Wissen

Herr im All sind die Russen Shuttle-Ära geht zu Ende

Sang- und klanglos läutet die US-Weltraumbehörde NASA das Ende der "Shuttle-Ära" ein. Seit über einem Vierteljahrhundert sind die einst revolutionären Raumfähren nun schon die Arbeitspferde der NASA, schaffen brav Menschen und Material ins All - doch im Grunde sind sie längst altersschwach und anfällig geworden. Jetzt gab die NASA endgültig bekannt: Ende Mai 2010 werden "Atlantis", "Discovery" und "Endeavour" ausgemustert. Und dann? Nur eines ist heute schon klar: Die neuen Herren im Weltraum werden die Russen sein. Vor allem die Europäer sehen das gar nicht gern - manche träumen schon vom eigenen Weltraum-Vehikel. Möglich wäre es.

Zwar kommt das Shuttle-Aus nicht überraschend, doch vor allem für die Europäer wird die Lage misslich: Erst im vergangenen Februar - nach jahrelanger Verzögerung - konnte die Europäische Raumfahrtorganisation ESA ihr Weltraumlabor "Columbus" auf der Internationalen Raumstation ISS installieren. Das Juwel der europäischen Raumfahrt, das auch für die Wirtschaft reichlich Grundlagenforschung betreiben soll, hat rund zehn Jahre Lebensdauer - doch von 2010 an fliegen keine Shuttles mehr.

Für mindestens fünf Jahre lang - bis die Amerikaner laut Plan ihr neues Orion-Raumschiff entwickelt haben - hat Russland mit der wesentlich kleineren, engeren und kreuz-unbequemen Sojus-Raumkapsel das Monopol in Sachen bemannter Raumfahrt. Und nicht ganz unähnlich zum Verhalten auf dem Energie- und Erdgasmarkt: Moskau wird sich seine Dienste gut bezahlen lassen. Unter der Hand heißt es in US-Raumfahrtkreisen, bis zu 50 Millionen Dollar verlangten die Russen für Hin- und Rückflug eines US-Astronauten zur ISS. Für Europäer dürften die Tarife ganz ähnlich sein - "Freundschaftspreise" wird es kaum geben.

Ein russisches Monopol im All - noch vor Jahren wäre das in den USA undenkbar gewesen. Aber auch heute, berichtete etwa die "Washington Post" kürzlich, breitet sich in der NASA Katzenjammer aus. Schon geht die Sorge um, ob die ISS wegen der flügellahmen Shuttles und ihrer häufigen Start-Verzögerungen "überhaupt fertiggestellt werden kann", wie die Raumfahrt-begeisterte Zeitung "USA Today" unlängst schrieb. "Die Shuttle-Flüge könnten enden, bevor die Station fertig ist."

Die Internationale Raumstation, ein 100-Milliarden-Dollar teurer "weißer Elefant" im All? Europäische Experten meinen unter der Hand, die Amerikaner hätten in Wahrheit längst ihr Interesse an der ISS verloren. Tatsächlich hat Präsident George W. Bush bereits ganz andere, ehrgeizige Ziele angeordnet: 2020 soll wieder ein Amerikaner auf dem Mond landen, 2037 erstmals auf dem Mars.

"Nie mehr wird sich die europäische Raumfahrt in eine solche Abhängigkeit begeben", meint ein frustrierter Experte. Immer häufiger regt sich unter Europäern die Unzufriedenheit darüber, stets auf "Mitfluggelegenheiten" angewiesen zu sein. Der Wunsch nach einem "eigenen Transportmittel für bemannte Einsätze", wie das der deutsche Astronaut Thomas Reiter nennt, wird immer stärker. Auch der Chef des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR), Johann-Dietrich Wörner, macht sich immer häufiger dafür stark.

Als Trägerrakete eines solchen Euro-Vehikels könnte die erfolgreiche und verlässliche Ariane 5 dienen. In Industriekreisen werden bereits die Kosten eines solchen Projekts gehandelt. Philippe Berterottiere, Marketingdirektor von Arianespace, ließ neulich schon öffentlich erste Zahlen verlauten. Demnach dürfte das Euro-Vehikel zwei bis drei Milliarden Euro kosten; andere Experten rechnen mit bis zu fünf Milliarden. Im November tagen die europäischen Raumfahrtminister zu dem Thema - ob dabei schon eine Entscheidung fällt?

Von Peer Meinert, dpa

Quelle: n-tv.de