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Achtsamkeitszellen identifiziert Wie Alkoholkonsum zur Sucht wird

Manche Menschen können sich beim Trinken von alkoholischen Getränken nicht zügeln. Welche Mechanismen im Gehirn bei diesem Kontrollverlust ablaufen, können Forscher nun zeigen.

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Regelmäßiger Alkoholkonsum schädigt die Zellen im präfrontalen Kortex.

(Foto: imago/Science Photo Library)

Die meisten Menschen wissen, wann sie genug getrunken haben. Andere können einfach nicht anders: Sie müssen weitertrinken. Ein solches Verhalten führt in vielen Fällen zur Alkoholsucht. In Deutschland sind etwa vier Millionen Menschen davon betroffen. Sie haben einfach keine Kontrolle mehr über sich, wenn sie Alkohol trinken. Wie dieser Kontrollverlust entsteht, haben Forscher vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim (ZI) nun herausgefunden.

Bisher ist klar, dass die Ursache für einen Kontrollverlust in der vorderen Großhirnrinde, dem präfrontalen Kortex zu finden ist. Dieses Areal des Gehirns beeinflusst einen Großteil des Verhaltens im Alltag, zum Beispiel die Steuerung der Aufmerksamkeit und die Kontrolle von Emotionen und Motivationen.

Achtsamkeitszellen unterbrechen Gewohnheiten

Für ihre Untersuchung schaute ein Team um Dr. Wolfgang H. Sommer vom Institut für Psychopharmakologie am ZI tief ins Gehirn von Ratten und konnte im präfrontalen Kortex einen kleine, aber besondere Gruppe von Nervenzellen ausmachen, deren Aufgabe es ist, bestimmte unbewusste Gewohnheiten wie gewohnheitsmäßiges Trinken zu unterbrechen. Die Forscher gaben diesen Neuronen den Namen "Achtsamkeitszellen".

Die Achtsamkeitszellen wurden im nächsten Schritt bewusst bei Ratten ausgeschaltet. Wenn diese Tiere nun in eine Umgebung kamen, in der sie gewohnt waren, Alkohol zu erhalten, dann löste das ohne "Achtsamkeitszellen" ein verstärktes Verlangen nach Alkohol aus.

Die Ergebnisse des Experimentes verdeutlichen, dass beim Abrufen eines Gedächtnisinhaltes bestimmte Neuronen aktiv werden, von denen einige die Aufgabe haben, eine Antwort auf den Reiz - in diesem Falle den Alkohol - aktiv zu unterdrücken. So wird es möglich, dass eine Situation zuerst bewusst wahrgenommen und eventuell auch bewertet wird, bevor eine bestimmte Handlung, wie das unachtsame und gewohnheitsmäßige Trinken von Alkohol, ausgeführt wird.

Neuronen schließen sich zusammen

Um so eine komplexe Aufgabe zu erfüllen, schließen sich bestimmte Nervenzellen zu einem funktionalen Ensemble zusammen. Vor allem bei höheren Hirnfunktionen wie der Verhaltenssteuerung scheint diese spezielle Form der Arbeitsorganisation eine tragende Rolle zu spielen. Auch bei alkoholbezogenen Impulshandlungen ist ein funktionales Ensemble von Neuronen für die Verhaltenskontrolle zuständig.

Der Fundort des speziellen Ensembles wird von Neurowissenschaftlern als Area 25 bezeichnet. Schon in früheren Untersuchungen konnte gezeigt werden, dass Neuronen in dem speziellen Bereich des Gehirns besonders empfindlich auf Alkoholkonsum reagieren. Langfristige Schädigungen in Area 25 lassen sich bei Patienten mit Alkoholsucht sogar nachweisen. Aus allen Befunden lässt sich zusammenfassend darstellen, dass ein Funktionsausfall, beispielsweise durch Schädigungen in dieser Hirnregion, grundlegende Mechanismen der Achtsamkeit beeinträchtigt und damit bei Alkoholkranken die Gefahr eines Rückfalls verstärkt.

Quelle: n-tv.de, jaz

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