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Tonnenweise CO2 wird frei Seegras schrumpft dramatisch

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Seegraswiesen bieten zahlreichen Arten Lebensraum.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Bis Mitte des Jahrhunderts könnte das Seegras im Mittelmeer nahezu verschwunden sein. Das bietet nicht nur vielen Lebewesen wie Kraken eine Heimat. Es würden auch große Mengen CO2 in die Atmosphäre freigelassen, die in den Wiesen gespeichert sind.

In den Seegraswiesen der weltweiten Meere und Ozeane sind riesige Mengen Kohlenstoff gespeichert. Es kann bei ungestörtem Wachstum gewaltige Mengen Kohlendioxid aufnehmen und den Kohlenstoff daraus in Wurzeln und Halmen binden. Der Treibhauseffekt und die im Meer fließenden Schwebstoffe lassen die Seegraswiesen derzeit jedoch schrumpfen, so dass sie das Treibhausgas freisetzen. Insbesondere das Seegras im Mittelmeer - dessen Wasser sich vergleichsweise schnell erwärmt - geht zurück. Bis Mitte des Jahrhunderts könnte es nahezu verschwunden sein, schreibt ein Forscherteam vom spanischen Mittelmeer-Forschungsinstitut Imedea auf Mallorca.

Im Mittelmeer wächst vor allem die relativ große Art namens Neptungras. "Frühere Studien haben bereits gezeigt, dass der Anstieg der jährlichen Maximaltemperaturen im Mittelmeer die Sterberate des Seegrases schon erhöht hat", berichten die Forscher im Fachjournal "Nature Climate Change".

Nach ihren Berechnungen wird das Neptungras im westlichen Mittelmeer bis 2049 soweit zurückgehen, dass es seine ökologische Funktion als Heimat und Nahrungslieferant für Krebse, Fische, Meeresschildkröten und weitere Tiere nicht mehr erfüllen könne. Dabei nutzten die Forscher für ihre Berechnungen nur ein sehr moderates Vorhersagemodell des Weltklimarates, das von einem relativ leichten Anstieg der Treibhausgase ausgeht.

Sehr langsames Wachstum

Das Neptungras passe sich aus verschiedenen Gründen nur sehr langsam an neue Umweltbedingungen an. Es könne bis zu 50 Jahre und damit recht alt werden. Zudem sei es mit nur einem Zentimeter pro Jahr eine der am langsamsten wachsenden Pflanzen weltweit und reagiere daher besonders empfindlich auf Störungen. Der relativ geringe Anteil an sexueller Vermehrung führe zudem zu einer geringen Veränderung des Erbguts, schreiben die Forscher. Zusätzlich machten große tropische und subtropische Algen dem Seegras im Mittelmeer bereits jetzt Konkurrenz.

Durch den Eintrag von Bodensedimenten und anderen menschlichen Einflüssen sei das Seegras schon vor dem Jahr 2000 zurückgegangen, als die Wassertemperatur noch nicht 25,7 Grad überschritten habe und kein wärmebedingtes Absterben registriert worden sei. Die Erwärmung schade jedoch stärker.

Seegrasfläche ein- bis fast zweimal so groß wie Deutschland

Das genutzte moderate Modell des Weltklimarates sage bis 2100 einen Anstieg des sommerlichen Temperaturmaximums des Wassers um 3,4 Grad vor den Küsten der Balearen voraus. Zudem werde die Maximaltemperatur bereits in den Jahren 2025 bis 2050 häufiger die kritische Marke von 28 Grad überschreiten, bei der sich die Sterberate von Neptungras verdopple. "Anstrengungen, um den Klimawandel zu vermindern, sind daher dringend nötig, um dieses Schlüssel-Ökosystem zu erhalten", betonen die Forscher.

Die Neptungraswiesen im Mittelmeer sind nach Angaben von James Fourqurean und Kollegen von der Florida International University auch aufgrund der Länge der Pflanzen die größten Kohlenstoffspeicher unter den weltweiten Seegrasflächen. Alle zusammen bedecken Meeresböden von der ein- bis zur fast zweifachen Größe Deutschlands, wie das Team im Journal "Nature Geoscience" mit Verweis auf frühere Schätzungen schreibt. Die Forscher zählen sie zu den produktivsten Ökosystemen der Welt.

Milliarden Tonnen CO2

In dem Gras und im zugehörigen Meeresboden seien weltweit je nach Berechnungsgrundlage 4 bis 20 Milliarden Tonnen Kohlenstoff gespeichert. Die höhere Zahl stützt sich auf 41 besonders gut untersuchte Seegraswiesen, die das Team verteilt über die Erde ausgewählt hat - von Australien über das westliche Mittelmeer bis nach Nordamerika.

Beim Wachsen nehmen Seegraswiesen Kohlendioxid auf. Sie banden daher einer Studie von 2005 zufolge schätzungsweise etwa 27 Millionen Tonnen Kohlenstoff pro Jahr und damit etwas mehr als die gesamten Mangrovenwälder. Viel davon wird letztendlich im stetig dicker werdenden Boden gespeichert. Das Seegras binde daher 10 bis 20 Prozent des Kohlendioxids, das derzeit von den Ozeanen aufgenommen werde.

Rückgang um 1,5 Prozent pro Jahr

Knapp 30 Prozent der zu Beginn des 20. Jahrhunderts bekannten Seegrasflächen seien jedoch bereits verschwunden und oftmals sandigem oder kargem Meeresgrund gewichen, schreibt das Team um Fourqurean nun. Das liege nicht nur am Klimawandel, sondern auch am Ausschwämmen von Wald- und Feldböden, was die Wasserqualität im Meer vermindere. Dadurch sei auch die Aufnahmefähigkeit der Seegraswiesen für Kohlendioxid schon gesunken.

Derzeit schrumpfe die Seegrasfläche um 1,5 Prozent pro Jahr. Damit werden nach Berechnungen der Forscher 11 bis 23 Millionen Tonnen Kohlenstoff allein durch das Absterben der Pflanzen wieder frei. Rechne man den Bodenverlust hinzu, könnten es 63 bis 300 Millionen Tonnen sein. Damit verursache der Seegrasschwund möglicherweise 10 Prozent des Kohlendioxids, das derzeit durch Waldvernichtung und Landumwandlung entstehe. Das wäre ein Anteil von etwa zwei Prozent am gesamten Aufkommen dieses menschengemachten Treibhausgases.

Quelle: ntv.de, dpa

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