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Wenn Sex die "Aspirin" ersetzt Sexsucht - unkontrollierbare Lust

"Sex sells", das ist bekannt, und nicht zuletzt die Medien suggerieren, dass es ein Zuviel an Sex nicht gibt und eher derjenige ein Problem hat, der nur selten Sex hat. Doch Fälle wie der von Tiger Woods, Jesse James und anderen zeigen die Kehrseite der Medaille. n-tv.de spricht mit Prof. Uwe Hartmann darüber, wie sich Sexsucht bemerkbar macht, was man dagegen tun kann und wie Frauen von Betroffenen reagieren sollten. Das Team von Hartmann bietet an der Medizinischen Hochschule Hannover eine Sprechstunde für Menschen mit exzessivem sexuellen Verhalten an.

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(Foto: picture-alliance/ dpa)

n-tv.de: Herr Hartmann, wann spricht man denn von Sexsucht?

Uwe Hartmann: Wir versuchen, Sexsucht weniger über die Quantität zu bestimmen als vielmehr über die Qualität. Es geht dann vor allem darum, ob jemand das Gefühl hat, er kann sein sexuelles Verhalten steuern und regulieren oder eben nicht. Eine Studie aus den USA aber, die die Quantität als Maßstab zugrunde legt, spricht bei Männern, die über mehrere Jahre hinweg jede Woche mehr als sieben Mal sexuell aktiv waren, von hypersexuellem Verhalten.

Sieben Mal pro Woche, also im Schnitt einmal täglich - das klingt noch nicht nach ausufernd viel Sex…

Es klingt zunächst nicht nach viel, aber wenn Sie sich vorstellen, dass Sie über fünf Jahre hinweg derart aktiv sind…  Das betrifft dann doch nur noch eine kleine Gruppe von Menschen. Die Studie spricht von fünf bis sechs Prozent. Wenn wir frisch verliebt sind, ist das überhaupt kein Thema. Aber wir sind nicht fünf Jahre frisch verliebt. Doch ich persönlich finde den quantitativen Ansatz schwierig. Für mich ist es im Gespräch mit Patienten wichtiger, ob das Verhalten steuerbar und regulierbar ist oder nicht.

Wie macht sich Sexsucht denn bemerkbar?

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Erhöhte Promiskuität: ein mögliches Merkmal bei "Sexsucht".

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Es gibt drei Hauptmerkmale: Eines ist die von den Patienten selbst als zwanghaft erlebte Selbstbefriedigung. Bei über 70 Prozent der Betroffenen macht sie den größten Teil der sexuellen Aktivität aus. Im Vordergrund steht eben gar nicht der Partnerkontakt, sondern die autoerotische Komponente. Das zweite Merkmal ist eine erhöhte Promiskuität, also ein häufiger Wechsel der Sexualpartnerinnen. Das dritte Merkmal ist der Pornografie-Missbrauch. Auch davon sind über 70 Prozent der Patienten betroffen.

Da ist der Zugang, dank Internet, inzwischen ja auch mehr als einfach…

Es war nie so einfach wie jetzt, an alle möglichen Spielarten der Sexualität zu kommen. Es ist unfassbar, was da vorgehalten wird. Sex ist weltweit das größte Geschäft - noch vor dem Drogenhandel. Daran sieht man schon: Das kann nicht nur ein paar Verrückte betreffen, sondern es betrifft alle. Aber hervorzuheben ist, dass rund 80 Prozent aller Menschen, die Pornografie konsumieren, damit überhaupt kein Problem haben. Die meisten Menschen nutzen das, wie sie auch das Fernsehen nutzen: überwiegend problemlos. Dann gibt es Menschen im Graubereich, bei denen es schon schwierig wird, und dann gibt es die, bei denen man klar sagen kann, dass sie es nicht mehr im Griff haben.

Was läuft denn bei denen schief?

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Der Zugang zu Pornos jeglicher Art war noch nie so einfach wie heute.

(Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb)

Es gibt drei unterschiedliche Ansätze, das zu verstehen. Der eine ist die Sucht, also der Ansatz, das Problem als Verhaltenssucht zu begreifen. Es gibt aber Aspekte, die nicht zum Suchtmuster passen. Bei der so genannten Sexsucht gibt es nämlich zum Beispiel nicht wirklich Entzugssymptome. Es gibt auch keine wirkliche Toleranzentwicklung - der Betroffene braucht also nicht immer mehr. Ein zweiter Zugang ist der, von einer Zwangsstörung auszugehen. Wir haben alle schon vom Waschzwang oder Kaufzwang gehört. Der dritte Ansatz ist der, das Verhalten als eine Störung der Impulskontrolle zu sehen. Meiner Meinung nach ist es eine Kombination aus allen drei Dingen, und bei dem einen Patienten steht das eine, beim anderen das andere mehr im Vordergrund.

Was für Folgen hat die Sexsucht für Betroffene?

Oft verschulden sie sich bis über die Ohren, oft werden sie auch depressiv. Und natürlich gibt es erhebliche Partnerschaftskonflikte.

Lässt sich sagen, welche Motive hinter der Sexsucht stecken?

