Frage & Antwort

Frage & Antwort, Nr. 27 Vertauschen Spiegel auch oben und unten?

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Das Jagdschlosses Moritzburg bei Dresden spiegelt sich im Wasser.

(Foto: picture-alliance/ ZB)

Warum vertauscht ein Spiegel zwar rechts und links, aber nicht oben und unten? (fragt Jörg Rupeter aus Bochum)

Wir kennen das Phänomen: Wir greifen morgens zur Zahnbürste, die meisten von uns mit der rechten Hand, und beginnen eifrig, unser Gebiss zu schrubben. Dabei wagen wir einen Blick in den Spiegel. Und was stellen wir fest? Dass wir immer noch ziemlich verknittert aussehen? Ja, mag sein. Außerdem bemerken wir aber, dass sich auch unser Spiegelbild die Zähne putzt, und zwar mit links.

Lassen Sie es sich gesagt sein: Ein Spiegel, der so leichtfertig rechts und links zu vertauschen scheint, dem gelingt es auch, die Welt auf den Kopf zu stellen. Es kommt einfach nur darauf an, wo Sie Ihren Spiegel aufhängen. Oder, um im Fachjargon zu bleiben: Es ist alles eine Frage des Beobachterstandpunktes.

Strahlenverlauf an verschiedenen Punkten des Objektes

Strahlenverlauf an verschiedenen Punkten des Objektes.

Denn wie der Schriftsteller Umberto Eco treffend schreibt: "Würden wir, statt an vertikale Spiegel gewöhnt zu sein, öfter Spiegel horizontal unter der Decke anbringen, so könnten wir uns davon überzeugen, dass Spiegel sehr wohl auch oben und unten vertauschen, um uns eine 'kopfstehende' Welt zu zeigen."

So weit, so gut. Doch genau genommen vertauscht ein Spiegel weder rechts und links noch oben und unten. Warum nehmen wir das dennoch so wahr?

Der Mensch im Spiegel bin ich

Wenn wir beim Zähneputzen in den Spiegel schauen, sehen wir einen Menschen mit der Zahnbürste in der linken Hand. Seit Kinderzeiten wissen wir: Der Mensch im Spiegel sind wir selbst. Und schon meinen wir, dass wir uns um die eigene Achse drehen müssten, um selbst so dazustehen wie unser Spiegelbild. Damit verbunden ist die Erwartung, dass unsere Zahnbürste, die wir in der rechten Hand halten, im Spiegel links erscheint. Tut sie aber nicht. So kommen wir zu dem Schluss, dass der Spiegel die Seiten vertauscht.

Richtig ist aber, dass ein Spiegel, wie es Eco ausdrückt, rechts und links genau dort reflektiert, wo rechts und links sind - und damit die Zahnbürste auf der Seite zeigt, auf der wir sie tatsächlich halten.

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Und damit kommen wir zu den physikalischen Gesetzmäßigkeiten einer Spiegelung. Jeder Punkt eines Objektes sendet (als nicht selbstleuchtende Lichtquelle) Licht in alle Richtungen aus. Befindet sich ein Objekt vor einem Spiegel, wird das von ihm ausgehende Licht am Spiegel reflektiert. Das erfolgt nach dem Reflexionsgesetz: Der Einfallswinkel des Lichts entspricht dem Ausfallswinkel. Das Licht fällt dann ins Auge des Betrachters und bildet dort punktweise ein Bild auf der Netzhaut. Führt man die Konstruktion des Strahlenverlaufs für jeden Punkt des Objektes aus, so erhält man sein Spiegelbild.

Spiegelung ist Deckungsgleichheit

Wir sehen den Punkt H an der Stelle H', von wo aus die Lichtstrahlen geradlinig in unsere Augen zu kommen scheinen. Daher sieht es, wenn wir vor dem Spiegel stehen, so aus, als befände sich eine gleiche Person im virtuellen Raum in gleicher Entfernung hinter dem Spiegel.

Bei dieser Reflexion am ebenen Spiegel überkreuzt kein Strahl den anderen. Deswegen handelt es sich bei der Spiegelung eben nicht um eine Umkehrung, sondern vielmehr um Deckungsgleichheit.

Wenn wir uns so sehen wollen, wie andere uns sehen, und das ganz ohne Fotografie, reicht ein Blick in den Spiegel übrigens nicht. Dafür müssen wir unser Spiegelbild noch einmal spiegeln, z.B. in einem Klapp- bzw. Winkelspiegel.

Denn zwei Spiegel, die senkrecht aufeinander stehen, reflektieren das Licht in die gleiche Richtung zurück, aus der es gekommen ist.

Dann erscheint die Zahnbürste, die wir in der rechten Hand halten, tatsächlich auf der linken Seite im Spiegel. Und wir können ganz beruhigt sein, denn auch unser "Gegenüber" putzt sich dann eindeutig mit rechts die Zähne.

Quelle: ntv.de