Frage & Antwort

Frage & Antwort, Nr. 548 Verlernt man Fahrradfahren wirklich nicht?

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Einmal richtig gelernt, bleibt Radfahren als Fähigkeit bis ins hohe Alter erhalten.

(Foto: imago/Westend61)

Manche Dinge verlernt man unter normalen Umständen sein Leben lang nicht mehr. Radfahren, Schwimmen oder Schlittschuhlaufen werden dazu gezählt. Warum einem hingegen der PIN-Code der Kreditkarte oder der Name einer langjährigen Mitschülerin auf einmal nicht mehr einfallen wollen, können Gedächtnisforscher erklären.

Es geht nämlich um zwei verschiedene Dinge, die dabei an verschiedenen Stellen im Gehirn abgespeichert werden. Namen oder Nummern, die man sich merkt, werden im sogenannten Faktengedächtnis abgelegt. Die Summe dieser Inhalte bezeichnen Gedächtnisforscher auch als semantisches Wissen. Bestimmte Ereignisse hingegen, zum Beispiel die Erinnerung an den ersten Schultag oder den ersten Kuss werden im episodischen Gedächtnis gespeichert. Beiden gemeinsam ist, dass sich jeder gesunde Mensch dieser Gedächtnisinhalte bewusst ist. Damit entsteht die Möglichkeit, sie anderen mitzuteilen. Wegen dieser Gemeinsamkeit werden sie unter dem Oberbegriff deklaratives Wissen zusammengefasst.

Fähigkeiten, die automatisch ablaufen

Demgegenüber stehen erlernte, körperliche Fertigkeiten, die quasi automatisch ausgeführt werden können. Ein Beispiel dafür ist das oft als unverlernbar bezeichnete Radfahren. Dieses besondere Wissen, in der Fachsprache auch als prozedurales Wissen bezeichnet, kann im Gegensatz zum deklarativen Wissen nicht bewusst abgerufen werden. Ein Beispiel: Jemand, der seine Jugend hindurch weite Strecken mit dem Rad zurückgelegt hat, bricht das Radfahren wegen der Anschaffung eines Autos von heute auf morgen ab. Nach mehreren Jahren ohne Fahrrad wird er gefragt, ob er überhaupt noch Radfahren könne. Die Antwort darauf kann die befragte Person, die gesund ist, jedoch nicht mit Sicherheit geben. Die Radfahrfähigkeit müsste in einem erneuten Versuch erst unter Beweis gestellt werden. Dabei könnten am Anfang ein paar wackelige Unsicherheiten auftreten, die sich jedoch schnell wieder legen würden.

Gedächtnisforscher sind sich sicher, dass einfache Bewegungsabläufe, die einmal so gut gelernt worden sind, dass sie automatisch ausgeführt werden können, tatsächlich ein Leben lang im Gehirn verfügbar bleiben. Gespeichert sind sie hauptsächlich in den sogenannten Basalganglien unter der Großhirnrinde und in den Scheitellappen.

Deklaratives Wissen hingegen kann im Laufe der Zeit schon mal verloren gehen. Über die Gründe jedoch sind sich die Experten noch nicht im Klaren. Eine These besagt, dass sich in den Hirnregionen, in denen prozedurales Wissen abgespeichert wird, wesentlich weniger Nervenzellen neu bilden als im Hippocampus, wo deklaratives Wissen gespeichert wird. Der dort stattfindende ständige Umbau durch Neubildungen von Nervenzellen könnte zur allmählichen Löschung von deklarativem Wissen, also Fakten, Daten und Erinnerungen führen. Wissenschaftlich fundierte Beweise dafür fehlen jedoch.

Übrigens: Das Behalten von bestimmten Fähigkeiten bis ans Lebensende gilt allerdings nur für simple Bewegungsabläufe. Komplexe Abfolgen dagegen können genauso wie Fakten oder Episoden wieder vergessen - weil nichts anderes ist ja verlernen - werden. Ein gutes Beispiel dafür ist der Hochzeitswalzer. Ist der Grundschritt stundenlang einstudiert, ist er bei den meisten auch noch nach Jahren relativ schnell wieder aktivierbar. Alle Drehungen, Figuren und andere Finessen allerdings, scheinen wie aus dem Kopf geblasen.

Quelle: n-tv.de

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