Frage & Antwort

Frage & Antwort Tötet die Vollnarkose Hirnzellen?

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Mit moderner Technik werden heute die Vitalfunktionen von Patienten während einer Operation mit Vollnarkose überwacht.

(Foto: picture alliance / dpa)

Ich musste mich in letzter Zeit gleich mehreren Operationen mit Vollnarkose unterziehen und mache mir nun Sorgen, dass eine Reihe an Gehirnzellen abgestorben sein könnten. Stimmt das denn oder ist das nur ein Gerücht? (fragt Susanne N. aus Berlin)

Jeder, der sich einem operativen Eingriff unterziehen muss, ist froh, dass er dank Narkose währenddessen nichts spürt. Dass man kurz nach einer Operation mit Vollnarkose etwas benommen ist, ist normal. Wenn man jedoch auch nach einem längeren Zeitraum nicht sagen kann, wo man ist, ist das dagegen bedenklich. Leicht kann dadurch der Verdacht entstehen, die Narkose sei daran schuld. Vielleicht, weil sie Zellen im Gehirn tötet? Das ist nicht der Fall, weiß Professor Christian Werner, Direktor der Klinik für Anästhesiologie der Uni-Klinik Mainz und erklärt die Ursachen für sogenannte Hirnleistungsstörungen nach einer Operation in einem Gespräch mit n-tv.de.

"Immer wieder gibt es Patienten, die nach einer Vollnarkose nicht mehr so sind wie vorher, zumindest vorübergehend", erzählt der Experte aus der Praxis. "Das betrifft vor allem ältere Patienten und ist auch nicht weiter verwunderlich", so Werner weiter. Diese Menschen mussten sich einem chirurgischen Eingriff unterziehen, ihre gewohnte Umgebung verlassen und durften mehrere Stunden vor der Operation nichts mehr essen. Das ist für viele Patienten, gepaart mit der Angst vor dem Eingriff, der pure Stress und kann durchaus zu den beobachteten Aussetzern führen.

"Bei einer Operation ohne Komplikationen wird durch die Vollnarkose keine einzige Gehirnzelle geschädigt", fasst Werner zusammen. Eine Vollnarkose könne sogar neuroprotektiv sein, so der Experte weiter. Das bedeutet, wenn es im Gehirn eine Minderdurchblutung zum Beispiel nach einem Schädel-Hirn-Trauma oder Schlaganfall gibt, dann können Anästhetika diese Gehirnzellen vor dem Absterben schützen.

Bei Kindern vielleicht anders

Es gibt Untersuchungen an Tieren, die vor 15 Jahren erstmals publiziert worden. Dabei wurden früh- oder neugeborene kleine Säugetiere verschiedenen Anästhetika ausgesetzt. Man konnte dann feststellen, dass es bei den Tieren zu Nervenzellendegenerationen gekommen war. "Mit diesen Erkenntnissen kann man heute nicht ausschließen, dass es in der Phase der höchsten Vermehrung von Hirnzellen, der sogenannten Synaptogenese, die im letzten Schwangerschaftsmonat bis hin zur zehnten Lebenswoche eines Säuglings passiert, zur Störung dieses Prozesses kommen kann. Allerdings reichen diese Tierexperimente nicht aus, um Schlussfolgerungen auf Kindernarkosen zu ziehen", betont Werner, der auch Präsident der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) ist.

Besonders ängstliche Eltern, deren Babys sich kleineren chirurgischen Eingriffen (etwa bei einem Leistenbruch oder einem Hodenhochstand) unterziehen müssen, sollten in Absprache mit dem behandelnden Kinderarzt einfach die zehnte Lebenswoche ihres Kindes abwarten, bevor operiert wird. Weder Werner selbst noch die Fachgesellschaft für Anästhesiologie sieht aufgrund der Tierexperimente einen Anlass, die bestehenden Vorgehensweisen zu ändern. Große klinische Studien, die Kinder über Jahre hinweg begleiten werden, sind bereits angelaufen. Erste Ergebnisse daraus sind für 2018 geplant.

Übrigens:  Vor einer Vollnarkose nüchtern zu sein, ist sehr wichtig. Die Betäubung schaltet Bewusstsein und Schmerzen aus und damit auch wichtige Schutzreflexe wie Husten oder Schlucken. Mageninhalt könnte deshalb die Speiseröhre hinauflaufen. Atmet man ihn ein, kann das eine schwere Lungenentzündung verursachen. Je leerer der Magen, desto geringer ist das Risiko, dass so etwas passiert.

Quelle: n-tv.de

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