas hinzugefügt wurde. Zu erkennen etwa daran, dass ein anderer Stift verwendet wurde. Dann folgt der Schriftvergleich. Ohne genügend Material zum Abgleichen funktioniere das nicht, sagt Müller, vor vielen Jahren zum Graphologen ausgebildet. Für Geschäftsführerin Gudrun Müller stehen als Linguistin bei der Frage nach der Autorenschaft vor allem Wortwahl und sprachlicher Ausdruck im Fokus.

Auch hier gilt: Je umfangreicher das Material, desto besser. "Die Texte müssen immer aus dem gleichen Genre kommen. Also SMS werden mit SMS abgeglichen, handschriftliche Briefe mit Briefen, E-Mails mit E-Mails, Whatsapp mit Whatsapp." Aufschlussreich sind etwa Übereinstimmungen bei orthografischen Fehlern, beim Wortschatz, bei bestimmten sprachlichen Eigenheiten. Bei ihrer Arbeit handele es sich um eine eigene Disziplin, aber mit demselben Ziel wie bei der Schriftuntersuchung: den Urheber ausmachen.

Keine Ermittlungsarbeit

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Eine Seite der gefälschten "Hitler-Tagebücher", die der "Stern 1983" veröffentlichte. Gutachten deckten auf, dass das Papier nicht so alt war, aber auch, dass der sprachliche Ausdruck nur bedingt dem Hitlers entsprach.

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Man leiste allerdings keine Ermittlungsarbeit, stellt die Geschäftsführerin klar. Bei den eher alltäglichen Fällen beobachtet sie: "Oft stecken Leute dahinter, die kaum Fähigkeiten zur Konfliktlösung haben." So habe man nach massenhaften Lieferungen von Sexspielzeug an einen schockierten Empfänger am Ende einen verärgerten Nachbarn als Täter ausgemacht. Der habe Unterschriften und Bestellungen gefälscht, um Dampf abzulassen. Was das fünfköpfige Team nicht kann: "Bei salafistischen Hetzpredigen oder nationalsozialistischen Pamphleten mit gewaltigen Textmengen passen wir. Da braucht es spezialisierte Computerlinguisten", betont Gudrun Müller. Die Verantwortung sei groß. "In hocheskalierten Streitfällen ist man oft so was wie eine letzte Instanz." Und in Prozessen können die Schriftgutachten ein ausschlaggebender Faktor sein.

Beim Kölner Landgericht wurde jüngst ein Angeklagter auch mithilfe einer solchen Expertise überführt und als Drogenhändler verurteilt. Der Fall: In einer vom Angeklagten angemieteten Wohnung fanden sich sogenannte Tickerlisten - handschriftliche Aufzeichnungen über Aufträge mit Namen und Zahlen, also offenen Geldbeträgen, wie Gerichtssprecher Jan Orth berichtet. Etwa 25 Seiten nach dem Muster: Dieter 750, Klaus 330.

Schriftexperten-Einsatz öfter in Zivil- als in Strafverfahren

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Der Angeklagte leugnete eine Täterschaft. Die Kammer habe einen Schriftgutachter beauftragt und die Tickerlisten mit Schriftproben des Angeklagten vergleichen lassen, schildert Orth: "Mit einer Sicherheit von 95 Prozent war der Mann der Schreiber." Der Gutachter habe anhand der Handschriften sogar ermittelt, dass es noch mindestens zwei weitere Urheber gab. Das Kölner Urteil ist noch nicht rechtskräftig, liegt nach Revision derzeit beim Bundesgerichtshof. Schriftexperten werden häufiger in Zivil- als in Strafverfahren eingesetzt. "Da geht es um Urkunden, Vertragswerke, Testamente. Auch im digitalen Zeitalter wird hier noch Handschrift empfohlen oder ist unerlässlich", erläutert Orth.

Beim Bund der Richter und Staatsanwälte (DRB) heißt es, Schriftsachverständige würden nicht allzu oft eingesetzt. Manche hielten mehr solcher Experten auf dem freien Markt für nötig, andere beauftragten ausschließlich Sachverständige vom LKA oder kämen ganz ohne Schriftgutachter aus, berichtet ein Sprecher des DRB in NRW. Orth ergänzt, solche Expertisen seien aufwendig. Weil es nur wenige Spezialisten gebe, brauche es mitunter monatelange Geduld. Würden sie eingesetzt, stehe aber fest: Ihnen komme eine wichtige Rolle zu.

Quelle: ntv.de, Yuriko Wahl-Immel, dpa