Ich habe oft den Eindruck, dass die Patienten sehr einsame Menschen sind. Selbst wenn sie in einer Partnerschaft leben, können sie oft nicht wirklich Kontakt herstellen zu anderen Menschen. Sie haben eine Intimitätsstörung. Und oft leben sie zwar auch mit einer Partnerin Sexualität, doch mit der machen sie - drastisch gesagt - Blümchensex, und ihre ganzen Fantasien und Bedürfnisse klammern sie dort aus. Die leben sie dann zum Beispiel über das Internet aus. Und dann gibt es Männer, für die ist Sexualität so etwas wie eine "Aspirin". Bei allem, was ihnen quer kommt, soll dann Sex helfen: Ich hatte einen schlechten Tag, ich hatte einen Misserfolg, ich bin ein bisschen traurig, ich ärgere mich ein bisschen, ich bin ein bisschen einsam… Maßnahme: Sex.

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Betroffene versuchen, das Gefühl "Ich bin erregt", das über jeglichen Frust hinweghilft, so lange wie möglich aufrechtzuerhalten.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Typisch ist, dass sich diese Menschen sehr, sehr lange mit dem Sex beschäftigen. Es geht ihnen nicht darum, innerhalb von fünf Minuten zum Höhepunkt zu kommen, sondern sie sitzen absichtlich Stunden, um sich abzulenken, um das schöne Gefühl zu genießen "ich bin sexuell erregt". Gefühle spielen eine große Rolle. Das typische Muster ist: Ich laufe vor etwas weg, ich habe auch gar nicht gelernt, unterschiedliche Gefühle bei mir wahrzunehmen, ich weiß nicht, ob ich jetzt eigentlich ärgerlich oder gekränkt oder einsam bin, ich erlebe ein diffuses Unbehagen. In dieser Situation greift der Alkoholiker zum Bier, und der Sexmensch greift zum Sex. In der Therapie versuchen wir deshalb, den Menschen dabei zu helfen, wahrzunehmen, was denn eigentlich los ist.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es denn?

In schweren Fällen können Medikamente eingesetzt werden, Antidepressiva. Sie können zum Beispiel den Impuls mildern, die Heftigkeit, mit der sich Fantasien aufdrängen. Auch gegen das zugrundeliegende diffuse Unbehagen wirken sie.

Besser ist es aber, psychotherapeutisch zu arbeiten, denn dann können wir den Patienten nachhaltig helfen. Das geht dann über Gespräche - wenn es eine Partnerin gibt, manchmal auch über Paargespräche. Gefühlsdifferenzierung ist dann wichtig, aber es geht natürlich auch um eine bessere Regulation und Kontrolle. Der Mann muss lernen, die Impulse, die ihn überkommen, zu kontrollieren. Das heißt, er muss aufhören, sich dreimal am Tag selbst zu befriedigen, er muss aufhören, sich stundenlang pornografische Websites anzuschauen. Das müssen wir ausschleichen - was oftmals schwierig ist. Denn es ist ja ein Verhaltensmuster ist, was häufig schon über viele Jahre besteht. Anders als beim Alkoholentzug kann man nicht wirklich Abstinenz verordnen. Sexualität wollen wir leben, und die brauchen wir auch. Man muss also versuchen, sie zu integrieren, neue Wege zu finden und die Kontrolle zurückzuerlangen.

Wie sollten Frauen von betroffenen Männern auf das Verhalten reagieren?

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Prof. Dr. Uwe Hartmann ist Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Sexualmedizin und Sexualtherapie. An der Medizinischen Hochschule Hannover bietet sein Team Sprechstunde für Menschen mit exzessivem sexuellen Verhalten an.

Die ideale Reaktion ist natürlich nicht, schreiend aus dem Haus zu laufen und den Mann sofort zu verlassen. Die Partnerin sollte aber auch auf keinen Fall die Augen zumachen und "co-abhängig" werden. Konfrontation ist hier gefragt. Die meisten Frauen haben ja nichts gegen Pornografie, aber wenn der Konsum aus dem Ruder läuft, merkt die Frau sofort, dass da etwas faul ist. Und das muss sie klar sagen. Sie darf den Partner dann nicht in Ruhe lassen. Und am besten ist, wenn sie sagt "WIR müssen da was tun." - Ich habe großes Verständnis dafür, dass die Paare Probleme haben, damit nach außen zu treten. Aber sie müssen trotzdem ran.

Sind denn nur Männer von Sexsucht betroffen?

Frauen sind nicht auf Sex und bestimmte Vorlieben fixiert, und Frauen lösen keine Probleme durch Sex. Das liegt an verschiedenen Entwicklungen und ein bisschen auch an der biologischen Ausstattung. Wenn Männer einen zehnfach höheren Testosteronwert haben, muss sich das irgendwie auswirken. Das ist eine sehr grobe Ansicht, aber ich glaube schon, dass es Unterschiede gibt. Für Männer ist Sexualität einfach grundsätzlich ein bisschen wichtiger, vor allem das Visuelle ist für Männer viel wichtiger, und so besteht die größere Anfälligkeit für Pornogeschichten. Und Frauen benutzen Sex nicht wie eine "Aspirin". Dass eine Frau sagt: "Heute bin ich frustriert, jetzt will ich Sex", kommt vor, ist aber eher selten.

Mit Uwe Hartmann sprach Andrea Schorsch

Quelle: n-tv.de