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"Sea Hero Quest" ist kostenlos und steht noch bis zum Jahresende zum Download bereit.
"Sea Hero Quest" ist kostenlos und steht noch bis zum Jahresende zum Download bereit.(Foto: Deutsche Telekom)
Mittwoch, 15. Juni 2016

Eine App hilft der Demenzforschung: Spielen gegen das Vergessen

Von Andrea Schorsch

Es ist eine neue Art, wissenschaftliche Daten zu sammeln: Spielen 100.000 Menschen auch nur zwei Minuten lang "Sea Hero Quest", bringen sie die Demenz-Forschung damit um mehr als 50 Jahre voran. Und wer wäre nicht gern ein Held auf hoher See?

Die Krankheit ist gefürchtet. Einmal im Gehirn manifestiert, schreitet sie unaufhaltsam voran. Kein Medikament kann sie stoppen. Unweigerlich führt sie zum Tod. "Niemand hat jemals Demenz überlebt", sagt Hilary Evans, Vorstandsvorsitzende von Alzheimer's Research.

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Fast 47 Millionen Betroffene gibt es zurzeit auf der Welt und es werden immer mehr. Für das Jahr 2030 rechnet man schon mit 74,1 Millionen Demenzpatienten, für 2050 gar mit 135 Millionen. Alle 3,2 Sekunden erkrankt irgendwo auf der Welt ein Mensch an einer Form von Demenz, in den meisten Fällen ist es Alzheimer. Therapien können unter Umständen die Symptome lindern. Auch lässt sich die Entwicklung der Krankheit – wird sie in einem frühen Stadium erkannt – oft verlangsamen. Nichts aber kann die allmähliche Zerstörung des Gehirns verhindern. Effektive Behandlungsmethoden gibt es nicht.

Entdecken, navigieren, erinnern

Das soll sich ändern. "Sea Hero Quest" ist eine App, mit der jeder einen Beitrag gegen die Krankheit des Vergessens leisten kann. Wer "Sea Hero Quest" spielt, sucht als Entdecker auf hoher See nach den Erinnerungen des Vaters, der einst dieselbe Route bereiste. Man prägt sich Karten ein, navigiert durch Labyrinthe, sammelt Seiten aus dem Logbuch des erfahrenen Kapitäns, feuert Leuchtraketen Richtung Heimat ab und fotografiert fabelhafte Meereswesen.

Was das mit Demenz zu tun hat? Neben der Vergesslichkeit, der bekanntesten Auswirkung der Krankheit, gehört auch eine gestörte Orientierung zu den ersten Symptomen. Sich zielgerichtet durch die Umgebung zu bewegen, wird schwieriger. Markante Punkte wie der Blumenladen an der Ecke oder die große Kreuzung helfen nicht mehr zuverlässig dabei, sich zurechtzufinden. Auch Himmelsrichtungen und Entfernungen verlieren als Orientierungshilfe an Wirksamkeit.

Wann verläuft man sich?

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Was genau da vor sich geht, können Wissenschaftler noch nicht vollständig erklären. Es fehlen nämlich viele Informationen über das Orientierungsvermögen gesunder Menschen. Dass das sehr unterschiedlich ausgeprägt sein kann, weiß jeder. Doch wo hört der einfach schlechte Orientierungssinn eines Gesunden auf und wo fängt eine demenzbedingte Störung an? Wie finden gesunde Menschen in unbekannten Landschaften zum Ziel? Was führt dazu, dass sie sich womöglich doch verlaufen? Und wie reagieren sie dann?

Forscher hoffen, auf diese Fragen Antworten zu finden. "Sea Hero Quest" kann dabei helfen. Denn wie die Spieler darin navigieren, wird an die britischen Neurologen, die die App mit entwickelt haben, weitergeleitet. Sie erstellen daraus ein allgemeines Bewegungsprofil und gewinnen auf diese Weise wichtige Erkenntnisse darüber, wie sich Menschen in der dargestellten Umgebung orientieren. Das wiederum hilft ihnen, die Probleme von Demenzkranken zu verstehen. Die Entwicklung von Behandlungsmöglichkeiten rückt damit ein Stück näher.

Wichtig: der Spaßfaktor

Jedes Detail in dem Spiel, seien es die Pinguine auf dem Berg oder das Mammut, das sich im Eis versteckt, ist so gestaltet, dass es wissenschaftlich sinnvoll ist. "Sea Hero Quest" ist eine völlig neue Art, Forschungsdaten zu erheben. Und sie ist besonders ergiebig: Navigieren sich 100.000 Menschen auch nur zwei Minuten lang durchs Spiel, ersetzt das den Initiatoren zufolge mehr als 50 Jahre herkömmlicher Laborarbeit.

Die Spieler bleiben dabei anonym. Wer mag, kann Geschlecht, Alter und Herkunftsland angeben. Persönlicher wird es nicht. "Sea Hero Quest" hat viele prominente Unterstützer. Eckart von Hirschhausen ist einer von ihnen. "Je mehr wir über gesunde Hirne wissen, desto früher können wir Demenz behandeln. Darum setze ich mich für neue Forschungsansätze wie 'Sea Hero Quest' ein", erklärt der Arzt, Autor und Moderator seine Beweggründe.

Damit viele Menschen mitmachen, war es den Wissenschaftlern, die hinter "Sea Hero Quest" stehen, übrigens besonders wichtig, dass das Spiel Spaß macht. Download-Zahlen und Bewertungen zeigen: Mehr als einer Million Menschen gefällt das.

Quelle: n-tv.de