Frage & Antwort

Frage & Antwort, Nr. 344 Warum haben Fußballer O-Beine?

littbarski.jpg

Die O-Beine von Pierre Littbarski, Weltmeister von 1990, galten seinerzeit als die krummsten der Bundesliga. 2013 aber hat Littbarski ein Bein begradigen lassen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Bei der WM in diesem Sommer ist es mir wieder mal aufgefallen: Fußballer haben wirklich oft O-Beine. Wie kommt das? (fragt Robert S. aus Ludwigshafen)

Als wir ihn mit unserer Leserfrage konfrontieren, ist es Gerhart Bayer vom Institut für Sportwissenschaft der Humboldt-Universität in Berlin wichtig, schnell mit dem Mythos aufzuräumen. "Es gibt viele Fußballer, die haben keine O-Beine", antwortet er. "Nicht jeder, der Fußball spielt, bekommt davon automatisch krumme Beine." Und dann fügt der Privatdozent noch hinzu: "Viele der 'O-Beine' auf dem Fußballplatz sind gar keine. Aber sie sehen so aus."

Sind keine, aber sehen so aus? Wie kann das sein? Sollten die Zuschauer quasi einer optischen Täuschung aufsitzen? "In gewisser Weise ja", sagt Bayer. Er erklärt: "Die typischen Fußballer-Waden, die aber ja auch nicht jeder Spieler hat, geben den Beinen oft den Anschein, krumm zu sein. Hinzu kommen noch die Stutzen und Schienbeinschoner. Das sieht dann alles zusammen oft nach O-Beinen aus. Doch würde man die Beinachsen wirklich überprüfen, käme man häufig zu dem Ergebnis, dass der Schein trügt."

Optische Täuschung durch Wadenform

o-beine.jpg

Na, das sieht doch ganz gut aus. Zu bedenken ist: Stramme Waden und Schienbeinschoner können quasi zu einer optischen Täuschung führen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Fußballer-Waden also sind schuld an dem überzogenen Bild - zumindest in einigen Fällen. Aber ist die Beinmuskulatur von Fußballern denn wirklich etwas Besonderes? Hat nicht jeder Sportler, der viel laufen muss, stramme Waden - und trotzdem optisch gerade Beine? "Man muss bedenken", sagt Bayer, "dass Fußballer ein hohes Laufpensum und viele Antritte, Stopps, Sprünge und hochdynamische Richtungswechsel haben, ihre Schuhe aber durch die Stollen verhältnismäßig starr mit dem Boden verbunden sind. Und der Schuh ist extrem steif. Fußballer müssen daher sehr gut aufpassen, dass sie nicht umknicken. Bei Läufern fängt der Fuß viel ab, er wirkt wie ein Dämpfer. Das Fußgewölbe kann bei Läufern mitarbeiten. Das geht bei Fußballern wegen der Schuhe und Stollen nur eingeschränkt. Und diese veränderte, höhere Belastung wird nach oben weitergegeben, zunächst an den Unterschenkel, dann bis zur Wirbelsäule. Hinzu kommt die oft starke Schräglage der Fußballer beim Laufen, was zur zusätzlichen Belastung der seitlichen Wadenmuskulatur führt. Ihre Beinmuskulatur wird also extrem beansprucht und das auf eine ganz besondere Weise."

Und trotzdem haben nicht alle Fußballer gleich stark ausgeprägte Wadenmuskeln (und damit den Hang zu zumindest optischen O-Beinen). "Eine große Rolle spielt da die genetische Veranlagung", erläutert Bayer. "Und natürlich muss man auch die jeweilige Position des Spielers auf dem Platz berücksichtigen. Ein Stürmer, der vorne viel sprintet, wird muskulöser sein als jemand, der mehr im Mittelfeld spielt, der also viel läuft, aber nicht in den gleichen Geschwindigkeiten wie ein Stürmer. Da treten andere Kräfte auf."

Gefahr für O-Beine besteht

So kann es innerhalb einer Mannschaft die unterschiedlichsten Beinformen geben, manche von ihnen auf den ersten Blick recht rund mit viel Platz in der Mitte. Und tatsächlich, das räumt Bayer doch ein, besteht bei der hohen und spezifischen Laufbelastung, der die Fußballer ausgesetzt sind, eine erhöhte Gefahr, O-Beine zu entwickeln. Denn "auf die Dauer", so sagt er, "gibt bei ständigen Stopps und Richtungswechseln der Knochen nach." Das gilt natürlich besonders bei jungen Fußballern, die in der Wachstumsphase spielen, wenn die Knochen noch weich und leicht verformbar sind. "Einseitige, sich immer wiederholende Belastungen, besonders in Wettkampfintensität, sind hier das Problem", sagt der Sportwissenschaftler.

Doch auch bei den jungen Spielern sind O-Beine nicht unausweichlich. "Man kann dem durch systematisches Kraft- und Beweglichkeitstraining entgegenwirken", weiß Bayer. "Bei Vereinen, die eine gute Nachwuchsarbeit leisten, und bei Weltklasse-Fußballern sind O-Beine daher seltener." Ein solches Training beinhaltet dann auch eine Dehnung der Abduktoren, der Abspreizer-Muskeln auf der Oberschenkel-Außenseite. Denn die sind bei Fußballern, wie die Beinmuskulatur insgesamt, oft verkürzt. Was dann passiert? Die Beine lassen sich schwerer schließen. Es ist eine Bewegung, auf die man sich dann konzentrieren muss. Wer diese Anstrengung nicht aufbringen will, läuft (und sitzt) einfach breitbeinig. Und auch das sieht dann wieder nach O-Beinen aus.

Übrigens: Erik Witvrouw von der Universität Gent ist 2009 in einer Studie der Frage nachgegangen, ob Fußball wirklich zu O-Beinen führt. Er nahm die Beine von mehr als 300 professionell kickenden Jungen im Alter von 8 bis 18 Jahren unter die Lupe. Im Vergleich mit nicht fußballspielenden Teenagern stellte er fest: Ab 14 Jahren treten in beiden Gruppen vermehrt O-Beine auf, im Alter zwischen 16 und 18 jedoch häufiger bei den Fußballern. Ein gezieltes Ausgleichstraining jedoch kann Abhilfe schaffen.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema