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Dienstag, 16. März 2010

Folterknechte im Fernsehen: Stromstöße für falsche Antworten

20 Volt: Er stöhnt. Die Ladung steigt: Er schreit. 460 Volt: Der Kandidat gibt keinen Laut mehr von sich. Was anmutet wie eine brutale TV-Show, ist in Wahrheit ein erschreckendes Experiment.

Der Dokumentarfilmer Christophe Nick wiederholt das berühmte Milgram-Experiment aus den 60er Jahren: Der Versuch bestand darin, dass die Versuchsperson, der "Lehrer" (L), einem Schauspieler, dem "Schüler" (S), bei fehlerhaften Antworten einen elektrischen Schlag versetzten sollte. Ein Versuchsleiter (V) überwachte das vermeintliche Experiment zur Untersuchung des Zusammenhangs von Bestrafung und Lernerfolg.
Der Dokumentarfilmer Christophe Nick wiederholt das berühmte Milgram-Experiment aus den 60er Jahren: Der Versuch bestand darin, dass die Versuchsperson, der "Lehrer" (L), einem Schauspieler, dem "Schüler" (S), bei fehlerhaften Antworten einen elektrischen Schlag versetzten sollte. Ein Versuchsleiter (V) überwachte das vermeintliche Experiment zur Untersuchung des Zusammenhangs von Bestrafung und Lernerfolg.(Foto: Wapcaplet, Wikipedia)

Scheinwerferlicht und Kameras, eine junge Moderatorin mit einem hinreißenden Lächeln, ein tobendes Publikum - "La Zône Extreme" ("Gefahrenzone") kommt zunächst daher wie viele andere Quizshows. Ganz gewöhnlich ist die Sendung dennoch nicht. Denn wenn der in einer Kabine eingesperrte Kandidat Jean-Paul eine Frage nicht richtig beantwortet, bekommt er zur Strafe von einem anderen Kandidaten Stromschläge versetzt. Bei 20 Volt geht es los, dann steigt die Ladung unerbittlich, bis auf 460 Volt. Jean-Paul stöhnt vor Schmerz bei jedem Stoß lauter auf, beginnt zu schreien, bittet, das Spiel zu beenden, und gibt dann plötzlich keinen Laut mehr von sich.

Eine neue Ära der Fernsehunterhaltung? "La Zône Extreme" hat es als Quizshow nie gegeben, sondern nur als Experiment französischer Forscher. Stromschläge wurden in Wirklichkeit keine ausgeteilt, Jean-Paul war ein Schauspieler, der den Schmerz nur vorspielte. Die bekannte Moderatorin Tania Young, die zweifelnde Kandidaten ungerührt zur Fortsetzung des Spiels drängte, war eingeweiht. Die Kandidaten aber, die die Fragen stellen durften und bei falschen Antworten die Hebel mit den Volt-Zahlen umlegten, wähnten sich tatsächlich in der Testsendung für eine neue Quizshow. 81 Prozent von ihnen gingen bis zum bitteren Ende und zur höchsten Voltzahl in einem Spiel, das längst einer Folterszene glich.

Fernsehen als erschreckende Macht

Die Idee zu dem Experiment hatte der Filmemacher Christophe Nick, sein Dokumentarfilm "Spiel des Todes" über die vermeintliche Quizshow wird im öffentlich-rechtlichen Sender France 2 ausgestrahlt. Dabei griff Nick auf das berühmte Experiment des Sozialpsychologen Stanley Milgram zurück. Dieser hatte Anfang der 1960er Jahre herausfinden wollen, wie sehr Menschen bereit sind, einer Autorität zu gehorchen und dabei unmenschliche Dinge zu tun. Bei Versuchen an der US-Eliteuniversität Yale machte er Testpersonen glaubhaft, sie müssten im Dienste der Wissenschaft Stromschläge an andere Probanden verteilen. Die Bereitschaft der meisten Probanden, auch sehr starke Stromschläge auszugeben, schockierte damals die Öffentlichkeit.

Der Filmemacher Nick übertrug das Experiment in die heutige Fernsehwelt. Er stellte sich die Frage, inwieweit das Fernsehen in der Lage ist, Menschen zu manipulieren. Seine Schlussfolgerung: "Das Fernsehen kann fast jeden dazu bringen, alles zu machen. Das ist eine erschreckende Macht." Eine Macht, die allzu oft missbraucht werde: Bereits heute gebe es in vielen Ländern Fernsehshows, in denen Menschen dazu gebracht würden, entwürdigende und gefährliche Dinge zu tun.

Kandidaten gehen bis zum Ende

Der Psychologe Jean-Léon Beauvois, der das Forscherteam leitete, geht noch einen Schritt weiter. In dem Dokumentarfilm spricht er von einer "Masse der Fernseh-Individuen", die von der selben Werbung, den selben Serien, den selben Quiz- und Talkshows geformt und in ihrem Denken und Handeln geprägt worden sei. "Das ist eine Form von Totalitarismus."

Die insgesamt 80 Kandidaten, die teilnahmen, nimmt Nick dagegen in Schutz: "Man merkt: Sie wollen das nicht machen. Sie versuchen alles, um die Moderatorin dazu zu bringen, das Spiel abzubrechen." Trotzdem: "Sie gehorchen und gehen bis zum Ende." Verantwortlich ist für Nick das ganze Umfeld der Show: Kameras, Publikum, die Moderatorin. "Die Leute sagen sich: Ich bin im Fernsehen, ich muss machen, was von mir erwartet wird." Geld spielte keine Rolle, denn es gab nur eine Aufwandsentschädigung für die Teilnahme, aber kein Preisgeld.

Hinterher hätten sich die Kandidaten über sich selbst erschrocken gezeigt, aber auch eine wichtige Lektion gelernt, sagt Nick. "Der Versuch hat bei einigen das Leben verändert." Und sie wollen offenbar auch, dass andere von ihrer Erfahrung profitieren: Nur drei der Kandidaten gaben kein Einverständnis dafür, in dem Dokumentarfilm gezeigt zu werden.

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Quelle: n-tv.de