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Terrorwarnungen und Phantasie Was macht uns Angst?

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Auch für Deutschland ein mögliches Anschlagsszenario: das Attentat eines fanatisierten Einzeltäters.

(Foto: Reuters)

Auf Terrorwarnungen reagieren nicht alle Menschen gleich. Experte Borwin Bandelow erklärt im Gespräch mit n-tv.de, was unsere Ängste nährt. Dabei spricht er auch über die Selbstüberschätzung von Autofahrern, die Wahrscheinlichkeit, vom Blitz getroffen zu werden und über die Tatsache, dass sich jeder zweite Deutsche ausrechnen kann, woran er wahrscheinlich sterben wird.

n-tv.de: Herr Bandelow, warum reagieren manche Menschen mit Angst auf Terrorwarnungen, während andere gelassen bleiben?

Borwin Bandelow: Menschen sind ganz unterschiedlich ängstlich. So wie es große und kleine Menschen gibt, sind manche Menschen einfach ängstlicher als andere. Diese, die ängstlicheren, reagieren dann manchmal übertrieben auf neue Gefahren, weil sie deren Häufigkeit falsch einschätzen. Immer wenn eine Gefahr neu oder unbeherrschbar erscheint, sehen wir die statistische Wahrscheinlichkeit viel schlimmer als sie wirklich ist. Ohne die Gefahr eines Attentats verharmlosen zu wollen: Würden bei einem schrecklichen Terroranschlag 50 Menschen sterben, wären das weniger als jedes Jahr in Deutschland vom Blitz getroffen werden. Es steht aber nicht regelmäßig in der Zeitung, dass man bei einem Gewitter auf Blitzeinschlag achten sollte. Doch bei Terror sperren alle die Ohren auf.

Hängt die Angst also auch davon ab, wie oft wir von dem gefährlichen Ereignis hören, wie viel wir darüber lesen?

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Ein Bild aus den Favelas in Sao Paulo: Auch unter furchteinflößenden Bedingungen bleibt Angst nicht dauerhaft bestehen.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Die Medien sind nicht schuld an dem gegenwärtigen Hype der Terrorangst. Es sind die Medienkonsumenten, die solche Angstthemen vorgeben. Andere, viel häufigere Gefahren - wie etwa Bluthochdruck - würden in Zeitungsbeiträgen kaum auf Interesse stoßen. Jeder Leser würde denken: "Mich wird's schon nicht treffen." Der Terror aber ist eine vergleichsweise neue Gefahr, und die letzten Warnungen lassen ihn unbeherrschbar erscheinen. Darauf reagieren dann viele Menschen.

Welche Rolle spielen Phantasien und "Kopfkino" bei der Angst?

Ängstliche Menschen "katastrophisieren": Schon bei kleinen Gefahren sehen sie gleich den Super-GAU. In ihrer Phantasie werden drohende Gefahren Wirklichkeit, und sie malen sich diese Gefahren besonders schlimm aus. Wenn sie entsprechende Berichte in der Zeitung lesen, leiden ängstliche Menschen auch mehr. Eher zwanghafte Menschen neigen dazu, sich die Statistik besser auszurechnen. Sie sagen sich: Die Wahrscheinlichkeit, dass ich Opfer eines Terroranschlags werde, ist grob 1:82.000.000, denn so viele Menschen leben in Deutschland. Natürlich steigt die Wahrscheinlichkeit an bestimmten Orten. – Die Phantasievollen aber haben die Statistik nicht im Blick. Sie beurteilen die Gefahr eher unrealistisch und übertrieben und malen sich eher aus, dass ausgerechnet sie getroffen werden.

Wie wichtig ist für die eigene Gelassenheit ein Gefühl von Kontrolle?

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Verkehrsunfälle zeigen, wie wenig wir die Situation im Griff haben - entgegen unserer Einschätzung.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Fast jeder denkt, er wäre ein guter Autofahrer und geht davon aus, dass er schon keinen Unfall haben wird. Das ist selbst bei denen so, die bereits Unfälle hatten. Da überschätzt sich jeder gern. Und trotzdem gibt es bei uns jedes Jahr gut 4000 Verkehrstote. Das zeigt, dass wir die Situation gar nicht wirklich im Griff haben. – Beim Terror dagegen glauben wir von vornherein, wir hätten keine Kontrolle. Es reichen ja schon ein paar hundert Gramm Sprengstoff, um ein Flugzeug vom Himmel zu holen. Eine solche Menge kann man überall verstecken. Diese faktische Unkontrollierbarkeit macht uns Angst.

Und aus demselben Grund beunruhigt es uns, wenn wir hören, dass nicht alle bekannten Informationen an die Öffentlichkeit weitergegeben werden?

Manche Informationen werden nicht weitergegeben, um die Ermittlungen nicht zu gefährden. Aber immer, wenn uns etwas ungewiss erscheint oder im Vagen gehalten wird, verstärkt das die Angst. Denken Sie an die Schweinegrippe, wo man dachte, dass die Ärzte nichts dagegen tun können. So etwas kann unter Umständen zur Hysterie führen. Aber wer hat schon Angst vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen, an denen tatsächlich 42 Prozent aller Deutschen sterben? Darauf arbeiten viele durch falsche Ernährung und wenig Bewegung sogar noch gezielt hin – obwohl sich fast jeder zweite ausrechnen kann, dass er daran stirbt.

Was geschieht mit der Angst, wenn die Bedrohungslage längere Zeit anhält?

Nach meinen Beobachtungen nimmt die Angst nach vier Wochen ab. Menschen adaptieren sich an Gefahren. Wer mit starker Furcht lebt, reduziert die Angst allmählich und lebt schließlich genauso glücklich wie andere. Die Gesichter der Menschen in den Favelas von São Paulo, den gefährlichen Armenvierteln, sind viel fröhlicher als die der Menschen in Frankfurt am Main. Oder schauen Sie nach Bagdad oder Johannisburg, den vielleicht gefährlichsten Orten der Welt: Dort denken die Menschen erstaunlicherweise nicht den ganzen Tag über Gefahren nach.

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(Foto: picture-alliance/ dpa)

Ist es zur eigenen Beruhigung sinnvoll, potenziell gefährdete Orte zu meiden? Oder sollte man sich der Angst stellen und weiterhin das tun, was man auch ohne Angst täte?

Ein generelles Prinzip, das ich meinen Patienten immer mit auf den Weg gebe, lautet: Man sollte sein Leben nicht aufgrund einer vagen, weit entfernten Angst völlig umstellen. Man sollte sich überlegen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit, das einem etwas passiert, realistischerweise ist. Da kommt man mitunter zu dem Ergebnis, dass es wichtiger wäre, mit dem Rauchen aufzuhören und jedes Mal beim Fahrradfahren einen Helm aufzusetzen.

Prof. Dr. Borwin Bandelow ist Psychiater an der Psychiatrischen Klinik der Universität Göttingen und Präsident der Gesellschaft für Angstforschung. Neben zahlreichen anderen Werken veröffentlichte er "Das Angstbuch. Woher Ängste kommen und wie man sie bekämpfen kann".

Mit Borwin Bandelow sprach Andrea Schorsch

Quelle: n-tv.de

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