Frage & Antwort

Frage & Antwort, Nr. 7 Verwechseln sich Zwillinge selbst?

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Die Zwillinge Rosa (l) und Lara kennen die Blicke, die sie auf sich ziehen.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Können Zwillinge sich selbst verwechseln? (fragt Wilhelmine aus Berlin)

Klingt abwegig, aber ... wer weiß. Da in der Redaktion kein Zwilling aufzutreiben war, fragten wir jemanden, der es wissen muss: Zwillingsforscher Dr. Andreas Busjahn, Chef des Forschungsinstituts HealthTwiSt.

"Erst einmal zur Begriffsklärung: Es gibt ja nicht DIE Zwillinge, sondern eineiige (monozygote MZ) und zweieiige (dizygote DZ) Zwillinge. Während zweieiige Zwillinge nur die gleiche Ähnlichkeit zeigen wie Geschwister allgemein, können eineiige Zwillinge den Betrachter in der Tat oft in die Irre führen. Dabei kann die Ähnlichkeit aber durchaus variieren. Während bei den meisten MZ der Gewichtsunterschied etwa 4 Kilogramm beträgt, können es im Extremfall auch schon mal 20 Kilogramm oder mehr sein (zum Vergleich: bei DZ sind es im Mittel 11 Kilogramm Unterschied). Auch für die Fingerabdrücke gilt übrigens, dass sie ähnlich, aber nur sehr selten identisch sind.

Zuerst nimmt man die Ähnlichkeit wahr

Wer verwechselt nun eigentlich Zwillinge und warum? Jeder Fremde, der Zwillingen gegenübersteht, wird erst einmal nur die Ähnlichkeit feststellen. Unsere Wahrnehmung ist ja höchst subjektiv und konzentriert sich auf das Ungewöhnliche. Die starke Ähnlichkeit von Gesichtsform, Nase, Haaren und Ohren leitet unseren Blick und macht die Suche nach Unterschieden zu einem schwierigen Unterfangen.

Ähnlich geht es uns, wenn wir Angehörigen anderer ethnischer Gruppen oder auch Menschen in Uniformen jeder Art betrachten: die Gemeinsamkeiten treten in den Vordergrund und erst Gewöhnung erlaubt eine Differenzierung (so kann der Offizier schließlich seine Soldaten besser auseinanderhalten als etwa eine bunte Studententruppe).

Typische Merkmale sind erkennbar

Nähere Bekanntschaft mit Zwillingen führt dann dazu, dass erst äußere Unterschiede und dann zunehmend auch Differenzen im Wesen bemerkt werden, dabei sind Eltern und Geschwister besser in der Unterscheidung als zum Beispiel Lehrer. Hier birgt oft die Reduktion auf wenige typische Merkmale (Zopf = Liese, Haarspange = Lotte) viel Potenzial für den Rollentausch durch Veränderung weniger Merkmale.

Beim Betrachten von Fotos behaupten die meisten Zwillinge, eine eindeutige Zuordnung treffen zu können. Allerdings ist es schon vorgekommen, dass dies bei undeutlichen Kinderfotos praktisch unmöglich war und wahrscheinlich die lange Tradition der Betrachtung der Bilder in der Familie die Zuordnung bestimmte, unabhängig von der Realität. Ein 'Test' hierzu ist aber schwierig. Die meisten Zwillinge haben charakteristische Leberflecken, die eine Zuordnung ermöglichen. Auch wenn die Zahl solcher Flecken und auch die Anordnung durch die Gene beeinflusst werden, spielt der Zufall bei der konkreten Ausprägung dieses Merkmals doch eine wichtige Rolle.

Lautet also die eindeutige Antwort: Nein, Zwillinge können sich nicht selbst verwechseln? Nun, es bleibt ein letztes Fragezeichen, denn woher weiß Zwilling Liese, dass sie nicht in Wirklichkeit Lotte ist, aber in der ersten Lebenswoche mal verwechselt wurde? Alle Diskussionen um die Sonderrolle der Erstgeborenen setzen ja voraus, dass von Stunde null an immer eine eindeutige Zuordnung möglich war, und weder gestresstes Klinikpersonal noch die arg beschäftigen Doppeleltern sind über jeden Zweifel erhaben.

Quelle: ntv.de