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Tropenvirus grassiert im Südwesten Zugvögel bringen den Tod

Das tropische Usutu-Virus bereitet derzeit den Vogelexperten im Südwesten Deutschlands große Sorgen. Zu tausenden fallen dort Tiere dem Erreger zum Opfer, der vermutlich mit Zugvögeln aus Afrika eingeschleppt wurde und von Stechmücken übertragen wird. Es kann Jahre dauern, bis sich die Vögel von dem Massensterben erholt haben.

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Der Star ist heute einer der am häufigsten vorkommenden Vogelart der Welt.

(Foto: picture alliance / dpa)

Seltsam verhält sich die Amsel im Garten: Sie hat keine Fluchtreflexe mehr, lässt die Flügel hängen oder flattert komisch umher, wirkt orientierungslos, fällt vom Ast und hat völlig zerzaustes Gefieder - täglich rufen zurzeit bei Zoologe Norbert Becker Anwohner an und schildern das traurige Bild einer kranken Amsel im Garten. Schon ohne das Tier gesehen zu haben, kann Becker vermuten, was den Vogel befallen hat: Es ist das Usutu-Virus - schon wieder Usutu.

"In dem Maße, in dem es in diesem Jahr wieder eingetroffen ist - damit hätte ich nicht gerechnet", meint Becker besorgt. Täglich meldeten ihm Leute tote oder offensichtlich erkrankte Vögel. "Und das, was uns gemeldet wird, ist ja nur ein Bruchteil dessen, was wirklich verendet", sagt der wissenschaftliche Direktor der Kommunalen Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage (KABS) im rheinland-pfälzischen Waldsee. Tatsächlich fielen nach 2011 auch 2012 bestimmt wieder tausende Vögel dem tropischen Usutu-Virus zum Opfer.

Im vergangenen Jahr starben Vögel in Baden-Württemberg, Hessen und Rheinland-Pfalz reihenweise an Usutu. Ganz besonders betroffen waren damals die Regionen um Mannheim und Heidelberg. In diesem Jahr verendeten vor allem Tiere in dem Gebiet um Neustadt an der Weinstraße, erzählt Becker. Aus manchen Vororten von Neustadt sei die Amsel fast komplett verschwunden. Zudem tauchte zu Beginn des Sommers in Nordrhein-Westfalen ein erster infizierter Vogel auf.

Von den Vögeln lernen

Dem Usutu auf den Fersen sind die Virologen des Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg (BNI). Dort wiesen die Wissenschaftlern erstmals im Jahr 2010 die Erreger in einer Stechmücke nach. Ein Jahr später entdeckten sie die Krankheit an Vögeln. Usutu-infizierte Menschen hätten die Forscher hierzulande noch keine gefunden, sagt BNI-Virologe Jonas Schmidt-Chanasit - was nicht heiße, dass es nicht schon Krankheitsfälle gegeben haben könne. "Normalerweise verläuft die Infektion wie eine Sommergrippe. Damit werden viele vielleicht gar nicht zum Arzt gehen", sagt der Mediziner.

Dennoch ist Usutu nicht nur für Vogelfreunde, sondern auch für Humanmediziner von besonderem Interesse: "Es ist das erste Virus, das in Deutschland von Stechmücken übertragen wird und Erkrankungen hervorrufen kann", erklärt Schmidt-Chanasit. Sollten einmal für Menschen gefährlichere Viren kommen, etwa der Erreger des Denguefiebers, "dann haben wir durch Usutu schon grundlegende Daten, die wir nutzen können". Um die Datenbasis zu erstellen, untersuchen die Wissenschaftler nun reihenweise tote Vögel.

Das Virus einzudämmen ist hingegen schwierig: Es helfe derzeit lediglich, den Stechmücken als Überträgern des Usutu den Garaus zu machen, meint Becker. Gartenbesitzer sollten daher auf volle Regentonnen, Vogeltränken oder volle Eimer verzichten, denn dort entwickelten sich viele hundert Mücken-Larven.

Ihre Hoffnung für die Vögel setzen die Experten aber vor allem auf die Selbstheilungskraft der Natur: «Wir hoffen, dass noch Tiere immun sind», meint Becker. Auch denkbar sei, dass Vögel in den betroffenen Gebieten eine Art Immunität gegen das Virus aufbauten und sich so wieder vermehrten oder dass von außerhalb neue Vögel zuzögen. Bis die Vogelwelt im Südwesten aber wieder die Alte sei, "das wird zum Teil Jahre, wenn nicht Jahrzehnte dauern", meint Virologe Schmidt-Chanasit. "Usutu hat auf die Vogelwelt schon einen einschneidenden Einfluss."

Quelle: n-tv.de, Caroline Biehl, AFP

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